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Formel 1 / Hintergrund

Wenn es Nacht wird in Monaco... - Die sieben S

... werden die Flügel hoch gestellt, Verkehrsmeldungen vorbereitet und Parkverbotsschilder poliert.
von Stephan Heublein

1. - S wie Startaufstellung

Passend zum Saisonhighlight in den Straßen von Monaco erlebte McLaren ein Traumergebnis, vorerst aber nur im Qualifying. Norbert Haug war über die Doppel-Pole von Fernando Alonso und Lewis Hamilton dennoch tierisch happy. "Wenn ich ein Script für ein Qualifying schreiben dürfte, würde es genau so aussehen", sagte er. Weitaus weniger glücklich war Kimi Räikkönen, der wieder einmal das Pech gepachtet hatte.

Wenn ich ein Script für ein Qualifying schreiben dürfte, würde es genau so aussehen.
Norbert Haug

"Ich war auf den weichen Reifen unterwegs, kam aus der Swimming Pool-Schikane, das Heck wurde etwas unruhig und ich berührte die Leitplanke mit dem rechten Vorderrad." Der Schlag war hart genug, um seine Radaufhängung zu brechen. Aus in Qualifyingabschnitt 2, nur Startplatz 16 für den Titelanwärter, der eigentlich mit einer Chance auf die Pole gerechnet hatte. Der einzige Ferrari, der Platz 1 nahe kam, war somit Felipe Massa. Aber auch der Pole-Mann der zurückliegenden Rennen konnte die silberne Wand nicht durchbrechen - er startet neben Fisichella von Rang 3. In der dritten Reihe stehen überraschend Nico Rosberg und Mark Webber, die beide BMW Sauber hinter sich lassen konnten. Die Top10 runden die beiden Honda-Piloten ab, die bislang in dieser Saison so viele Tiefpunkte mitmachen mussten.

2. - S wie Start

78 Mal müssen die Fahrer den Kurs von Monaco umrunden. Jedes Mal lauert in jeder Kurve, an jeder Leitplanke das Aus. Besonders eng wird es naturgemäß beim Start. Dann müssen sich 22 Autos durch die enge erste Kurve quetschen. "Viel kann in Saint Devote in der ersten Runde passieren", weiß Martin Whitmarsh, "vor allem wenn es nass ist." Hinzukommt: wer in Monaco auf der Strecke überholen möchte, bekommt die beste Gelegenheit dafür am Start geboten. Später finden 99,9 Prozent der Positionswechsel bei Boxenstopps oder wegen Ausfällen statt.

3. - S wie Schlüsselstelle

Beim Start geht es nicht so geordnet zu. - Foto: Sutton

Der 3,340 Kilometer lange Straßenkurs ist eine einzige große Schlüsselstelle und fordert von den Fahrern über 78 Runden höchste Konzentration. Auf dieser Strecke darf man sich nicht den kleinsten Fehler erlauben. Denn ein solcher bedeutet zumeist unweigerlich das Aus.

Den Piloten steht die schwierige Aufgabe bevor, ihre rund 800 PS starken Monoposti zielgenau durch den engen Leitplankenkanal zu manövrieren. Dabei nähern sich die Boliden der unnachgiebigen Absperrung oft bis auf wenige Millimeter - zwischen Ideallinie und Ausfall liegt ein denkbar schmaler Grat. Manche Fahrer betonen sogar, dass man die Hinterreifen in einigen Kurven an der Leitplanke 'anlehnen' müsse.

Sehr wichtig ist die erste Kurve nach der Start-/Zielgeraden, die Saint Devote. Zudem ist der Circuit de Monaco auch durch seine berühmt-berüchtigte Tunnel-Passage, welche mit rund 250 bis 270 km/h durchquert wird, sowie die Loews-Kehre, die langsamste Kurve des gesamten Rennzirkus, bekannt.

4. - S wie Setup

In Saint Devote kann viel passieren, besonders im Regen.
Martin Whitmarsh

Monaco ist eine einzigartige Strecke, für die die Teams ein entsprechend einzigartiges Setup austüfteln müssen. Zudem wird jeder nur irgendwo aufzutreibende Flügel, Flap oder Windabweiser an das Monocoque geschnallt. Der zusätzliche Abtrieb bringt nicht nur in den Kurven Vorteile mit sich: Auch beim Bremsen und der Beschleunigen wirkt sich der Downforce positiv aus. Die Höchstgeschwindigkeit ist von geringerer Bedeutung.

Die Strecke ist nicht nur sehr verwinkelt, sie ist auch sehr uneben und stellt somit eine besondere Anforderung an die Dämpfer, die Aufhängungen und die Fahrhöhe. Letztere beträgt rund 5 bis 7 Millimeter. Die Aufhängungen werden im Hinblick auf den bestmöglichen Grip besonders weich eingestellt. Die ehemalige Loews-Kurve ist die engste Stelle des Rennkalenders. Extra für diese engen Kurven des Stadtkurses haben die Teams spezielle Aufhängungen und Lenkungen entworfen. Loews verlangt nach doppelt so viel Lenkeinschlag wie der Circuit de Catalunya.

Vom Motor verlangt der Stadtkurs nicht allzu viel: Die Fahrer sind nur auf 50% der Streckenlänge mit Vollgas unterwegs. Das ist der niedrigste Wert des gesamten Jahres. Viel größer ist die Gefahr den Motor aufgrund der Bodenwellen zu überdrehen. Wichtig ist ein fahrbarer Motor, mit viel Drehmoment - auch in den niedrigeren Bereichen. Das Fehlen langer Geraden macht die Kühlung in Monaco zu einem entscheidenden Faktor. Wegen der kurzen Getriebeübersetzungen befinden sich die Motoren lange im hohen Drehzahlbereich, da sich das Auto zusätzlich meistens nur sehr langsam fortbewegt, muss die Kühlung umso effizienter sein.

5. - S wie Strategie

Die Fahrer werden nicht oft tanken, aber vielleicht müssen sie trotzdem öfter stoppen... - Foto: Sutton

"Viel kann man mit der Strategie nicht machen", betonte Nick Heidfeld nach dem Qualifying. Sein ehemaliger Technischer Direktor des Williams-Teams, Sam Michael, sagte das schon vor dem Wochenende: "Wir dürfen an diesem Wochenende hauptsächlich Einstopprennen erwarten." Trotzdem können sich die Strategien unterscheiden. Denn die große Frage lautet mal wieder: wer wagt einen kurzen ersten Stint, wer einen langen? Und: Wann zieht man die superweichen und wann die weichen Reifen auf?

Eines steht für Hans Joachim Stuck schon jetzt fest: "BMW Sauber hat anscheinend sehr viel Benzin an Bord." Die Fahrer wollten dazu natürlich nichts verraten, aber sie lächelten. "Natürlich wäre ich gerne etwas weiter vorne, aber warten wir ab", sagte etwa Robert Kubica. Denn er sieht sich und das Team für das Rennen in einer guten Ausgangsposition und "vielleicht wird es sich dann am Ende auszahlen." Nick Heidfeld klagte zwar aber eine zu vorsichtige Strategie im 3. Qualifyingsegment, aber der Zeit Unterschied zwischen Q2 und Q3 könnte laut Kubica auch "andere Gründe" haben.

6. - S wie Sonntagswetter

Ein paar Regenschauer können das Feld schön durcheinander würfeln.
Hans Joachim Stuck

Schon am Mittwoch drohten die Meteorologen mit Regen für das Qualifying und Rennen. "Wir hätten es lieber trocken, aber wir nehmen es, wie es kommt", sagte Martin Whitmarsh. "Für unsere Autos wäre es aber besser, wenn es trocken ist. Von der Balance her hätten wir das lieber." Adrian Sutil wird hingegen in der Nacht seine Tanzkünste geübt haben, seine Regentanzkünste. Nach seiner Bestzeit im verregneten 3. Freien Training wünscht er sich logischerweise auch im Rennen Regen und viel Chaos.

Nico Rosberg hätte auch nichts gegen Regen einzuwenden. Sein Team habe bei den Wintertests im Nassen recht gut ausgesehen, betont er. Trotzdem: "Auf die Williamswetterfrösche hören wir lieber nicht...", sagt Rosberg lachend. "Die sagen Regen voraus." Hans Joachim Stuck braucht keine Frösche. "Das Glatzometer meldet abwechslungsreiches Wetter", sagte er. "Ein paar Regenschauer können das Feld schön durcheinander würfeln. Genau das wollen wir sehen - Hauptsache es wird spannend."

7. - S wie Spannung

Eine ganze Insel wartet auf seinen ersten Sieg. - Foto: Sutton

Kimi Räikkönen setzt ebenfalls auf Spannung und Regen. "Es wird vom Wetter abhängen", sagte er. "Wenn das Wetter ähnlich wechselhaft ist, habe ich eine gute Chance auf ein besseres Rennen. Aber wenn es trocken ist, wird es schwierig zu überholen." Dennoch konnte sich Michael Schumacher im Vorjahr nach seiner Strafversetzung von ganz hinten weit nach vorne arbeiten - es ist also möglich. Schließlich ist in Monaco alles möglich und jeder kann gewinnen. Kimi hat schon im Qualifying bewiesen: "In Monaco kann dich der kleinste Fehler das Rennen kosten."

Lewis Hamilton hatte seinen Abflug schon am Donnerstag im Freien Training. Im Rennen würde er jetzt nur zu gern die Hoffnungen der britischen Landsleute erfüllen und seinen ersten Grand Prix-Sieg holen, ausgerechnet beim prestigeträchtigsten Rennen des Jahres. McLaren ist es egal, welcher der beiden Piloten gewinnt. "Wir müssen nur sicherstellen, dass sich unsere zwei Fahrer nicht zu sehr pushen", betont Whitmarsh. "Wir müssen zusehen, dass wir ihre Pace kontrollieren und den Job morgen zu Ende bringen. Wir werden jetzt einfach probieren, das Rennen zu kontrollieren und einen Doppelsieg zu holen." Aber einfach ist in Monaco noch nicht einmal das Einparken...


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