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MotoGP

Analyse: Wie Marc Marquez den schnelleren Jonas Folger am Sachsenring schlug

Niemand war im Deutschland-GP so schnell unterwegs wie Jonas Folger. Der Sieger hieß am Ende aber wieder Marc Marquez. Warum das so war, zeigt die Rennanalyse.
von Markus Zörweg

Motorsport-Magazin.com - Die MotoGP-Saison 2017 ist geprägt von Überraschungen, Sensationen und unvorhersehbaren Wendungen. Jonas Folgers Podium beim Heimrennen am Sachsenring zählt - trotz durchwegs starker Leistungen in der ersten Saisonhälfte - definitiv dazu. Vor allem, dass er bis kurz vor Ende um den Sieg kämpfen kann, kam wohl für die gesamte Fachwelt unerwartet. Nicht überraschend kam der schlussendliche Erfolg von Marc Marquez, sein achter in Folge am Sachsenring. Die Art, wie er sich im Duell gegen Folger durchsetzte, war aber sehr wohl ungewöhnlich. Wir arbeiten den Zweikampf Marquez vs. Folger auf.

Folger beginnt im Deutschland-GP furios

In der Startphase des Rennens, wo Jonas Folger in dieser Saison so oft große Probleme hatte, brannte er am Sachsenring ein echtes Feuerwerk ab. Obwohl er von Startplatz fünf aus sechs Runden brauchte, ehe er sämtliche vor ihm fahrende Piloten überholt hatte und die Führung von Marquez übernahm, erzielte er mit Ausnahme der Startrunde in jedem der ersten sieben Umläufe die schnellste Zeit, war teilweise bis zu vier Zehntelsekunden schneller als der Rest der Spitzenpiloten, die ausnahmslos auf derselben Reifenkombination wie er unterwegs waren: Medium/Medium. Eine echte Machtdemonstration.

Bis Runde elf diktierte Folger das Geschehen an der Spitze im Stil eines Routiniers, ehe er sich einen Fehler leistete, der für den restlichen Verlauf des Duells mit Marquez symptomatisch sein sollte. Folger verbremste sich in Kurve eins, musste weit gehen und verlor in diesem Sektor nicht nur die Führung an Marquez, sondern auch fast sechs Zehntelsekunden an Zeit. Diese konnte Folger aber in kürzester Zeit wieder gutmachen.

Ping-Pong-Spiel zwischen Marquez und Folger

In den folgenden 16 Runden kam es zum offenen Schlagabtausch zwischen den beiden Sieganwärtern. Sieben Mal war in einem einzelnen Umlauf Folger schneller, neun Mal Marquez. In keiner einzigen Runde betrug der Unterschied zwischen ihren Zeiten mehr als zwei Zehntelsekunden - sensationelle Konstanz von beiden Piloten.

Folger und Marquez schenkten sich nichts - Foto: Repsol

Konstanz sollte schließlich zum entscheidenden Faktor des Duells werden. Denn Folger war zwar schneller als Marquez - dessen persönliche beste Runde von 1:21.619 Minuten unterbot Folger gleich fünf Mal und holte sich mit 1:21.442 die schnellste Rennrunde ab - doch leistete er sich auch mehr Ausreißer nach oben als der amtierende Weltmeister. Fast alle Zeiten des Spitzenduos lagen unter der Marke von 1:22.2 Minuten. Marquez geriet nur zwei Mal über diese Marke, Folger hingegen gleich fünf Mal.

Schnellste Runden der Top-Five im Deutschland-GP:

FahrerZeitRunde
Jonas Folger1:21.4424
Marc Marquez1:21.61928
Dani Pedrosa1:21.8074
Maverick Vinales1:21.90316
Valentino Rossi1:22.09122

Entscheidend war dabei Runde 28. Folger wiederholte seinen Fehler aus dem elften Umlauf, ging wieder in Kurve ein weit und verlor viel Boden auf Marquez, der ausgerechnet nun seine schnellste Rennrunde drehte. Folger versuchte noch einmal den Anschluss an den Führenden zu finden, fuhr größtenteils auch wieder identische Sektorzeiten, allerdings zu einem hohen Preis: Die Reifen, die Folger hinter Marquez lauernd so lange gut verwalten konnte, machten die Aufholjagd nicht mehr mit. "Ich habe sie dabei vollkommen verheizt", musste Folger nach dem Rennen zugeben. "So ist das in der MotoGP-Spitze nun einmal. Du machst einen kleinen Fehler, aber der kostet dich gleich unglaublich viel."

Was wäre gewesen, wenn...

So ging Folger mit über zwei Sekunden Rückstand in die letzte der 30 Runden, das Rennen war gelaufen. Dabei hatte er für den finalen Umlauf große Pläne: "Ich war mir während des Rennens, als ich hinter Marc war, absolut sicher, dass ich ihn in der letzten Runde angreifen werde. Ich hätte es nach dem Wasserfall in Kurve zwölf probiert und es wäre mir auch gelungen."

Ich hätte es nach dem Wasserfall in Kurve zwölf probiert und es wäre mir auch gelungen.
Jonas Folger

Eine selbstbewusste Ansage von Folger, doch wie stark war er in diesem Bereich wirklich? Die Antwort fällt gemischt aus. In der Anfangsphase war er in der Anbremszone von Kurve zwölf überragend, überrumpelte dort innerhalb von zwei Runden sowohl Dani Pedrosa als auch den notorischen Spätbremser Marc Marquez. In den letzten Umläufen, auch schon vor dem entscheidenden Fehler in Runde 28, war Folger im letzten Sektor aber immer eine Spur langsamer als Marquez. Ob Folger hier dosierte oder der Unterschied in diesem Abschnitt, der kurz nach dem Wasserfall beginnt und dann die zwei Linkskurven Turn 12 und 13 sowie das steile Bergaufstück zu Start-Ziel einschließt, vielleicht auch dem Leistungsüberschuss von Marquez' Honda geschuldet war, lässt sich natürlich nicht sagen.

Eine Attacke Folgers hätte also wohl von Erfolg gekrönt sein können, Garantie für ein Gelingen hatte er aber definitiv keine.

Am Ende konnte Folger auch mit Platz zwei sehr gut leben - Foto: Tech3

Fazit

Jonas Folger fuhr am Sachsenring ein großartiges Rennen. Er hielt dem großen Druck beim Heim-Grand-Prix stand und errang sein erstes MotoGP-Podium. Erstmals im Kampf um den Sieg behielt er die Nerven und warf nicht, wie wohl viele andere junge Piloten in seiner Situation, das Podium wegen zu großen Risiko weg. Folger zahlte aber doch Lehrgeld und ließ sich von Marc Marquez in kleinere Fehler hetzen. Der Repsol-Honda-Pilot, in der Vergangenheit selbst dafür bekannt, in derartigen Duellen oft über das Ziel hinauszuschießen und im Kies zu landen, spulte seine Runden am Sachsenring wie ein Uhrwerk ab - normalerweise nicht unbedingt seine große Stärke. Der Beweis, dass Routine und Abgeklärtheit in der Königsklasse des Motorradsports fast immer über reinen Speed triumphieren.


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