Ende Oktober endete die Anhörung im Fall Felipe Massa vor dem High Court in London. Jetzt ist die Entscheidung gefallen. Richter Robert Jay, der sich drei Tage lang die Argumente beider Seiten angehört hat, kam zu dem Schluss, dass der Fall reale Erfolgsaussichten hat und weiterverfolgt wird. Das heißt, Massas Klage geht vor Gericht.

Mit Erfolgsaussichten ist gemeint, dass das Gericht Felipe Massa einen Schadensersatz zusprechen könnte. Richter Jay wies allerdings darauf hin, dass selbst im Fall einer erfolgreichen Klage das Ergebnis der Formel 1-Weltmeisterschaft 2008 nicht rückgängig gemacht werden kann - sprich: Lewis Hamilton bleibt Weltmeister. Massa darf sich maximal Hoffnungen auf Geld machen.

Die FIA erklärte in einer Stellungnahme, dass das Urteil bedeute, dass Massas Klage "auf deutlich eingeschränkter Grundlage" fortgesetzt werde und vorbehaltlich etwaiger Anträge auf Zulassung der Berufung. Massa teilte in einer Erklärung mit, das Urteil sei "ein großer Tag für mich, für die Gerechtigkeit und für alle, die die Formel 1 lieben". Er fügte hinzu, dass Piquets Unfall "mir die Weltmeisterschaft gestohlen" habe.

In einem 54-seitigen Gerichtsdokument wurde im Detail nochmals auf alle Punkte eingegangen. Motorsport-Magazin.com beantwortet die wichtigsten Fragen.

Worum geht es bei dem Gerichtsstreit?

Felipe Massa hat im März 2024 Klage gegen das Formula One Management (FOM), den Automobil-Weltverband FIA sowie den damaligen F1-Promoter Bernie Ecclestone eingereicht. Der Brasilianer glaubt Opfer von "skullduggery" - Machenschaften bzw. unsauberem Vorgehen - beim Großen Preis von Singapur 2008 geworden zu sein. Damals verlor er die WM gegen Lewis Hamilton um einen Punkt. Allerdings ereignete sich in dieser Saison auch "Crashgate", einer der größten Skandale in der F1-Geschichte.

Nach einem Interview im Jahr 2023, in dem Ecclestone andeutete, dass man bereits vor dem Saisonende 2008 von "Crashgate" gewusst habe, reichte Massa Klage ein. Seine Anwälte Nick De Marco, Kendrah Potts und Rowan Stennett argumentierten, dass Ecclestone und die FIA es versäumt hätten, den Vorfall zu untersuchen. Laut Massa hätte das Ergebnis des Singapur nach Bekanntwerden des Skandals annulliert werden müssen. Er fordert daher Schadensersatz in Höhe von 64 Millionen Pfund (73 Mio. Euro) als Entschädigung für die Gewinne, die ihm infolge der WM-Niederlage entgangen sind.

Wie argumentierte die Verteidigung von Bernie Ecclestone?

Im Gegensatz zu Felipe Massa erschien Bernie Ecclestone Ende Oktober nicht persönlich vor dem Londoner High Court. Seine Anwälte David Quest und William Day stellten in einer schriftlichen Stellungnahme, die Klage von Massa als "fehlgeleiteten Versuch" dar, die "Ergebnisse der F1-Fahrerweltmeisterschaft 2008 wieder aufzurollen."

Die Verteidigung der drei beklagten Seiten beantragten, die Klage gemäß CPR 3.4 (2)(a) "strike out" (Abweisung ohne Hauptverhandlung) und/oder durch "reverse summary judgment" nach CPR 24.3 abzuweisen. Ihrer Auffassung nach sind sämtliche Ansprüche verfehlt und längst verjährt. Laut Ecclestones Anwälten soll Massa bereits 2008 und 2009 genug Informationen gehabt haben, um vor Gericht zu gehen.

Crashgate-Affäre: Nelson Piquet crasht auf Befehl, um Fernando Alonsos Sieg zu sichern. Die Geschichte hinter dem Singapur-GP, der Felipe Massas WM-Klage auslöste, gibt es hier:.

Wie argumentierte die Verteidigung seitens der FIA und der Formel 1?

Der Anwalt der FIA, John Mehrzad, bezeichnete Massas Klage als "übermäßig ehrgeizig". Anneliese Day, die die FOM vertritt, erklärte in einer schriftlichen Stellungnahme, dass nicht der "Crashgate"-Vorfall und die daraus resultierende SC-Phase der Grund gewesen sei, dass Massa 2008 die WM verlor. Vielmehr sei es eine Reihe von Fehlern gewesen, die er und Ferrari in den verbleibenden 47 Runden des Singapur GP begangen hätten. Zudem sei Hamilton über die Saison hinweg der bessere Fahrer gewesen.

Wie argumentierte das englische Gericht?

Richter Robert Jay entschied, dass Massas Klage wegen Anstiftung zum Vertragsbruch fortgesetzt werden könne, und erklärte in einer Zusammenfassung seines Urteils, dass Massa wohl nicht gewusst habe, dass er klagen könne, bis 2023 ein Interview mit Ecclestone veröffentlicht wurde. Der Richter wies jedoch seine Klage ab, dass die FIA ihre Pflicht zur Untersuchung verletzt habe, und lehnte seinen Antrag auf Feststellung ab, da das Gericht "das Ergebnis der Fahrer-Weltmeisterschaft 2008 nicht umschreiben" könne.

"Nach meiner Auffassung ist Herr Massa nicht berechtigt, Feststellungsansprüche aus Gründen der Reputation oder der Öffentlichkeitswirkung zu erheben. Die vorliegende Klage kann das Ergebnis der Fahrerweltmeisterschaft 2008 selbstverständlich nicht neu schreiben, aber sollte ein Feststellungsurteil in der begehrten Form ergehen, würde Herr Massa seinen Sieg der Welt auf diese Weise präsentieren, und ebenso würde die Öffentlichkeit ihn wahrnehmen", wird Richter Jay in den Gerichtsunterlagen zitiert. Wenn Massa überhaupt einen Anspruch hat, dann allenfalls auf Schadensersatz, allerdings nicht auf eine gerichtliche Feststellung, dass er die WM 2008 hätte gewinnen sollen.

Felipe Massa fand in Gerhard Berger einen prominenten Unterstützer im Kampf gegen den Ausgang der Formel-1-WM 2008. Mehr dazu in diesem Artikel: