Bis auf ein paar unauffällige weiße Trucks ist das Fahrerlager des Circuit de Catalunya ungewöhnlich verwaist. Wenige Wochen vor dem Saisonbeginn macht nur das BMW Sauber Team Station auf der Paradeteststrecke der Formel 1-Welt.

Während die Mechaniker am Ende eines einsamen, wenngleich arbeitsintensiven Testtages die V8-Triebwerke vom Typ P86 in den Boxen aufheulen lassen, blicken wir mit Nick Heidfeld vom Dach der Boxengasse auf das muntere Treiben unter uns. Zeitgleich richten wir unseren Blick auf den anstehenden Saisonstart in Bahrain und philosophieren über das aktuelle Kräfteverhältnis.

Nick, beim Launch des neuen BMW Sauber F1.06 in Valencia fragten Dich alle danach, wie gut das Auto sein wird. Mittlerweile hast Du einige Runden damit gedreht und kannst diese Fragen vielleicht schon beantworten...

Nick erhofft sich einen weiteren Schub zum Europa-Auftakt., Foto: adrivo Sportpresse
Nick erhofft sich einen weiteren Schub zum Europa-Auftakt., Foto: adrivo Sportpresse

Nick Heidfeld: Wir haben einige Testwochen hinter uns und sind damit sehr zufrieden. Wir kommen mit Sauber bekanntermaßen vom 8. Platz und möchten jetzt einen guten Sprung nach vorne schaffen. Und das sollte auch möglich sein.

Einige Teams wie Ferrari, Toyota oder Renault bringen bis zum Saisonstart komplett neue Aerodynamikpakete. Gibt es bei Euch noch größere Neuerungen bis Bahrain?

Nick Heidfeld: Wir testen hier in Barcelona ein paar neue Dinge. Aber den nächsten großen Schritt erwarten wir für das erste Europa-Rennen in Imola.

Bislang habt Ihr bei den Tests viel an den Reifen gearbeitet, da Michelin jetzt wieder kurzlebigere Reifen backen muss. Wie läuft es an der Reifenfront?

Nick Heidfeld: Es gab einige Leute, die Bedenken hatten, dass Michelin nicht alles geben könnte, da sie zum Saisonende aus der F1 aussteigen. Aber dem kann ich mich nicht anschließen. Wir sind bei jedem Test fast täglich dabei neue Mischungen und Konstruktionen zu testen. Michelin gibt wirklich alles und ich bin mir sicher, dass sie mit einem WM-Titel abtreten möchten.

Siehst Du die Gefahr, dass Bridgestone zur alten Stärke von 2004 zurückfinden könnte, als Reifenwechsel genauso erlaubt waren wie in dieser Saison?

Nick Heidfeld: Nein, ich gehe momentan davon aus, dass Michelin weiterhin vorne liegen wird. Trotzdem kommt das neue Reglement mit Sicherheit eher Bridgestone als Michelin entgegen. Die Franzosen waren im letzten Jahr sehr stark, als man die Reifen während des Rennens nicht wechseln durfte, womit Bridgestone ein bisschen mehr zu kämpfen hatte. Dennoch denke ich, dass Michelin nach wie vor die Oberhand besitzt.

Ihr habt zuletzt einige Regenreifentests für Michelin bestritten. Haben sich die Franzosen auf diesem Gebiet wieder ein Stückchen verbessern können?

Nick Heidfeld: Wir haben uns auf jeden Fall verbessert. Ich hatte jedoch bei meinem letzten Test in Valencia keinen Vergleich zur Bridgestone-Konkurrenz, weswegen eine genaue Einschätzung sehr schwer fällt.

Die Einschätzung des Kräfteverhältnisses in der Formel 1 war gerade zu Jahresbeginn äußerst schwierig. Jedes Team testete mit unterschiedlichen Motoren, Autos und Spezifikationen, wodurch das Bild sehr verzerrt wurde. Wie sieht es jetzt aus, da fast alle neuen Autos im Einsatz sind?

Nick Heidfeld: Man hat jetzt ein deutlich besseres Bild als noch vor zwei Monaten. Ich sehe momentan Renault vorne. Aber auch Honda hat ein sehr starkes Auto gebaut. Dahinter folgt wahrscheinlich Ferrari. Allerdings kommt das wohl ein bisschen auf die Temperaturen an, da sie bei den Bridgestone-Reifen noch auf gewisse Temperaturen angewiesen sind, damit diese richtig funktionieren. Dahinter kommt ein ganz dichtes Feld, dem die beiden Teams vorne aber noch nicht zu weit enteilt sind. Anders als ich es im letzten Jahr vermutet habe, scheinen die Teams in dieser Saison näher aneinander gerückt zu sein.

Ziemlich viele Fragezeichen schweben über Deinem Ex-Team Williams. Die einen loben den Cosworth-Motor in den höchsten Tönen, die anderen sehen es genau andersherum. Hinzu kommt auch noch der Wechsel zu Bridgestone. Was erwartest Du von Williams?

Nick Heidfeld: Bei den ersten Tests dachte ich, dass sie nicht so schnell sind. Bei den jüngsten Tests bin ich allerdings eines Besseren belehrt worden. Über einen Long Run gesehen waren sie nicht ganz so schnell, aber speziell auf einer Runde waren sie recht stark. Der Grund dafür dürfte die Charakteristik der Bridgestone-Reifen sein. Über den Cosworth-Motor habe ich bislang noch nichts Negatives gehört, sondern vielmehr nur Lob von allen Seiten.

Stichwort Motor: Hast Du Dich mittlerweile an den V8 gewöhnt?

Nick hält Podestplätze für unrealistisch., Foto: Sutton
Nick hält Podestplätze für unrealistisch., Foto: Sutton

Nick Heidfeld: Ja, es hat ein paar Tests gebraucht, aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt.

Dein Ziel ist es in der Konstrukteurswertung in die Top-6 zu gelangen. Werdet Ihr dieses Ziel schon von Anfang an attackieren können?

Nick Heidfeld: Zu Saisonbeginn wird die Standfestigkeit eine große Rolle spielen und ich hoffe natürlich, dass wir häufig in die Punkte fahren können. Aber aus eigener Kraft auf das Podium zu fahren, halte ich derzeit noch für unrealistisch.

Da Du die letzten Saisonrennen 2005 pausieren musstest, brennst Du natürlich auf den Saisonstart. Aber sind 19 respektive 18 Rennen nicht zu viel?

Nick Heidfeld: Nein, mir ist das nicht zu viel.

Wie ist Deine Reaktion auf die Absage des Belgien GP?

Nick Heidfeld: Das ist schade. Spa ist eine außergewöhnliche Strecke und stellt für viele Fahrer eine Art Lieblingsstrecke dar. Bei mir ist das nicht so, weswegen es mich nicht ganz so schmerzt. Wenn man sich aber im Fahrerlager umhört, dann ist es aus Sicht der Teams nicht so schlecht, dass es ein Rennen weniger gibt.