Flavio, während des Grand Prix von Spanien bekannte sich das Renault F1 Team offiziell längerfristig zur Formel 1. Wie wichtig war dieser Schritt?
Flavio Briatore: Mit dieser Bekanntmachung haben wir die Botschaft ausgesendet, dass Renault stark ist und der Formel 1 erhalten bleibt. Diese Aussage ist sowohl für die Mitarbeiter von Renault wie auch für die Öffentlichkeit sehr wichtig. Seit seinem Amtsantritt im vergangenen Jahr hat unser Präsident Carlos Ghosn immer wieder betont, dass Renault in der Formel 1 bleibt, wenn die Ergebnisse in einem vernünftigen Verhältnis zu den Investitionen stehen. Trotz dieser klaren Aussage entstanden verschiedene Gerüchte, wir würden unsere Formel 1-Zukunft in Zweifel ziehen. Vor diesem Hintergrund war es wichtig, ein klares Signal zu senden, dass Renault sich langfristig verpflichtet.
Sie setzen sich stark für eine Reduzierung der Kosten in der Formel 1 ab der Saison 2008 ein. An was genau denken Sie dabei?
Flavio Briatore: Wir alle müssen sehr viel kosteneffizienter wirtschaften – sei es Honda, Toyota, Renault oder Ferrari. Wir sind in der Formel 1, um eine gute Show zu bieten und Rennen zu fahren. Es geht nicht darum, einen Entwicklungswettstreit unter den Herstellern zu führen. Ich bin der Überzeugung, dass wir den Fans den gleichen Unterhaltungswert für deutlich weniger Geld bieten können.
Wie könnte das funktionieren?
Flavio Briatore: Schauen Sie sich nur einmal die Rennwochenenden an. Im Rahmenprogramm der Formel 1 fährt unter anderem auch die GP2-Serie. Beide bieten eine großartige Show. Zwischen den Schnellsten in der GP2 und den Langsamten der Formel 1 liegen pro Runde vielleicht sieben oder acht Sekunden. Aber während die GP2-Teams mit Budgets von zwei Millionen US-Dollar auskommen, geben Formel 1-Rennställe zum Teil 500 Millionen Dollar aus. Da kann doch irgendetwas nicht stimmen, oder?

Was wäre die Lösung?
Flavio Briatore: Wir müssen die Formel 1 aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Wir müssen das Veranstaltungskonzept überdenken, mehr auf die Fans hören und ihnen das Produkt liefern, das sie wollen – und nicht eins, das die Ingenieure für richtig halten.
Wo könnte denn Ihrer Ansicht nach Geld eingespart werden?
Flavio Briatore: Den größten Kostenpunkt stellt die Technik unseres Sports dar. Potenzial zur Kostenreduzierung sehe ich bei den Motoren und in Bereichen wie den Testfahrten. Was viele aber offensichtlich nicht erkennen: Uns läuft die Zeit davon. Wir reden und reden, dabei sind die Regeln für die Saison 2008 längst verabschiedet. Wir können sie nur mittels eines einstimmigen Entschlusses ändern. Aber diese Tatsache scheint noch nicht in alle Köpfe vorgedrungen zu sein. Wir haben noch einen Monat, um Lösungen für den technischen Bereich zu finden.
Es gab Spekulationen, dass Ihre Überlegungen zur Zukunft der Formel 1 vor allem eigennütziger Natur seien. Mit anderen Worten: Renault würde mit Nachdruck eine Kostenreduzierung von seinem Formel 1-Team verlangen ...
Flavio Briatore: Renault möchte ein gesundes und konkurrenzfähiges Team. Die Gerüchte, Renault hätte kein Geld oder wolle kein Geld ausgeben, entbehren jeder Grundlage. Sehen Sie sich nur die Bilanzen von Renault und Nissan an. Dann sehen Sie, dass es überhaupt keine Geldprobleme gibt. Das ist auch überhaupt das Thema. Wir haben eine Vision von der Formel 1. Es geht darum, effizienter zu sein – dass die Ergebnisse und die Investitionen in einem vernünftigen Verhältnis zueinander stehen. Wir sehen keinen Sinn darin, mit einem Blankoscheck Rennsport zu betreiben. Die Herausforderung besteht doch darin, die zur Verfügung stehenden Mittel effizient zu nutzen, um zu gewinnen.
Ihren Ideen gegenüber wird immer wieder das Stichwort "Technologie" genannt. Die Formel 1 sollte technologisch ein hohes Level halten. Was sagen Sie dazu?
Flavio Briatore: Wenn sich jemand über die Beschneidung der Techologie beschweren sollte, dann ist es das Renault F1 Team. Wir sind siegreich. Das bedeutet, dass wir über siegreiche Technologie verfügen. Warum sollten wir unseren Vorteil wegwerfen wollen? Viele von denen, die über Technologie sprechen, haben noch nicht einmal ein einziges Formel 1-Rennen gewonnen. Andere haben seit Jahren keine Meisterschaft mehr einfahren können. Fakt ist: Die Teams, die der Formel 1 in den vergangenen sechs Jahren ihren Stempel aufgedrückt haben, sind sich einig. So teilen Renault F1 und Ferrari zum Beispiel die Meinung, dass wir den Fans die gleiche Show bei geringeren Kosten bieten wollen. Vereinfacht gesagt geht es darum, durch die Formel 1 Profite zu erzielen und keine Verluste.
Dennoch besteht die Meinung, die Technologie mache den überwiegenden Teil der Faszination Formel 1 aus ...
Flavio Briatore: Das sehe ich ebenso. Aber selbst mit geringeren Kosten werden wir ein hohes Technologie-Niveau halten. Aber was, glauben Sie, erregt mehr Interesse: Eine innovative Doppelkupplung, die sich tief im Innern eines Formel 1-Monoposto versteckt, oder ein Star wie Sylvester Stallone, den die Kameras in der Startaufstellung einfangen? Wir müssen die Zuschauer unterhalten und verstehen, dass jeder Grand Prix ein begeisterndes Event darstellt. Die Hersteller wollen den Sport als Kommunikationsplattform nutzen und ihr Image verbessern. Wir wollen neue Märkte erschließen und als Botschafter fungieren, um Produkte zu verkaufen. Ich denke, dass alle in der Formel 1 beginnen müssen, das Gesamtbild zu betrachten, anstatt sich nur mit der Technologie auseinanderzusetzen.
Haben Sie sich schon Gedanken über ihre eigenen Zukunftspläne gemacht?Flavio Briatore: Derartige Überlegungen spielen für mich momentan überhaupt keine Rolle. Was auch immer ich in der Zukunft mache: Zum jetzigen Zeitpunkt geht es für mich nur darum, das Optimum für das Unternehmen zu erreichen, das ich vertrete: Renault. Ich trage die Verantwortung dafür, dass wir auch in Zukunft über ein gesundes und konkurrenzfähiges Team verfügen. Das hat absolute Priorität.
In der kommenden Saison wird Fernando Alonso nicht mehr für Renault F1 fahren. Ein großer Verlust?
Flavio Briatore: Natürlich. Aber Fernando ist jung. Er ist bereits seit fünf Jahren bei uns und hat viel erreicht. Er suchte eine neue Herausforderung und neue Motivation. Hätte er mit mir gesprochen, hätte ich ihn vielleicht davon überzeugen können, eine andere Entscheidung zu treffen. Aber vielleicht tut diese Veränderung dem Team letztendlich gut. Du gerätst schnell in einen Kreislauf. Wenn du dich nicht veränderst, hörst zu auf, erfolgreich zu sein. So etwas passierte zum Beispiel vor zehn Jahren mit Benetton. Ferrari machte diese Erfahrung im vergangenen Jahr. Und es hätte auch Renault F1 blühen können. Nun haben wir für die kommende Saison eine neue Motivation: Renault F1 will McLaren und Fernando schlagen.

Wann werden Sie die Fahrerbesetzung für die Saison 2007 bekannt geben?
Flavio Briatore: Für uns hat sich die Situation nicht verändert. Es gibt derzeit vier Fahrer, die Grands Prix gewinnen können: Michael Schumacher, Kimi Räikkönnen, Fernando Alonso und Giancarlo Fisichella. Für die Zukunft sehe ich Fahrer wie Lewis Hamilton und Heikki Kovalainen, die das Zeug zum Weltmeister haben. Unsere Aufgabe besteht darin, dass wir über ein Auto verfügen, das für diese Piloten interessant ist. Es muss schneller sein als die unserer Konkurrenten. Diese Aufgabe erfüllen wir derzeit.
Am kommenden Wochenende steht der Grand Prix von Monaco auf dem Programm. Welche Erwartungen haben Sie?
Flavio Briatore: Der Monaco-Grand Prix repräsentiert das, worum es in der Formel 1 geht. Es ist eine fantastische Show für die Fans, das Fernsehen, für alle. Renault F1 wird stark sein. Wir wollen gewinnen – so wie wir es vor zwei Jahren mit Jarno Trulli gemacht haben. Wichtig ist, dass die Fans in der ganzen Welt von der bisherigen Saison begeistert sind. Wir liefern uns einen mitreißenden Kampf mit Ferrari. Es läuft genau so, wie ich es mir vorstelle: Es zählt nur die Vorstellung auf der Strecke und nicht das Gerede drumherum. Ich denke, dass wir die Zuschauer bislang sehr gut unterhalten haben. Daran wollen wir in Monaco anknüpfen.

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