Das Kräfteverhältnis an der Spitze der Formel 1 ist fest zementiert: Während die vier Top-Teams um Podestplätze fahren, kämpft das Mittelfeld mit riesigem Abstand um den Titel „Best of the Rest“. In Austin fehlten Racing-Bulls-Pilot Liam Lawson auf Platz neun knapp 25 Sekunden auf den Achtplatzierten George Russell - der Rückstand auf Sieger Kimi Antonelli betrug bereits knapp eineinhalb Minuten. Fünf Rennen vor dem Saisonende deutet nichts darauf hin, dass ein Mittelfeldteam die Lücke nach vorne noch schließen kann. Zumindest nicht ohne zusätzliche Entwicklungsmöglichkeiten und Testtage.
Für Formel-1-Experte Christian Danner wäre das jedoch der falsche Ansatz. "Das ist ja eine Lösung, die es in der MotoGP bereits gibt", weiß der ehemalige Formel-1-Pilot. "Aber ich bin kein großer Fan davon, denn das heißt, dass die, die einen guten Job machen, hinterher eigentlich dafür bestraft werden."
Datenvorteil durch F1-Kundenteams? Danner widerspricht und warnt
Auch das Argument, dass Mercedes durch zahlreiche Kundenteams mehr Daten sammeln könne und dadurch im Vorteil sei, lässt Danner nicht gelten. "In der Formel 1 ist es halt nun mal so, dass die Besten es hinbekommen, und in dem Fall sind die Besten eben Mercedes und Red Bull", so der Experte in der neuesten Ausgabe des AvD-Motorsport-Magazins. "Ferrari hinkt da ein bisschen hinterher, aber es sind keine Welten. In Austin war der ja ein wirklich schnelles Auto."
Vor allem Red Bull ist ein gutes Beispiel dafür, dass es auch ohne Kundenteams möglich ist, einen guten Motor zu bauen. Laut ADUO-Reglement hätte das Formel-1-Team in seiner ersten Saison als Hersteller mit Red Bull Powertrains sogar den besten Verbrennungsmotor gebaut. Das Team aus Milton Keynes genießt jedoch auch den Vorteil eines größeren Entwicklungsbudgets im Vergleich zum Mittelfeld.
"Innerhalb der finanziellen und technischen Restriktionen ist die Strategie nicht leicht festzulegen: Hau ich direkt alles raus oder warte ich, bis ich das Auto besser verstehe?", fasst Danner das Entwicklungsdilemma der Teams zusammen. Künstlicher Chancengleichheit erteilt der Experte dennoch eine klare Absage: "Ich glaube auf jeden Fall nicht, dass die Formel 1 in BoP-Bereiche abdriften sollte, um einen Rückstand auszugleichen."
Mit BoP meint der F1-Experte die "Balance of Performance", die in einigen Rennserien wie der DTM oder auch der WEC angewendet wird, um die Autos über Gewicht oder Leistung aneinander anzugleichen. "Das hat in der Formel 1 nichts zu suchen. Man muss einfach damit leben, dass wir in der Formel 1 im Moment zwei Motoren haben, die auf Augenhöhe sind und einen, der halt ein bisschen dahinter ist", stellt Danner klar. "Aber zu sagen: 'Das Auto ist langsam, dann nehmen wir 100 Kilo raus und schon gewinnt es', ist keine Lösung."
Update-Dilemma: Deshalb kommt Audi laut Danner nicht vom Fleck
Wesentlich wichtiger für den Aufholprozess wären daher regelmäßige und vor allem wirkungsvolle Updates. Dass dies eine schwierige Aufgabe sein kann, weiß auch Danner. "Wir sehen in dieser Saison ja, dass Updates, egal von wem sie kommen, manchmal etwas bewirken. Aber das passiert nicht immer und schon gar nicht nachhaltig", so der F1-Experte. "Audi hat ja jetzt nochmal ein Update gebracht und was ist passiert? Eigentlich gar nichts. Die fahren dort rum, wo sie immer rumfahren."
Der Neueinsteiger konzentrierte sich in der ersten Saisonhälfte darauf, die Standfestigkeit des Boliden zu sichern, ehe für die zweite Hälfte Performance-Upgrades angekündigt wurden. Das große Paket in Baku funktionierte laut Nico Hülkenberg zwar, einen echten Leistungssprung brachte es jedoch nicht. Der Deutsche scheidet regelmäßig auf dem undankbaren 11. Platz im Qualifying aus. In den sechs Rennen seit der Sommerpause holte Audi lediglich zweimal Punkte - beide Male durch Hülkenberg.
Für Christian Danner ist Audi daher der beste Beweis dafür, dass "die Formel 1 erstens von der Entwicklungsgeschwindigkeit her mit keiner anderen Motorsport-Serie auf der ganzen Welt vergleichbar ist. Und zweitens, dass natürlich auch nicht jedes Update gleich voll zündet. Denn die Komplexität, die da zusammenspielen muss, ist enorm."
Von der Nasenspitze bis zum Heck müsse alles ineinandergreifen. "Und ich glaube, das ist trotz CFD und Windkanal nicht so einfach", so Danner. "Ist es in der Formel 1 nie, aber das ist wohl auch der Grund, warum letztendlich auch die Abstände immer gleichbleiben."
Audis Situation wird zusätzlich dadurch erschwert, dass der Rennstall direkt mit einem eigenen Motor eingestiegen ist. Diesen während der laufenden Saison weiterzuentwickeln, ist kaum möglich. Zwar wurden dem Team in der zweiten ADUO-Periode aufgrund des Motorrückstands von 4 % zwei zusätzliche Homologations-Joker für 2026 und 2027 zugesprochen, ein spürbarer Sprung wird jedoch erst im kommenden Jahr erwartet. Auch Aston Martin, das in dieser Saison mit dem Honda-Motor zu kämpfen hat, und im ADUO-Ranking noch weiter zurückliegt, hat den Blick schon auf das nächste Jahr gerichtet.
"Ich glaube nicht, dass zusätzliche Testtage der Weg zum Erfolg sind. Bei Honda ist es ja sogar so, dass die sagen, sie wollen jetzt erstmal gar nicht mehr weiterentwickeln, sondern müssen nachdenken, was sie überhaupt machen wollen", erklärt Danner. "Und ich glaube, Audi denkt da in eine ganz ähnliche Richtung."
Starke Fahrer statt großer Updates: Deshalb punktet Haas laut Danner
In diesem Zusammenhang wirft der Experte auch einen Blick auf Haas. Das US-Team geht im Vergleich zum restlichen Mittelfeld seit Saisonbeginn äußerst sparsam mit Updates um – und hält dennoch mit. "Das ist sehr interessant, denn sie fahren konstant auf ihrem Niveau, obwohl sie nicht viel weiterentwickeln", analysiert Danner.
Die Bilanz gibt Haas und der Einschätzung des Experten recht: Haas schrieb in den letzten sechs Rennen mehr Punkte an als Audi. Oliver Bearman konnte zweimal punkten, Esteban Ocon fuhr einmal in die Punkteränge. In der Konstrukteurswertung liegt der Ferrari-Kunde auch mit sieben Zählern Vorsprung auf den deutschen Hersteller auf Platz sieben. "Sie holen die Performance eher durch ihre guten Fahrer heraus", ist sich der Formel-1-Experte sicher. "Die wissen, was sie wollen und brauchen und experimentieren im Auto einfach ein bisschen herum. Das ist auch ein Weg, um nach vorne zu kommen."



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