Franco Colapinto und Arvid Lindblad saßen beim Formel-1-Rennen in Zandvoort im gleichen Boot. Beide machten auf den ersten Metern des Grand Prix Plätze gut. Beide wurden wegen eines Überholmanövers unter doppelt geschwenkten gelben Flaggen auf der Startrunde mit einer Durchfahrtsstrafe und Strafpunkten abgemahnt und fielen ans Ende des Felds zurück. Beide wetterten nach dem Rennen scharf gegen die Entscheidung der Stewards.
Unter Gelb überholt: Darum wurden Colapinto & Lindblad in Zandvoort bestraft
Zunächst zum Tathergang. Lindblad duellierte sich in der letzten Kurve mit Pierre Gasly um Platz neun und setzte just in dem Moment, als sich Max Verstappen vor ihnen in die Wand drehte, zum Überholmanöver an. Der Rookie ging zunächst vom Gas, beschleunigte dann aber wieder, als der Reifen des havarierten Red Bulls zwischen ihm und Gasly durchrollte. Zu diesem Zeitpunkt waren sie noch nicht einmal an Verstappens Wrack vorbei.
Kurz darauf wurden die gelben Flaggen geschwenkt. Neben der Boxeneinfahrt waren die beiden auf gleicher Höhe, auf der Ziellinie hatte Lindblad seine Nase bereits vor den Alpine geschoben. Am Ende dieses Videos ist das Überholmanöver des Racing Bulls unten auf Gaslys linker Seite zu sehen.
Nur wenige Meter dahinter kam es zu einer sehr ähnlichen Szene zwischen Colapinto und Yuki Tsunoda. Der Japaner musste verzögern, da Verstappens Reifen direkt in seine Fahrbahn rollte, und zog nach links. Dort befand sich der Alpine mit der Nummer 43, der nur leicht verzögerte und dann voll aufs Gas trat, um am daherkommenden Racing Bull vorbeizuziehen. Als die gelbe Flagge ausgerufen wurde, befand sich Colapinto noch hinter Tsunoda.

Beide Fälle scheinen also glasklar. Kurz nach dem Restart wurde zuerst Lindblad und dann Colapinto bestraft. Beide mussten eine Ehrenrunde durch die Boxengasse drehen. Normalerweise würde das Überholen unter Doppel-Gelb, eine schwere Sicherheitsgefährdung, eine Stop-and-Go-Strafe mit zehn Sekunden Standzeit nach sich ziehen, doch die Rennkommissare ließen wegen der vielen Trümmerteile auf der Strecke mildernde Umstände gelten. So verloren Lindblad und Colapinto "nur" etwa 20 statt 30 Sekunden. Zusätzlich bekam jeder auch noch zwei Strafpunkte auf seiner Superlizenz vermerkt.
Strafen zu hart! Colapinto & Lindblad fühlen sich unfair beurteilt
Für die beiden Gelb-Sünder ist die Sache nach dem Rennen aber noch nicht gegessen. "Die Strafe war sehr streng, für mich und Lindblad. Es kommt mir nach zu viel vor. So etwas zerstört dein Rennen", ärgert sich Colapinto. Der Alpine-Pilot hatte sich in Runde eins von P14 auf P10 vorgearbeitet. Nachdem er die Strafe absaß, war er Letzter. Auf der Strecke direkt vor ihm: Lindblad, der von P8 ebenfalls ans Ende zurückgefallen war. "Es ist traurig, das hat unser Rennen ruiniert. Das Team hätte Punkte verdient. Ohne die Strafe wären wir heute Achter geworden", lamentiert der Rookie.
"Es ist schwer, diese Bedingungen einzuschätzen, wenn du in der ersten Runde kämpfst und versuchst, zu überholen", erklärt Colapinto seine Sicht der Dinge. "Es ist feucht, der Grip ist gering, die Kurve ist überhöht und es fliegen überall Teile herum. Ich habe die gelbe Flagge erst sehr spät bekommen, als ich dabei war, mein Überholmanöver zu beenden. Es wäre sicherlich viel gefährlicher gewesen, voll in die Bremse zu treten und in der Mitte der Geraden langsamer zu werden, wenn jeder sich dreht."
Lindblad kann seine Strafe auch überhaupt nicht nachvollziehen. "Wenn du dir meine Onboard anschaust… Was habe ich denn falsch gemacht? Die Strafe ist hart. Ich denke, wir stimmen alle überein, dass sie ziemlich extrem ist. Aber gut, es ist, wie es ist. Es hat keinen Sinn, noch länger darüber zu diskutieren", will sich der Brite nicht unbeliebt machen. Mit Platz zwölf und über eine Runde Rückstand auf den Sieger Lando Norris kam Lindblad weit entfernt von der Position über die Ziellinie, die er nach dem Start innehatte.
Wollten Stewards Präzedenzfall schaffen? Colapinto: Arbeitsweise ändern!
Für Colapinto steht nach dem Rennen in Zandvoort fest: Die Stewards müssen ihre Arbeitsweise ändern. "Ich habe das Gefühl, dass sie flexibler arbeiten sollten. Die Regeln sind niedergeschrieben, aber es sollte Kriterien geben, wann etwas sicherer oder ein bisschen weniger unsicher ist", lautet sein Vorschlag. "Es ist ihr Job, ja. Aber es ist auch ihre Aufgabe, flexibel zu sein und die Situation zu verstehen. Besonders wenn eine Sache gefährlicher ist als eine andere."
Für Lindblad hatten die Stewards an diesem Sonntag nicht die vorliegende Situation im Blick, sondern ein grundsätzliches Zeichen setzen: "Es fühlt sich an, als wollten sie eher einen Präzedenzfall schaffen als das Vergehen zu beurteilen und eine richtige Strafe dafür zu vergeben." Man muss jedoch auch bedenken, dass unter doppelt geschwenkter gelber Flagge zu überholen ein immenses Sicherheitsrisiko darstellt. Gerade bei den Geschwindigkeiten, die nach der letzten Highspeed-Kurve zur Start-Ziel-Gerade in Zandvoort herrschen, hätte die Szene viel schlimmer ausgehen können.
Dennoch bemüht sich Colapinto um eine Rechtfertigung seiner Aktion: "Wenn jemand 30 km/h langsamer auf dem gleichen Streckenabschnitt ist, dann wird er überholt. Wenn dann eine gelbe Flagge geschwenkt wird, gibt es nicht viel, das du tun kannst. Es ist sehr schwierig, darauf zu reagieren."
Auf die Farbe Gelb zu reagieren, fiel dem Alpine-Piloten in Zandvoort generell schwer: In Runde 54 schoss er gerade durch Kurve drei, als Esteban Ocon seinen Haas im Auslaufbereich abstellte. Colapinto verlangsamte trotz einfach geschwenkter gelber Flagge und der Anzeige auf seinem Lenkrad nicht. Dasselbe Missgeschick passierte Liam Lawson. Beide bekamen eine 10-Sekunden-Strafe sowie einen Strafpunkt, was Colapintos Sammlung auf vier erhöhte. Schon in Barcelona war er unter Gelb zu schnell gewesen. Doch weil die Vorsprünge auf ihre Verfolger so groß waren, hatten die Strafen in Zandvoort keine Auswirkungen auf die Endergebnisse von Lawson (P7) oder des Alpine-Fahrers. Colapinto wurde Vierzehnter.



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