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Formel 1 / Analyse

Alle im Griff - Monaco GP

In Monaco kann alles passieren. Eigentlich dürfte sich also niemand wundern, dass hier das Kräfteverhältnis auf den Kopf gestellt wurde.
von Stephan Heublein

Motorsport-Magazin.com - "Wenn wir es gewollt hätten, hätten wir heute das gesamte Feld überrunden können." (Ron Dennis, McLaren-Teamchef)

"Wir waren heute nicht konkurrenzfähig genug, um zu gewinnen." (Luca Baldisserri, Ferrari-Chefstratege)

Wenn wir es gewollt hätten, hätten wir heute das gesamte Feld überrunden können.
Ron Dennis

So einfach ist die Formel 1: Zwei kurze, prägnante Sätze, die 78 Runden auf einem der anspruchsvollsten Kurse des Rennkalenders perfekt zusammenfassen. "Das Rennen war ein Killer", fügte Norbert Haug hinzu, wobei er sich dabei nur auf die dominante Performance seiner Fahrer bezog, nicht auf den einschläfernden Rennverlauf an sich. "Wir waren so überlegen, die Jungs haben ohne Ende Stoff gegeben. Unser Speed war bestialisch." Die beiden Silberpfeile fuhren in einer eigenen Liga und jeder glaubte Dennis, als dieser sagte: "Wenn wir es gewollt hätten, hätten wir das gesamte Feld überrunden können. Das war aber nicht unser Ziel. Wir haben die Plätze 1 und 2 akzeptiert und uns auf Kanada konzentriert." Trotzdem hatten am Ende alle bis auf den Dritten Felipe Massa mindestens eine Runde Rückstand auf das silberne Duo.

So überschwänglich die Freude bei den einen war, so tief waren die Sorgenfalten bei den anderen. "Wir sind natürlich nicht so glücklich, da wir um den Sieg mitfahren wollten", gestand Stefano Domenicali. Aber wir wussten von Anfang an, dass McLaren hier stärker sein würde", versuchte Jean Todt die Wogen zu glätten. Spätestens seit dem Qualifying stand Schadensbegrenzung auf der Agenda. "Platz 3 war das Beste, was ich erreichen konnte", stimmte Felipe Massa zu. Während er nur 5 Punkte Rückstand auf das silberne WM-Führungsduo hat, liegt Kimi Räikkönen sogar schon 15 Zähler im Rückstand. "Ich gebe trotzdem nicht auf", kündigte der Finne an. "Ich glaube nicht, dass eine Minute der realistische Vorsprung ist", sagte er. "Aber ich wusste, dass sie hier stark wären. Auch in den Jahren, als ich da war, war das Auto hier immer sehr stark, obwohl es das nicht an den anderen Strecken war."

Ferrari fehlte der nötige Speed für den Sieg. - Foto: Sutton

Das ist nun die Hoffnung der Scuderia. "Die Saison ist noch lang", betonte Domenicali. "Als nächstes kommt Kanada, das ist ganz anders als Monaco. Dies ist eine einzigartige Strecke, wer hier dominiert, kann beim nächsten Mal schon wieder hinten liegen." Dann könnte Ferrari wieder das Bild der ersten vier Saisonrennen herstellen. "Die WM ist noch immer offen", glaubt Todt.

Die sieben Fragezeichen

Wieso war Ferrari plötzlich so viel langsamer als McLaren?
Über eine Minute betrug der Rückstand von Felipe Massa auf Sieger Fernando Alonso, dabei fuhren die McLaren in den Schlussrunden nicht mehr volle Power, schonten Auto und Motor für die anstehenden Aufgaben. "McLaren hat deutlich dominiert", konstatierte Markus Winkelhock. "Das hätte ich nicht erwartet." Ein Doppelsieg war nach der starken Qualifyingvorstellung realistisch, aber so überlegen? "Es hat mich nicht überrascht, dass McLaren vorne war, aber dass Ferrari so schlecht war", sagte Christian Danner. Woran das lag, konnte aber auch er nicht sagen. "Sie haben einen längeren Radstand", mutmaßte Winkelhock. "Auf so engen Kurven ist das kein Vorteil. Vielleicht ist das ein Grund für ihre Probleme." Jean Todt wich dieser Thematik am Sonntagabend aus. Von ihm gab es keine Erklärung für die fehlende Pace seiner Autos.

So lange man selbst keinen Fehler macht, kann man in Monaco ja nicht überholt werden.
Fernando Alonso

Warum konnte Hamilton am Ende so stark auf Alonso aufholen?
Lewis Hamilton gab alles, er rumpelte über die Kerbs, touchierte die Leitplanken, stand quer. "Sie hatten im letzten Renndrittel eine Minute Vorsprung, aber er stand trotzdem noch am Schwimmbad quer - das finde ich toll", sagte Christian Danner. Das allein war aber nicht der Grund, warum Hamilton seinem Teamkollegen immer näher kam. Zunächst steckte Alonso mehrmals im Verkehr fest, eine Monaco-Krankheit, die sich nicht bekämpfen lässt. Zudem sparte er in der Anfangsphase des Rennens gezielt Sprit, um zwei Runden länger draußen bleiben zu können. Mit dem dritten, dem super-weichen Reifensatz, mit dem alle vorher massives Graining befürchtet hatten, ging Alonso im letzten Stint extrem vorsichtig um, selbst wenn dadurch Hamilton recht nahe an ihn herankam. "Aber so lange man selbst keinen Fehler macht, kann man in Monaco ja nicht überholt werden, selbst wenn der Hintermann eine halbe Sekunde schneller ist", begründete Alonso seine Taktik. Diese ging voll auf. "Es war geil zu sehen, wie Alonso immer wieder kontern konnte", so Danner. "Er hatte etwas Probleme mit dem Überrunden, konnte aber immer wieder nachlegen."

Die McLaren fuhren in Monaco spazieren. - Foto: Sutton

Hat McLaren eine Teamorder eingesetzt?
Als Hamilton immer schneller auf Alonso aufholte und dann beide hintereinander über die Ziellinie fuhren, wurden schnell Rufe nach Stallregie laut. Wurde Alonso bevorzugt und Hamilton deswegen zurückgepfiffen? Ron Dennis verneint entschieden, dass einer der McLaren-Fahrer bevorzugt wurde. Dennoch gab der Racer zerknirscht zu, dass man vor dem Rennen eine wichtige Entscheidung treffen musste. "Lewis ging etwas schwerer ins Rennen als Fernando. Das mussten wir machen, um die Möglichkeit eines Safety-Cars abzudecken." Dadurch war Hamiltons Strategie aber von Anfang an etwas beeinträchtigt. "In den vergangenen fünf Jahren gab es vier Safety Car-Einsätze, deswegen muss man es einplanen und quasi schon vor dem Rennen entscheiden, welcher der beiden Piloten den Sieg davontragen darf." Alonso hatte mit der Pole Position die bessere Ausgangsposition. Am Ende wurden dann beide Piloten zurückgepfiffen. "Ich mag es nicht, Fahrer einzubremsen, weil ich ein echter Racer bin." Am liebsten sieht Dennis seine beiden Autos um den Sieg kämpfen; auch wenn dann einer ausfallen sollte und alle auf Dennis einschlagen. "Aber in Monaco muss man so handeln, dafür gibt es keine Ausreden." Aber er sieht einen feinen Unterschied: "Mit Teamstrategie gewinnt man einen Grand Prix. Mit Teamorder manipuliert man einen Grand Prix."

Man kann eine Safety Car-Phase nicht vorhersehen - außer man schickt eines seiner eigenen Autos absichtlich in die Mauer.
Markus Winkelhock

Warum bekam Anthony Davidson eine Drive Through-Strafe?
Kurz vor seinem Boxenstopp fuhr Anthony Davidson schon einmal durch die Boxengasse - als Strafe. "Ich hing lange hinter Davidson", klagte Felipe Massa. "Er war rund 10 Runden vor mir und hat mein Rennen gegen die anderen zerstört." Die Rennstewards sahen es genauso und bestraften den Briten für das Ignorieren blauer Flaggen. Davidson konnte diese Strafe nicht nachvollziehen. "Massa war zwei Sekunden hinter mir, deswegen fand ich es ein bisschen unfair", sagte der Brite und fügte an: "Ich bin immer gut im Verkehr gewesen und ich glaube andere waren es nicht unter blauen Flaggen. Vielleicht wollten sie an mir ein Exempel statuieren."

Wieso hat BMW Sauber nur einmal gestoppt?
Am Samstagabend konnte man bei BMW Sauber noch lächeln. Zwar hatte ein strategischer Fehler, aus Angst vor Regen, eine bessere Startposition verhagelt, aber mit der Spritmenge im Tank rechnete man sich gute Chancen aus. Nach dem Rennen musste Mario Theissen dann gestehen: "Bei diesem Rennverlauf hätte es sicher bessere Varianten gegeben - nämlich zwei Stopps." BMW hatte die Rennverläufe der letzten Jahre studiert und immer gab es mindestens eine Safety-Car-Phase. Deswegen setzte man auf nur einen Stopp. "Diesmal ist es anders gekommen und wir haben dadurch mit ziemlicher Sicherheit eine Position mit beiden Autos eingebüßt", bilanzierte Theissen, der daraus für die Zukunft lernen möchte. Denn mit zwei Stopps sah er sogar Ferrari in Reichweite. "Es wäre vielleicht der richtige Weg gewesen, ein Auto so und eines so anzusetzen. Aber hinterher ist man immer schlauer."

BMW Sauber hätte doch lieber zweimal stoppen sollen... - Foto: Sutton

Ist es sinnvoll auf eine Safety Car Phase zu spekulieren?
"Es ist immer ein Glücksspiel, wenn man von einer Safety Car-Phase ausgeht", sagt Markus Winkelhock. Schließlich könne man eine solche nie vorhersehen. "Außer man schickt eines der eigenen Autos absichtlich in die Mauer." In Monaco ist es angesichts der zurückliegenden Rennen aber fast schon die Ausnahme, wenn ein Rennen ohne SC-Phase über die Runden geht. Die Möglichkeit, dass es hier eine Safety Car-Phase gibt, ist größer als auf einer anderen Strecke. Trotzdem ist es nicht planbar, was auch McLaren an der eigenen Strategie erleben musste. Andererseits sagt Winkelhock: "Wenn es in der ersten Runde einen Unfall gegeben hätte und das Safety Car herausgekommen wäre, hätte es ganz anders ausgesehen. Die Strategie war mit Risiko verbunden." Nico Rosberg verstand sie trotzdem nicht. "Ich fand es komisch, was BMW gemacht hat - sie waren im Qualifying fast so schnell wie McLaren. Dann beide Autos auf so eine Strategie zu setzen, war etwas merkwürdig. Ein Auto könnte man noch verstehen, aber beide ist seltsam." Aber Nico hat noch einen anderen Grund, diese Strategie zu verteufeln...

Ich fand es komisch, was BMW gemacht hat.
Nico Rosberg

Warum kam Nico Rosberg nicht in die Punkte?
Rosbergs Rennen war schon nach der ersten Kurve gelaufen. "Platz 5 wäre möglich gewesen, aber Fisichella war am Start aggressiv, er hat mich in der ersten Kurve voll weggedrückt. Dadurch ist Nick durchgekommen. Er hat mir zwar etwas Platz gelassen, aber wenn ich rein gehalten hätte, hätten wir uns berührt. Ich entschied mich vorsichtig zu sein, das war ein Fehler." Beim nächsten Mal möchte Nico nun rein halten, egal was passiert. Doch damit war sein Pech noch nicht vorbei. Für den Rest des ersten Stints hing er hinter dem schweren BMW von Nick Heidfeld fest. "Das war der schlechtmöglichste Fall. Bei Mark Webber wäre es kein Problem gewesen, weil er auf der gleichen Strategie war." Aber Heidfeld stoppte nur einmal, ohne Überholchance war Rosberg damit zum Hinterherfahren verdammt, seine Strategie schlug fehl. Genau andersherum sah es für Heidfeld aus: "Wäre ich am Anfang nicht an Mark und an Nico vorbeigekommen, wäre mein Rennen schon recht früh im Eimer gewesen." So war das Rennen von Rosberg im Eimer.


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