Er war einer der Großen: Hans Herrmann ist am Freitag im stolzen Alter von 97 Jahren verstorben. Dass die Rennfahrer-Ikone aus Stuttgart ein solch langes und erfülltes Leben führen konnte, hatte auch mit einem besonderen Versprechen an seine Gattin Magdalena zu tun. In einer gefährlichen und rasanten Zeit des Motorsports erwies sich 'Hans im Glück' zuerst als Teufelskerl und dann als Mann der Vernunft. Motorsport-Magazin.com blickt zurück auf eine besondere Karriere.
Mit dem Porsche unter der Bahnschranke hinweg: Hans Herrmanns spektakuläre Ankunft im Motorsport
Eigentlich hatte Hans Herrmann eine Konditorlehre abgeschlossen und sollte das Café seiner Mutter übernehmen. Letztlich wurde sein Weg - bei allem Respekt vor den Backkünsten dieser Welt - deutlich spektakulärer. Das Benzin im Blut erwachte zunächst als Chauffeur eines Arztes in der Stuttgarter Heimat. Bald wurde daraus eine Art Taxiunternehmen. Der Weg von der Straße auf die Rennstrecke war ab da nicht mehr weit und Herrmann wagte es mit einer der beiden Marken, die seine Karriere prägen sollten: Porsche.
Mit einem 356er ausgestattet, startete er 1952 erstmals am Nürburgring - und gewann sofort. Das blieb Porsche nicht verborgen und so ging er schon im Folgejahr als Werksfahrer an den Start. Bei der legendären Mille Miglia gelang ihm der Klassensieg. 1954 wiederholte er diesen Erfolg. In Erinnerung blieb dabei eine wagemutige Aktion. An einem geschlossenen Bahnübergang konnte Hans Herrmann seinen Porsche 550 nicht mehr rechtzeitig abbremsen. Also duckten sich der Deutsche und Beifahrer Herbert Linge in ihr Fahrzeug und fuhren knapp vor der Ankunft eines Schnellzuges unter der Schranke hindurch. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass Hans Herrmann einer Tragödie knapp entkam. Der spätere Spitzname 'Hans im Glück' kam nicht von ungefähr.
An der Seite von Fangio: Mit dem Silberpfeil aufs Podium
Mit Glück hatte sein Start in der höchsten Motorsportklasse Formel 1 allerdings nichts zu tun. In einem Ausscheidungsverfahren unter mehreren Nachwuchspiloten setzte sich Hans Herrmann mit den schnellsten Zeiten durch. Gesucht nach einem Fahrer hatte die zweite große Marke in der Karriere: Mercedes.

Die Rückkehr der legendären Silberpfeile wurde getragen von Stars wie Juan Manuel Fangio und Sir Stirling Moss. Neben diesen Legenden wusste aber auch Hans Herrmann seinen Fußabdruck zu hinterlassen. Mit dem dritten Rang in der Schweiz wurde er nach Teamkollege Karl Kling zum zweiten deutschen Podestfahrer in der Königsklasse. Leider kam es nicht zu den vollen zwei Saisons des Mercedes-Engagements. Im Training zum Großen Preis von Monaco 1955 verunfallte Hans Herrmann in der Hafensektion schwer, war aber wieder einmal im Glück. Er überlebte und konnte sich in den folgenden zwei Jahren von seinen Verletzungen erholen. Mercedes hatte sich da allerdings bereits aufgrund der Le-Mans-Tragödie zurückgezogen.

'Hans im Glück' in der Luft, aber ohne Erfolg
Die Formel 1 sollte trotz weiteren Rennen ab 1957 nicht mehr die große Liebe werden. Nur noch einmal gelang ein Punkteergebnis. Stattdessen gab es den nächsten spektakulären Schreckmoment. Auf der Berliner Avus hob Herrmanns BRM 1959 bei 250 k/hm ab. "Einen Tag zuvor war mein enger Freund Jean Behra tödlich verunglückt. Dann hatte ich plötzlich Bremsversagen. Ich hätte in die Kurve einlenken können, aber dann wäre ich mitten in die Zuschauer geflogen. Also entschloss ich mich innerhalb von den Sekundenbruchteilen geradeaus auf die Strohballen zu fahren, flog dadurch aber durch die Luft", erinnerte er sich Jahre später in einem Interview bei 'F1-Insider'. Das Unglaubliche: Nur ein paar Schürfwunden zeugten vom Unfall. "Als ich nach 70 Metern Flug am Boden lag, hatte ich Angst aufzustehen, weil ich dachte, dass ich mir alle Knochen gebrochen habe. Das war aber nicht der Fall", womit 'Hans im Glück' endgültig zu seinem Beinamen geworden war.
Auf den Ergebnislisten blieb ihm das Glück aber nicht hold. In der ersten Hälfte der 1960er Jahre ging Herrmann vornehmlich für Abarth an den Start, nachdem er in der Formel 1 nicht mehr dauerhaft Fuß fassen konnte. Mit dem italienischen Hersteller waren Erfolge bei bedeutenden Rennen nicht möglich. Lediglich in kleineren Klassen gelangen Gesamtsiege und Achtungserfolge. Dem Aus in der Formel 1 trauerte im Nachhinein nicht mehr nach, denn zu viele seiner Rennfahrerkollegen fanden in diesen Jahren den Unfalltod.
Rückkehr zu Porsche begründet die Legende: Der Le-Mans-Triumph von 1970
Es brauchte die Rückkehr zur alten Liebe, um die erfolgreichste Phase der Karriere einzuleiten. Im Langstreckenteam von Porsche verewigte sich Hans Herrmann für immer in der Geschichte der Zuffenhausener. 1968 gewann er bereits die 24 Stunden von Daytona, doch das ganz große Ziel konnte natürlich nur eines sein: Le Mans. Kaum zu glauben, aber damals hatten die heutigen Rekordsieger noch nie an der Sarthe gewinnen können.

1969 sollte zu einem Schicksalsjahr für Hans Herrmann werden. Nachdem er den Tod so vieler Kollegen und Freunde miterleben musste und selbst nur knapp von der Schippe gesprungen war, erfolgte das Versprechen an seine Frau Magdalena: Le Mans wird das letzte Rennen. Es kam zu einer der knappsten Niederlagen in der Geschichte des Rennens. Nur etwa einhundert Meter hinter Sieger Jacky Ickx im Ford GT fuhr Herrmann über die Ziellinie.
So nah dran am größten Sieg im Motorsport konnte er dies nicht auf sich sitzen lassen. Hans Herrmann musste doch noch einmal nach Frankreich - und er lieferte 1970 grandios ab. Zusammen mit Teamkollege Richard Attwood - am Steuer des damals brandneuen und heute legendären Porsche 917 - gewann Hans Herrmann im Motorsport-Mekka mit satten fünf Runden Vorsprung. Es war der Urknall für das erfolgreichste Werk beim Klassiker. Heute hat Porsche 19 Gesamtsiege auf dem Konto.

Karriereende am Höhepunkt: Das Versprechen eines langen Lebens für den Motorsport
Für Hans Herrmann blieb es jedoch bei diesem einen Triumph, denn mit einem Jahr Verspätung hielt er sich am Höhepunkt der Karriere an sein Versprechen. Mit 42 Jahren war die Karriere als Rennfahrer zu Ende und das Leben als Familienmensch begann. "Ich wollte das Schicksal nicht noch länger strapazieren", kommentierte er später.

Das Glück zu Leben genoss er weitere 55 Jahre lang stets in großer Verbundenheit zum Motorsport. "Sein sympathisches Charisma und seine Leidenschaft für den Motorsport machten ihn bei Fans und Fahrerkollegen gleichermaßen beliebt. Auch nach seiner aktiven Karriere blieb Hans Herrmann als Repräsentant für Mercedes-Benz Heritage eng mit unserer Marke verbunden und trug dazu bei, das Erbe unserer Fahrzeuge zu bewahren", würdigt Marcus Breitschwerdt, Geschäftsführer von Mercedes-Benz Heritage.

Die Anteilnahme war nicht nur bei Mercedes und Porsche groß, sondern auch bei den Motorsport-Fans. Der Stuttgarter scheute nie den Kontakt, zeigte sich stets nahbar bei verschiedensten Veranstaltungen, wo er zu Demofahrten auch bis ins hohe Alter noch selbst ins Lenkrad griff. Mit ihm verliert der Rennsport einen Sympathieträger, der sich stets des Glücks bewusst war, dass er sein langes Leben genießen durfte.



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