McLaren hat spätestens mit dem orchestrierten Positionswechsel kurz vor dem Ende des Monza-Rennens seine Karten vollends auf den Tisch gelegt. Fairness soll das oberste Prinzip im derzeit dominanten Formel-1-Team sein und dieses Prinzip steht entgegen beinahe aller historischen Vorbilder auch über dem WM-Titelkampf.

Nicht etwa, weil Rennställe das in der Vergangenheit nicht versucht hätten, sondern weil das schlicht und ergreifend Fahrer nicht mit sich machen ließen. Am Ende bleibt ein Rennfahrer allem Teamwork zum Trotz dann doch ein Einzelkämpfer, da gehört eine Portion Egoismus dazu. Nicht ohne Grund erinnert man sich mit Blick auf vergangene Formel-1-Saisonen in aller Regel zuerst an den Fahrer-Weltmeister, erst danach (vielleicht) an das Team.

Dass McLaren sich damit auf ein gefährliches Spiel einlässt und die Buchse der Pandora geöffnet hat, erörterte bereits mein Kollege Christian Menath. Doch die Frage ist, wie lange lassen das die McLaren-Fahrer mit sich machen? Denn je länger die Saison andauert, desto kürzer werden die Geduldsfäden unter dem Helm.

Teamorder bei McLaren: Würde Lando Norris auch 'den Piastri' machen?

Monza war gewissermaßen das Idealszenario einer ersten Fairness-Belastungsprobe im Team-Duell um den Titel. Einerseits ging es nicht um den Sieg und damit verbunden 'nur' um sechs Punkte. Andererseits war mit Oscar Piastri der Fahrer vorne, der sich angesichts seines Zandvoort-Satzsieges in einer komfortablen Situation befindet. Er hatte allen Abwägungen zum Trotz gute Gründe, diese Punkte zu opfern. Für den Teamfrieden und für die Gunst des Rennstalles ihm gegenüber. Moralisch befindet er sich in der besseren Stellung.

Ob einer potenziellen Revanche in die Gegenrichtung auch so einfach Folge geleistet würde, daran hege ich meine Zweifel. Denn Lando Norris befindet sich in einer gänzlich anderen Lage. Jede Niederlage gegen Oscar Piastri bedeutet für ihn, dass ihm der Titel weiter entgleitet. 31 Punkte beträgt derzeit Norris' Rückstand in der Fahrer-WM. Bei noch acht verbleibenden Rennen und drei Sprints ist das nicht unmöglich aufzuholen. Aber wenn man sich durch freiwilligen Punktverzicht - und das ist eine durchgeführte Teamorder nunmal zwangsweise - selbst Hürden in den Weg stellt, wird die Herausforderung um vieles erschwert.

Fairness ist gut, Erfolg ist besser

Am Ende des Tages soll die Entscheidung sportlich fallen und nicht am Boxenfunk. Und unter meine Definition von 'sportlich' fallen Fehler der Boxencrew genauso hinein, wie Defekte oder Strategie-Coups, denn sie sind nunmal integraler und unverfälschter Teil eines so facettenreichen Sports wie der Formel 1. Ultimative Fairness lässt sich da sowieso nicht herstellen. Ist es für Lando Norris fair, dass er durch seinen Zandvoort-Defekt 18 Punkte verlor? Nein! War es aber auch 2016 beim Ausfall von Lewis Hamilton in Malaysia nicht. Das macht Nico Rosberg nicht weniger zu einem Weltmeister.

Viele große Champions der Formel 1 zeichneten sich dadurch aus, dass sie im richtigen Moment ihren eigenen Kopf durchsetzten und die Gedanken an Fairness links liegen ließen. Das machte sie zwar selten beliebter, aber fast immer erfolgreicher. Und das wird auch Lando Norris in den Sinn kommen, wenn es im McLaren-Duell 2025 nochmal hart auf hart kommt.

McLaren-Teamorder unfair? Danner warnt vor Eskalation! (41:28 Min.)