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Formel E - Techeetah?! Wie ein Privat-Team die Großen aufmischt

Techeetah ist die Sensation der Formel-E-Saison 2017/18. Motorsport-Magazin.com stellt das Team von Andre Lotterer und Jean-Eric Vergne im Detail vor.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Der Name Techeetah - gesprochen: Ta-chi-ta - bedeutet im Chinesischen eine Kombination aus 'Titan' und einem mystischen Drachen aus der chinesischen Sagengeschichte. Es ist gleichzeitig das Cinderella-Märchen der Formel E: Das vergleichsweise kleine Techeetah-Team fährt der namhaften Konkurrenz von Audi, Jaguar, Renault und Co. um die Ohren und führt sowohl die Team- als auch die Fahrermeisterschaft an.

Beim letzten Rennen in Santiago de Chile gelang der Truppe ein historischer Erfolg. Jean-Eric Vergne und Teamkollege Andre Lotterer sorgten für den ersten Doppelsieg eines Teams in der Geschichte der Formel E. Das hätte man in den bisherigen drei Saisons der Serie eher einer Truppe wie Renault zugetraut.

Erfolg niemals erwartet

Nach vier von zwölf Rennen führt Techeetah die Teamwertung dank des Doppelsieges mit 89 Punkten an. Ärgster Verfolger ist der indische Rennstall Mahindra mit 87 Zählern, für den Nick Heidfeld und der doppelte Rennsieger Felix Rosenqvist antreten. In der Fahrerwertung liegt Vergne mit 71 Punkten an der Spitze, gefolgt von Rosenqvist mit 66 und Virgin-Pilot Sam Bird mit 61 Zählern.

"Wir hätten niemals erwartet, dass wir so früh in unserer Zeit in der Formel E die Meisterschaften anführen würden", sagte Techeetah-Teamchef Mark Preston etwas ungläubig. "Wir sind erst seit einer Saison und vier Rennen dabei. Unnötig zu sagen, dass wir extrem glücklich sind und das dank des unglaublichen Teams hinter uns geschafft haben."

Einziges Kundenteam der Formel E

Mit einem derartigen Erfolg war kaum zu rechnen gewesen. Vor allem nicht angesichts der Umstände, mit denen Techeetah in der Formel E konfrontiert ist. Als einziges aller zehn Teams geht es mit einem Kundenmotor an den Start. Renault liefert die Power Unit seit zwei Jahren. Das bringt zwar einen starken Motor, jedoch einen riesengroßen Nachteil mit sich: Techeetah hatte kaum Möglichkeiten, sich ordentlich auf seine zweite Saison in der Elektro-Serie vorzubereiten.

Das Team durfte nur bei den offiziellen Testfahrten kurz der Saison in Valencia seinen Rennwagen testen. Das Reglement der Formel E schreibt vor, dass ein Team mit Kundenmotor nur drei Tage vor dem Saisonbeginn testen darf. Zum Vergleich: Allen Herstellern - und das sind mit Ausnahme von Techeetah alle Teams in der Formel E - steht ein Kontingent von 15 Testtagen zur Verfügung.

Zwar kommt in der jungen Serie ein Einheits-Chassis zum Einsatz, doch die kniffligen Einstellungen samt Software der Motorkomponenten erfordern einiges an Einstellungszeit. Im Fahrerlager hießt es, dass der Chile-Erfolg von Techeetah auch auf den Rookie-Test von Marrakesch wenige Wochen davor zurückzuführen sei. An diesem Tag konnte das Team einiges an Arbeit aufholen, selbst mit unerfahrenen Piloten, die noch nie ein Formel-E-Rennen bestritten haben.

Übernahme des erfolglosen Aguri-Teams

Experten gehen davon aus, dass Techeetah für den Rest der Saison 2017/18 weiter um die Spitze mitfahren kann. Sollte dem Team nach dem Finale in New York wirklich der große Coup gelingen und ein Titel herausspringen, wäre das eine schier unglaubliche Leistung. Techeetah befindet sich aktuell in seiner erst zweiten Saison. Hervorgegangen ist die Truppe aus dem wenig erfolgreichen Aguri-Rennstall, den ebenfalls Mark Preston führte.

Ein Großteil der bestehenden Mannschaft wurde vor zwei Jahren übernommen. In seiner ersten Saison kam Techeetah nicht über den fünften Platz in der Teamwertung hinaus - trotzdem ein Achtungserfolg, der vor allem auf die Leistungen des früheren Formel-1-Fahrers Vergne zurückzuführen war. Der erfahrene Franzose erzielte 2016/17 vier zweite Plätze und gewann das letzte Saisonrennen in Montreal.

Formel E: Andre Lotterer im Exklusiv-Interview: (02:20 Min.)

Was auf der anderen Seite der Garage passierte, half Techeetah nicht bei seiner Entwicklung. Der ehemalige Formel-1-Testfahrer Ma-Quing Hua bestritt erfolglos die ersten drei Rennen der Saison, bevor er von Ex-F1-Fahrer Esteban Gutierrez abgelöst wurde. Der Mexikaner verabschiedete sich seinerseits nach nur drei Rennen in Richtung IndyCar-Serie. Der Formel-E-erfahrene Stephane Sarrazin übernahm bis zum Saisonende und schaffte in den sechs Rennen zwei Podiumsplatzierungen.

Andre Lotterer, Superstar

Seit dieser Saison herrscht mehr Konstanz im Techeetah-Cockpit. Mit Andre Lotterer erhielt Vergne einen echten Superstar der Sportwagenszene als Teamkollegen. Der Deutsche blickt auf drei Siege bei den 24 Stunden von Le Mans zurück und gilt als einer der besten Langstreckenpiloten der Welt. In Japan ist Lotterer dank seiner Jahre in der Super Formula ein waschechter Superstar.

Lotterer benötigte trotz Formel-Erfahrung eine Weile, bis er sich auf die Anforderungen der Formel E eingestellt hatte - die fehlenden Testtage schmerzten auch den Porsche-Werksfahrer. Nachdem Lotterer in den ersten drei Saisonrennen in Hongkong und Marrakesch Lehrgeld gezahlt hatte, blühte er in Santiago regelrecht auf. Schon im Qualifying war er der schnellste Fahrer, später im Rennen griff er beherzt nach dem Sieg.

Ziel: Zusammenarbeit mit Hersteller

"Es war toll, im vierten Rennen meiner Rookie-Saison schon auf das Podest gefahren zu sein", sagt Lotterer. "Was mich aber wirklich zufriedenstellt, ist unsere Gesamtleistung beim Santiago ePrix. Wir wussten, dass es eine Weile dauern würde, um mich ans Auto und das Setup der Serie zu gewöhnen. In Chile hatte ich das Gefühl, dass alles zusammenkam. Fein-Tuning ist noch nötig, aber ich fühle mich jetzt viel selbstbewusster im Auto und bin bereit, zusammen mit Jean-Eric die Spitze anzugreifen."

Ein gutes Abschneiden in der Saison 2017/18 ist auch immens wichtig für Teambesitzer SECA, eine Sportvermarkungsagentur aus China, die dem Unternehmen China Media Capital gehört, zu deren Investoren unter anderem Basketball-Legende Yao Ming zählt. Das große Ziel besteht darin, für die Zukunft einen großen Hersteller als Teampartner an Land zu ziehen. Die Startplätze in der Formel E sind so begehrt wie rar. Mehr als zwölf Teams soll es nicht geben. Ein erfolgreiches Privatteam ist da ein echter Gold-Drache.


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