Track-Limits sorgen in der modernen Formel 1 immer wieder für Gesprächsstoff. An keinem anderen Wochenende der aktuellen Saison waren sie jedoch so präsent wie zuletzt in Austin, Texas. Allein am Trainingsfreitag registrierte die Königsklasse auf dem Circuit of the Americas sagenhafte 207 Überschreitungen der Streckenbegrenzung und stellte damit einen neuen Rekord auf. Für Formel-1-Experte Christian Danner liegt der Grund für das exorbitante Verlassen der Strecke auf der Hand.

"Der COTA ist meiner Ansicht nach nicht up to date. Da sollte man dringend das System des Red Bull Rings mit diesen kleinen Kiesbetten übernehmen", meint Danner in der neuesten Ausgabe des AvD-Motorsport-Magazins. "Denn da wurde ordentlich in der Gegend rumkutschiert."

Wie auf der Autobahnbaustelle: Fahrgefühl der F1-Piloten laut Danner gefragt

Auf dem Circuit of the Americas wurde die asphaltierte Auslaufzone bisher lediglich durch eine weiße Linie von der Strecke abgegrenzt. Um den Fahrern die Orientierung zu erleichtern, wurde die Linie nun blau markiert und verbreitert. Danner weiß jedoch aus eigener Erfahrung aus seiner Zeit in der Formel 1, wie schwierig es ist, bei hoher Geschwindigkeit die Streckenbegrenzung exakt einzuhalten.

"Wenn du kein Kiesbett oder keinen extremen Curb hast, dann ist es ein bisschen schwieriger, das Gefühl zu bekommen, weil du kein Feedback hast", so der Experte, der vier Formel-1-Saisonen fuhr. "Wenn es rumpelt, dann merkt man gleich, dass man außerhalb ist, aber wenn da nichts außer Farbe ist, muss man natürlich ein bisschen sanfter und überlegter an die Sache rangehen."

Laut ihm wäre eine eindeutige Abgrenzung durch ein Kiesbett oder einen höheren Curb also sinnvoll, zwingend nötig sei es in der Formel 1 aber nicht. "Stell dir vor, du fährst durch eine Autobahnbaustelle mit deinem normalen Pkw. Da musst du auch nicht irgendein Radar einstellen, um den Abstand rechts und links hinzubekommen. Du hast ein Gefühl für dein Auto", veranschaulicht er sein Argument mit einem Beispiel. "Das Gleiche gilt auch für die Track-Limits. Dieses Gefühl für eine Strecke ist zwar etwas ganz Subjektives, aber von einem Formel-1-Fahrer kann man das schon erwarten. Sie sind schließlich die besten Fahrer der Welt."

Zwei Trainings am Limit: Dann kehrt Ruhe in die Track-Limit-Verstöße

Warum aber wurden dann allein am Freitag in Austin über 180 Runden gestrichen? Gerade in den ersten beiden Freien Trainings testen die Formel-1-Piloten gerne ihr Limit aus, bevor sie im Qualifying ihre schnellsten Runden auf den Punkt bringen müssen. "Natürlich, wenn man pusht und wahnsinnig attackiert, kann es passieren, dass man darüber rauskommt", versteht Danner die Piloten. "Und man hat ja im Rennen dann auch gesehen, dass es alle Piloten auch schaffen, innerhalb der Linie zu bleiben."

Die Zahlen bestätigen den Experten in seiner Aussage: Allein zwischen FP3 und dem Qualifying ging die Zahl der Verstöße von 41 auf acht zurück. Im Rennen gab es zwar wieder mehr Track-Limits, bestraft wurde jedoch nur George Russell, der sich in der ersten Runde direkt einen Vorteil durch das Verlassen der Strecke verschaffte. Die Stewards ahndeten den Vorfall mit einer Fünf-Sekunden-Strafe.

Von Formel-1-Marshals zu ECAT: Danner adelt neues Track-Limit-System

Die Formel 1 überwacht die Streckengrenzen zwar schon seit Jahren, misst Überschreitungen jedoch erst seit der Saison 2026 auch in allen Trainingssitzungen. Zudem kommt das neue System ECAT ("Every Car All Turns") zum Einsatz, um die Track Limits in jeder Kurve zu überwachen und die FIA mithilfe künstlicher Intelligenz zu unterstützen.

"Früher hat irgendein Marshal gesagt: 'Die Nummer 45 war außerhalb der Strecke' und dabei hat er aber sechs andere übersehen", erinnert Danner an die noch nicht allzu lange zurückliegende Vergangenheit. "Irgendwann hat man dann auf Fernsehaufnahmen gewechselt und seit einiger Zeit gibt es in Genf dieses Remote Operations Center der FIA."

Das Remote Operations Center unterstützt die Rennleitung und die Sportkommissare aus der Ferne. Durch moderne Videoanalyse und KI-Unterstützung sollen Entscheidungen schneller, präziser und einheitlicher getroffen werden. Hier wird außerdem auch das weltweite TV-Signal der Formel 1 produziert und verbreitet. "Diese Dinge zu monitoren ist ein Riesenjob und ich finde, das hat die Formel 1 sehr gut gelöst", meint Danner. "Und die Tatsache, dass man diese vielen Vergehen in Austin problemlos zuordnen konnte, zeigt, dass das System auch funktioniert. Und ansonsten hat man noch die Möglichkeit, die System Operations zu prüfen."

"Großes Kompliment": Danner lobt Reglement-Überwachung hinter den Kulissen

Das ROC, die Rennleitung, die Stewards und die sogenannten System Operations bilden die vier Säulen der FIA-Rennoperationen. Während Rennleitung und Stewards jedem Formel-1-Fan ein Begriff sind, arbeitet die Abteilung der System Operations meist im Hintergrund.

Christian Danner erläutert die Aufgaben dieser Abteilung anhand eines Beispiels: "Wenn ich Vorschriften mache, wie zum Beispiel der Energiehaushalt oder die Energierückgewinnung, dann muss das auch kontrolliert werden. Das gilt genauso für die Benzindurchflussmenge, den Ladedruck, die Drehzahl von Turboladern und so weiter. Und dafür gibt es bei der FIA auch eine eigene Abteilung, die sich nur mit dem Salat beschäftigt."

"Also wie man sieht, gehört schon wirklich viel dazu, ein so kompliziertes System, wie wir es in der Formel 1 haben, vernünftig zu kontrollieren", analysiert der F1-Experte. "Und deshalb muss man da auch mal ein großes Kompliment aussprechen, denn das hat die FIA wirklich gut gelöst."

Welche Themen Christian Danner in der neuesten Ausgabe des AvD-Motorsport-Magazins noch analysiert hat, erfahrt ihr in diesem Video:

Marko rechnet mit Russell ab! Danner: „Da ist der Doktor zu weit weg“ (33:49 Min.)