Jorge Lorenzo entschied den Grand Prix von Aragon in souveräner Manier für sich, doch die großen Begeisterungsstürme auf den Tribünen und vor den Fernsehgeräten lösten am Sonntag Dani Pedrosa und Valentino Rossi aus. Sie lieferten sich ein sensationelles Duell um den zweiten Platz hinter Lorenzo. In der Schlussphase des Rennens zeigten die beiden Routiniers eine Vielzahl von ebenso spektakulären wie lupenreinen Überholmanövern. Am Ende behielt Pedrosa die Oberhand und durfte sich über Rang zwei freuen, Rossi musste sich mit dem dritten Platz begnügen. Motorsport-Magazin.com arbeitet das vielleicht herausragendste Duell der bisherigen Saison noch einmal für euch auf:

Der Ablauf

Pedrosa und Rossi waren direkt nebeneinander von den Startpositionen fünf und sechs aus Reihe zwei in den Grand Prix von Aragon gegangen. Bis zur vierten Runden waren beide an Pol Espargaro und schließlich auch an Andrea Iannone vorbeigegangen und duellierten sich nun, durch den sturzbedingten Ausfall von Marc Marquez im zweiten Umlauf, um Rang zwei hinter Jorge Lorenzo.

Iannone konnte nur in der Startphase mit Rossi und Pedrosa mithalten -
Iannone konnte nur in der Startphase mit Rossi und Pedrosa mithalten -Foto: Repsol

Lange Zeit gab sich Rossi damit zufrieden, hinter Pedrosa abzuwarten und dessen Schwächen auszumachen. Der Yamaha-Pilot fühlte sich in der Lauerstellung sichtlich wohl und hoffte vorerst darauf, seinen Widersacher in einen Fehler zu treiben. Pedrosa gab nach Rennende zu, wie schwierig diese Situation für ihn war: "Ich habe ständig seinen Motor gehört, weil er so extrem nah an mir dran war. Das Problem war, dass er mich so genau beobachten konnte. Mir war klar, dass er früher oder später attackieren würde." Fünf Runden vor Ende war es dann soweit.

Angriff eins: Rossi sticht in Runde 19 im Linksbogen von Kurve vier innen hinein und schiebt sich vor Pedrosa. Am Kurvenausgang muss Rossi durch sein spätes Bremsen und die enge Linie am Kurveneingang aber etwas weiter gehen, wodurch sich Pedrosa im folgenden scharfen Linksknick wieder vorbeidrücken kann. Vor Kurve sieben setzt sich Rossi noch einmal neben Pedrosa, zieht aber zurück.

Angriff zwei: Nur eine Runde nach seiner ersten Attacke versucht Rossi erneut, an Pedrosa vorbeizugehen. Dieses Mal wählt er Kurve eins. Wieder kann sich Rossi mit einem harten Bremsmanöver innen durchdrücken, muss aber wie zuvor bereits in Kurve vier am Ausgang eine zu weite Linie wählen. Pedrosa schlüpft wieder innen durch.

Auf der Start-Ziel-Geraden kam Rossi immer gefährlich nahe -
Auf der Start-Ziel-Geraden kam Rossi immer gefährlich nahe -Foto: Repsol

Angriff drei: Rossi gönnt sich nur wenige Sekunden Verschnaufpause und versucht es wieder in Kurve vier. Sein Manöver ist eine nahezu identische Kopie des Angriffs aus Runde 19. Er ist später auf der Bremse als Pedrosa, doch der kann die engere Linie am Ausgang fahren und behält in Turn 5 erneut die Oberhand.

Angriff vier: Im vorletzten Umlauf attackiert Rossi erneut in Kurve eins. Wie schon zuvor gelingt das Manöver, doch den Vorsprung gegenüber Pedrosa kann er nur bis zum Kurvenausgang halten, dann schießt der mit der Repsol Honda wieder an ihm vorbei. In Turn 2 muss Rossi auf gleicher Höhe fahrend zurückstecken. Pedrosa behält weiter Rang zwei.

Angriff fünf: Letzte Runde, dritter Versuch in Kurve vier. Rossi hat aus seinen Fehlern zuvor gelernt und macht dieses Mal alles richtig. Wie bereits bei den ersten beiden Angriffen an dieser Stelle bremst er sich innen an Pedrosa vorbei, kann nun aber seine enge Linie halten und macht so seinem Kontrahenten in der folgenden Kurve nicht wieder die Tür auf. Pedrosa muss sich erstmals hinter Rossi einordnen.

Konter Pedrosa: Rossis Führung hält aber nur für wenige Meter an. Schon in Kurve sieben ist es wieder Pedrosa, der auf der Innenlinie attackiert. Seite an Seite durchfahren die Rivalen die 90-Grad-Rechtskurve. Rossi versucht außen herum an Pedrosa vorbeizugehen, doch der bleibt knallhart am Gas und behauptet seine Position hart aber fair. Für Rossi reicht die Strecke nicht mehr ganz aus und er holpert über den Kerb hinweg in die asphaltierte Auslaufzone und verliert den Anschluss an Pedrosa. Das Duell scheint entschieden, doch wer Valentino Rossi kennt weiß, dass er Zweikämpfe keinen Meter vor der Ziellinie aufgibt. Und so kommt es, wie es kommen muss.

Pedrosa zeigte sich im Zweikampf hart wie selten zuvor -
Pedrosa zeigte sich im Zweikampf hart wie selten zuvor -Foto: Yamaha

Angriff sechs: In Kurve 15, dem 90-Grad-Rechtsknick vor der einen Kilometer langen Gegengeraden, wirft Rossi noch einmal alles in die Waagschale. Er schießt an dieser Stelle, die in der MotoGP nicht unbedingt als Überholpunkt bekannt ist, innen an Pedrosa vorbei und versucht so, dem Katalanen den Weg abzuschneiden. "Ich habe zuvor eigentlich schon alle meine Karten ausgespielt, das war noch meine Extrakarte", wird Rossi nach dem Rennen lachend erklären. Doch Pedrosa antizipiert die Situation erneut völlig richtig, lässt Rossi ins Leere fahren und beschleunigt ihn eiskalt aus. Damit ist das Duell entschieden.

Die Bedeutung

Der Zweikampf Pedrosa gegen Rossi fand für die beiden Kontrahenten von Beginn an unter völlig unterschiedlichen Vorzeichen statt. Für Pedrosa, der aufgrund seiner Armpump-Operation nach dem Grand Prix von Katar und der Zwangspause bei den folgenden drei Rennen in der Weltmeisterschaft im Niemandsland liegt, ging es ganz einfach um ein gutes Resultat vor seinem Heimpublikum. Er konnte somit volles Risiko gehen und musste keine Rechenspiele anstellen. Dass er nach dem Sturz von Marc Marquez die Kohlen für Repsol Honda aus dem Feuer holen konnte, war für Pedrosa natürlich eine schöne Nebenerscheinung.

Ganz anders hingegen die Situation, in der sich Valentino Rossi befand. Er steckt mitten im Titelkampf gegen Jorge Lorenzo und ging mit 23 Punkten Vorsprung in den Grand Prix von Aragon. Den Sieg musste er nach dem idealen Start seines Teamkollegen bald abschreiben, Schadensbegrenzung war angesagt. Die würde mit Rang zwei natürlich ideal gelingen, doch in einem harten Duell können aus den 20 Zählern für den zweiten Platz auch ganz schnell null werden. "Ich habe mich auf dieses Duell nur eingelassen, weil ich Dani voll vertrauen kann", stellte Rossi anschließend klar. "Er ist ein harter Kämpfer, aber immer fair und weiß genau, was er tut." So griff Pedrosa am Ende auch nicht unnötig in den Fight um die Weltmeisterschaft ein, sondern fuhr schlicht und ergreifend ein blitzsauberes Rennen, in dem sich Rossi mit 16 Punkten begnügen musste.

Rossi fand gegen Pedrosa kein Mittel -
Rossi fand gegen Pedrosa kein Mittel -Foto: Repsol

Die Gründe

In den 13 Saisonrennen vor dem Aragon-Grand-Prix landete Valentino Rossi meist deutlich vor Dani Pedrosa. Lediglich am Sachsenring hatte der Repsol-Honda-Pilot die Nase vorne. Warum zeigte Pedrosa gerade in Aragon so groß auf? Eine große Rolle spielte das Layout des Kurses. Als eine der ganz wenigen Strecken im MotoGP-Kalender führt die Runde in Aragon linksherum, wodurch der rechte Arm der Piloten deutlich weniger beansprucht wird als sonst üblich. Genau hier liegen ansonsten die Probleme Pedrosas, die nach seiner Operation zwar deutlich besser, aber dennoch weiterhin vorhanden sind. "Hier hatte ich überhaupt keine Schwierigkeiten damit", freute er sich. "Wenn man keine Schmerzen hat, ist man natürlich auch im Kopf viel klarer und kann viel fokussierter fahren."

Das zweite Ass in Pedrosas Ärmel war technischer Natur. Eine der einladendsten Überholmöglichkeiten in Aragon ist normalerweise die fast einen Kilometer lange Gegengerade, beziehungsweise die an ihrem Ende befindliche Kurve 16. Doch hier bot sich Rossi in den gesamten 23 Runden nicht einmal die Chance, an Pedrosa vorbeizugehen. Weil der aus der engen Kurve 15 vor der Geraden jedes Mal viel besser hinausbeschleunigen konnte und Rossi so auch der Windschatten seines Vordermannes nicht half. "Ich hatte dort schon das ganze Wochenende Probleme", stellte Rossi am Sonntag fest. "Ich konnte einfach die Geschwindigkeit nicht richtig auf die Gerade mitnehmen, weil ich viel Wheelspin am Hinterrad hatte. Noch dazu ist Dani viel leichter als ich, was beim Beschleunigen natürlich immer ein Vorteil für ihn ist."