Erster Schultag für die Formel 1 in Australien und wie in der Schule ist auch in der Königsklasse erst einmal Kennenlernen angesagt. Nur eben nicht die neuen Klassenkameraden, sondern die neuen Regeln. Anders als in der Schule steht aber in der Königsklasse eine der schwierigsten Prüfungen schon ganz am Anfang auf dem Programm.
Der Albert Park Circuit in Melbourne zählt zu den Highspeed-Strecken. Viele schnelle Passagen, nur wenige Kurven in denen man die Batterie aufladen kann. Für die neue F1-Generation ist das Gift. Umso kniffliger ist es für die Teams schon gleich am ersten Tag herauszukriegen, wie sich die Elektro-Power am besten einteilen lässt und an welchen Stellen Sparen angesagt ist.
Mercedes-Power trumpft im zweiten Training auf
Entsprechend unterschiedlich waren auch die Herangehensweisen auf eine Runde in den ersten beiden Trainings. Etwas überraschend legten Ferrari und Red Bull in FP1 vor, während Mercedes mit "Anlaufschwierigkeiten" in Form von Untersteuern zu kämpfen und McLaren bei beiden Autos technische Probleme vorzuweisen hatte. Erst im zweiten Training fuhren sich die Mercedes-angetriebenen Topmannschaften ins Scheinwerferlicht. Dann aber ordentlich.
Oscar Piastri im McLaren setzte sich mit einer Rundenzeit von 1:19,729 vor den beiden Werks-Mercedes durch. Dabei stach ins Auge, dass Piastri seinen Vorteil vor allem im ersten Sektor herausgeholt hatte. Mercedes managte über die gesamte Runde seine Elektro-Vorräte konservativer als der Papaya-Bolide.
Piastri ging bereits mit etwas Überschuss zu Kimi Antonelli und George Russell, die synchron zueinander vor der Startlinie noch länger lupften. Eine wirkliche Rechnung dafür bekam er nicht präsentiert. Auch auf der Anfahrt zu Kurve 3 bis hin zu Turn 4 nahmen sie noch mehr raus, der Gewinn auf der anschließenden Geraden glich den Verlust vor T3 nicht aus. In Kurve 9/10 schalteten Antonelli und Russell früher zurück, holten die Zeit anschließend aber wieder heraus.
Da Parität bei den Motoren zwischen den Werksteams und den Kunden herrscht, kann man davon ausgehen, dass Mercedes bei einer ähnlichen Herangehensweise wie Piastri auf jeden Fall auf Start-Ziel und wohl auch vor Kurve 3 noch Zeit herausholen könnte.
Ferrari zittert vor dem Mercedes-Longrun
Den Gegenentwurf zu den konservativen Mercedes lieferte Lewis Hamilton im Ferrari, der in Kurve 3 später hineinbremste, dafür aber bis zum Ende des ersten Sektors abgestraft wurde. Kurve 9 fuhren beide Ferraris ebenfalls aggressiver an, ohne aber dabei durch die Kurve Zeit oder Energie zu sparen. Charles Leclerc blieb deutlich hinter Hamilton, ihn muss man aber bei dieser Rechnung noch rausnehmen. Denn der Monegasse wagte am Freitag ein "aggressives" Setup-Experiment, das keine Früchte trug.
Er kalkuliert aber trotzdem, dass man Mercedes unterlegen ist. Vor allem in einem Punkt. "Ich weiß nicht, wie viel Spielraum sie noch bei der Qualifying-Pace gegen uns haben, aber in der Rennpace sehen sie sehr stark verglichen mit uns aus", so Leclerc. Diese Sprache geht auch aus den Daten hervor, denn Leclerc fuhr zwar keinen Longrun, dafür aber sein Teamkollege Hamilton, der auf den harten Reifen klar hinter Russell und Antonelli zurücklag.
Auch wenn sich Mercedes wie üblich um die Favoritenrolle drückt, gab sich auch Russell zuversichtlich für das restliche Wochenende. Team-Vertreter Bradley Lord sprach davon, dass der Brite "glücklicher und ein bisschen komfortabler [im Auto] als Kimi" sei. Das spiegeln so auch die Longrun-Daten wider, nicht allerdings die Hotlap. Auf dieser machte Antonelli den Unterschied gegen Russell in den Kurven 11 und 12.
Die Geister von 2025: Red Bull noch auf Setupsuche, Verstappen im Kies
Zwar bestätigte sich allgemein auch am ersten Trainingsfreitag der Formel-1-Saison das Bild der Testfahrten, laut dem die üblichen vier Topteams der letzten Jahre auch 2026 einen klaren Schritt vor der Konkurrenz liegen, aber Red Bull zeigte sich noch nicht auf dem Niveau von McLaren, Mercedes und Ferrari. Max Verstappen büßte über sechs Zehntel ein.
Dabei erinnert das Bild bei den Bullen an letztes Jahr, als der RB21 bereits häufig schwierig ins Arbeitsfenster zu bekommen war. Denn erneut klagten die Fahrer über ein noch suboptimales Setup. Max Verstappen meinte: "Wir arbeiten noch am Setup und wir hatten etwas Probleme mit dem Grip." Wie zum Beweis geriet der Niederländer während seines Longruns ausgangs von Kurve 10 ins Kies, wo anschließend Teile von seinem Red Bull abflogen.
Longrun-Zeiten gibt es von ihm also keine. Teamkollege Isack Hadjar fuhr seinen Longrun auf Medium-Reifen und war dabei der Schnellste, aber kein anderer Fahrer der Topteams nutzte diesen Reifensatz, also lassen sich seine Zeiten schwer vergleichen. Der Franzose klagte seinerseits über das unstete Fahrverhalten seines Motors. "FP2 war ziemlich schwierig mit dem Deployment und allem." Wie viel davon auf Red Bull an sich und wie viel allgemein auf die neuen Regeln zurückzuführen ist, lässt sich nur schwer abschätzen: "Wir müssen konstant die Bremspunkte anpassen, man kommt nie mit demselben Speed [in einer Kurve] an. Das macht es sehr schwierig."
Weltmeister Lando Norris war auf der Zeitenlisten im zweiten Training auf verlorenem Posten unterwegs und verlor fast eine Sekunde ohne augenscheinlichen Fehler. Das muss aber nicht viel bedeuten, vielmehr liegt das vermutlich daran, dass er etwas anderes ausprobierte als sein McLaren-Teamkollege. Er attackierte alle für das Energiesparen relevanten Stellen etwas aggressiver als Piastri, Kurve 9 sogar sehr deutlich. Bei den Longruns präsentierte er sich auf einem besseren Niveau als Piastri, allerdings mit nur wenigen repräsentativen Runden auf seinem Run.



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