Max Verstappens Sieg beim NLS-Debüt schlug am Wochenende zwischen den Formel-1-Rennen in Baku und Singapur hohe Wellen. Der Ausflug des F1-Weltmeisters auf die legendäre Nürburgring Nordschleife schindete auch bei seinen F1-Rivalen Eindruck. Mit dem heutigen Zeitgeist der Formel 1 sind Teilnahmen der Piloten in anderen Rennserien nur schwer vereinbar. Nachdem vor einigen Jahren schon Fernando Alonso mit dem Indy 500 fremdging, zeigte nun auch Max Verstappen seinen Fahrerkollegen, wie Vielseitig das Leben eines Formel-1-Fahrers nebst dem vollgepackten Grand-Prix-Kalender doch sein kann. Für die Konkurrenz ist es ein Privileg, das Begehrlichkeiten weckt.

"Ehrlich gesagt war das unglaublich. Wir sind deshalb alle ziemlich neidisch", so George Russell über Max Verstappens Auftritt in der Nürburgring Langstrecken-Serie. Zwei Wochen zuvor hatte der Red-Bull-Fahrer seine Permit A gemacht, um am vergangenen Samstag für seinen ersten GT3-Start auf die Nordschleife zurückzukehren. Zusammen mit Teamkollege Chris Lulham feierte er im Ferrari 296 GT3 von Emil Frey einen dominanten Sieg.

Max Verstappen auf dem Weg zum größten Motorsport-Allrounder der Neuzeit?

Fernando Alonsos Teilnahmen am Indy 500, den 24 Stunden von Le Mans sowie der Rallye Dakar machten den Spanier zu einem der größten Motorsport-Allrounder der Neuzeit. Nun hat sich auch Max Verstappen daran gemacht, eine Reputation zu etablieren, die über die eines Formel-1-Weltmeisters hinausgeht. "Ich weiß noch nicht, wie viel es zu seiner Größe beiträgt", sagt Lando Norris. "Aber die Tatsache, dass er in eine andere Rennserie gehen kann und dort augenscheinlich der Beste sein kann, zeigt wie großartig er ist."

Bis in die 1980er Jahre war es für Formel-1-Fahrer üblich, neben ihren Verpflichtungen in der Königsklasse auch in anderen Meisterschaften anzutreten. Der Grand-Prix-Kalender umfasste damals maximal 16 Stationen. Für Verstappen ist die Ausgangslage heute mit 24 Formel-1-Wochenenden eine andere. "Max dabei zu sehen, wie er das Rennen gewinnt, war unglaublich. Es steht außer Frage, wie gut er ist. Es ist bemerkenswert, denn wir haben einen sehr vollen Kalender und er kämpft potenziell auch noch um die Weltmeisterschaft", merkt Esteban Ocon an.

Was die sportliche Leistung angeht, war der sofortige Erfolg Max Verstappens auf der allgemeinhin als schwierigsten Rennstrecke der Welt berüchtigten Nordschleife für die Formel-1-Fahrerkollegen letztendlich abzusehen. "Er ist dazu geboren und wird für immer einer der Besten aller Zeiten sein, wenn nicht sogar der Beste in der Formel 1. Wer gegen ihn antritt, hat zumeist sehr geringe Chancen, ihn zu besiegen", so Norris.

Auch Gabriel Bortoleto rechnete mit dem Sieg. "Ich war nicht überrascht. Er gewinnt in der Formel 1, warum sollte er dann nicht im GT3-Auto gewinnen? Es sind natürlich unterschiedliche Kategorien, aber er hatte den Rundenrekord inoffiziell zuvor ja schon unterboten. Ich hatte erwartet, dass er im Rennen gut sein würde und das war er", so der Brasilianer, der regelmäßig mit Max Verstappen Simracing betreibt.

Max Verstappen privilegiert: Formel-1-Fahrer wünschen sich mehr Freiheiten

Wurden Formel-1-Fahrer spätestens seit den späten 1990er Jahren vom Kart- über den Formelsport bis in die Formel 1 mit nur einem Fokus ausgebildet, hat sich das mit der Generation Max Verstappen geändert. Durch das Simracing als Freizeitbeschäftigung, kommen die Grand-Prix-Fahrer mittlerweile auch mit anderen Disziplinen in Berührung. Dem Reiz, sich auch in der Realität mit bestimmten Fahrzeugen oder Rennstrecken auseinanderzusetzen, können sie sich nur schwer entziehen.

"Ich habe vergangenes Jahr einige Test- und Entwicklungsfahrten auf der Nordschleife gemacht, weil ich die Strecke lernen und ein Gefühl dafür bekommen wollte. Ich bin den Kurs jahrelang in Gran Turismo gefahren", erklärt Esteban Ocon. Für Rennteilnahmen außerhalb der Formel 1 fehlen den meisten Fahrern allerdings die vertraglichen Voraussetzungen.

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"Die Freiheiten zu haben, erstmal in der Formel 1 das zu tun, was du liebst, und dann auch noch die Möglichkeit zu haben, aus purer Freude andere Rennen zu fahren - das ist für andere Leute nicht so einfach zu haben", sagt George Russell. "Wenn ich in seiner Position wäre, würde ich dasselbe machen - nur ist das nicht der Fall", so Ocon.

Von McLaren erhielt Fernando Alonso 2017 die Freigabe für das Indy 500, weil das Team in der Formel 1 sportlich im Nirgendwo versunken war und das Management die Publicity um den Auftritt des zweifachen F1-Champions in den USA gerne mitnahm. Zudem konnte McLaren seinen frustrierten Star-Fahrer mit der Unterstützung bei dessen Jagd nach der 'Triple Crown' milde stimmen.

Red Bull gestand Max Verstappen in den vergangenen Jahren stets gewisse Freiheiten zu. Die Teilnahme an Simracing-Events am Samstagabend vor einem Grand Prix war beim Niederländer mehrfach der Fall. "Dir steht dieses Recht zu, wenn du vier Weltmeisterschaften gewonnen hast, und wir sind hier alle noch dabei, zu versuchen, unsere erste zu gewinnen", so Russell. "Wenn wir auch vier WM-Titel gewonnen haben, können wir das vielleicht genauso machen. Ich respektiere es auf jeden Fall sehr und würde es eines Tages auch gerne machen."

Negativbeispiel Robert Kubica: Risiko ist zu vernachlässigen

In der Regel werden den Formel-1-Fahrern die sportlichen Aktivitäten außerhalb des F1-Autos vor allem wegen der erhöhten Verletzungsgefahr untersagt. Robert Kubicas Karriere war nach einem Rallye-Unfall in der Winterpause vor der Saison 2011 nicht mehr dieselbe. "Du musst das Leben genießen. Und es ist bei allem ein Risiko dabei. Wir können beim Paddel ausrutschen oder morgens die Treppe hinunterfallen", wiegelt Russell ab. "Natürlich birgen manche Dinge mehr Risiko. Rallye ist potenziell riskanter als GT3-Rennen auf der Rennstrecke. Letztendlich müssen wir machen, was uns Freude bereitet. Viele Fahrer gehen auch Skifahren, du kannst dich nicht in Watte packen."