Fernando Alonso bändigte am vergangenen Formel-1-Wochenende in Austin über 54 Runden lang ein Auto, das stark beschädigt war. Beschädigt von einem Unfall auf der ersten Runde, als Alex Albon ihm mit einem überambitionierten Manöver in die Seite gefahren war. Obwohl der weidwunde Aston Martin über weite Strecken des USA-GPs besser performt hatte, als man unter diesen Umständen angenommen hätte, war Alonso danach angefressen und teilte ordentlich aus.
Seine Kritik galt nicht nur dem Unfallverursacher Albon an sich, sondern gleich allen Hinterbänklern im F1-Feld. Das Fahrerniveau im unteren Drittel sei in der aktuellen Formel 1 sehr niedrig, gab sich der Pilot mit den meisten Starts in der Geschichte des Sports überzeugt. Eine Aussage, zu der er auch vier Tage nachher noch steht.
Niedrige F1-Qualität? Fernando Alonso will keine Namen nennen
Angesprochen auf seine Pauschalkritik aus Austin legte Alonso vor dem Grand-Prix-Wochenende in Mexiko sogar nochmal nach. "Ich empfinde noch immer genauso", betonte der Asturier. Das Einzige, was Alonso von seinen Aussagen beim USA-GP zurücknimmt, sei die klare Bezifferung des Problemanteils. "Ein Drittel" sei nicht unbedingt wörtlich gemeint gewesen, stellt er klar: "Es geht mir nicht spezifisch um eine gewisse Zahl."
Namen will Alonso keine nennen, er hält es für offensichtlich, auf wen sich die Kritik bezieht: "Ich denke, wir alle wissen, über welche Fahrer wir sprechen und welche sich am meisten von dieser Aussage angegriffen fühlten. Das sagt alles." Alex Albon ist offensichtlich einer der Adressaten, aber wer sonst?
So eindeutig, wie Alonso diesen Umstand darstellt, erscheint dieser nicht. Denn abgesehen davon, dass der Williams-Rekordstarter selbst ein Routinier ist, der sich inzwischen schon in seiner siebten F1-Saison befindet, lassen sich im derzeitigen Fahrerfeld kaum offensichtliche Schwachpunkte ausmachen. Ganz im Gegenteil: Die meisten Fahrerkollegen von Alonso sind davon überzeugt, dass das Feld im Moment qualitativ hochwertig sei.
Formel-1-Fahrer widersprechen Alonso: Niveau sehr hoch – egal wo im Feld
Pierre Gasly widersprach Alonso: "Das Level im Feld ist heute eines der höchsten, wenn man die heutigen Fahrer mit jenen von vor neun Jahren vergleicht. Damals habe ich verglichen mit heute einige wilde Herangehensweisen gesehen." Auch Charles Leclerc ist sich sicher: "Die Qualität im Feld ist sehr hoch, egal ob hinten, in der Mitte oder an der Spitze. Der einzige Unterschied ist das Auto."
Albon selbst widersprach Alonso ebenfalls und brachte noch einen anderen Punkt in die Diskussion ein: "Wir haben etwa gar keine Pay-Driver mehr." Die hohen Superlizenz-Voraussetzungen legen die Latte für Formel-1-Neueinsteiger spätestens seit der Einführung des 40-Punkte-Systems höher als noch in vorherigen Jahrzehnten. Außerdem sind die Teams nicht zuletzt dank des Budget Caps und des Booms der letzten Jahre finanziell deutlich besser aufgestellt und so nicht mehr auf Bezahlfahrer angewiesen, um sich über Wasser zu halten.
Fernando Alonso "kann gar nicht in Worte fassen", was im hinteren F1-Feld passiert
Alonso bleibt trotzdem bei seinem Punkt: "Es ist nicht nur Austin. Ich befand mich leider die ganze Saison in diesem Teil des Rennens, ich sehe Dinge aus dem Auto, die ich gar nicht in Worte fassen kann", ist er überzeugt.
Zu einem gewissen Teil sei es verständlich, dass im Hinterfeld mehr Fahrfehler und Unfälle vorkommen, weiß auch er selbst: "Wenn man hinten im Feld ist, sind die Autos natürlich schwieriger zu fahren. Sie haben weniger Grip, dadurch gibt es öfter Fehler. Denn man befindet sich in einem Umfeld, das man nicht unter Kontrolle hat." Ein Freibrief sei das aber nicht: "Diese ganzen Dinge, die Berührungen, die herumfliegenden Frontflügel-Teile, sind nicht notwendig. Vor allem, wenn man am Ende des Feldes um nichts kämpft."
"Außerdem gibt es den Kostendeckel, der bei diesem Problem noch dazukommt. Wenn die Teams glücklich darüber sind, dass ihre Fahrer in jedem Rennen Dinge kaputtmachen, dann ist das wohl okay für sie", stichelte Alonso weiter. "Was auch immer es für eine Ambition ist, die diese Fahrer haben, in der Formel 1 zu bleiben oder die Möglichkeit bei einem Topteam zu bekommen oder ob sie glücklich damit sind, Unfälle zu haben."
Haas-Pilot Oliver Bearman wollte die angeblich höhere Anzahl an Zwischenfällen im hinteren Feld nicht der Fahrerqualität zuschreiben. Er sieht einen anderen Grund: "Ich würde nicht sagen, dass es um Qualität geht. Es geht darum, alles zu versuchen, [um Punkte zu holen] und das ist sehr schwierig, wenn die Top-8-Positionen schon mit vier Teams besetzt sind."
Dass der Vorwurf von Fernando Alonso kommt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn der Pilot, der in der F1-Fanszene und in Teilen des Paddocks den größten Paydriver-Vorwürfen ausgesetzt ist, ist sein Aston-Martin-Teamkollege Lance Stroll. Wenn man nach Alonsos Aussagen der Vergangenheit geht, sei der Sohn von Teambesitzer Lawrence Stroll ein Fahrer mit Weltmeister-Potenzial.



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