Die Favoritenrolle rotiert in der Formel 1 seit Monaten munter umher. Zu Beginn der Saison war es Max Verstappen, dann übernahm McLaren diese Position und seit Austin scheint das Zeitalter der Scuderia Ferrari angebrochen zu sein. Die Roten können sich nach dem Doppelsieg am vergangenen Wochenende in Mexiko über die Pole Position freuen - diesmal eingefahren von Carlos Sainz.

Doch eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und eine Pole Position in Mexiko noch lange keinen Sieger. Das Autodromo Hermanos Rodriguez ist aufgrund der dünnen Höhenluft zwar eine überholfeindliche Strecke. Doch auf der anderen Seite ist der Weg von der Pole Position bis zu Kurve 1 mit fast 800 Metern einer der längsten in der Königsklasse. Viel Raum also, um Sainz von seinem Platz an der Sonne zu verdrängen.

Rettendes Ufer Kurve 1? Carlos Sainz wirft die Pole-Münze

Sainz sieht die Gefahr, gibt sich aber optimistisch: "Die größte Schwierigkeit wird wahrscheinlich der Weg zur Kurve 1 sein und der Start von der Pole Position mit Windschatten. Aber ich denke, man kann sich immer noch verteidigen und von der Pole Position aus in Kurve 1 einbiegen."

Charles Leclerc und Lando Norris haben den Trumpf namens Windschatten in ihrer Hand. McLaren-Teamchef Andrea Stella hofft, dass das dem WM-Zweiten in die Hände spielt: "Es ist eine Strecke, auf der nicht unbedingt die Pole Position der bevorzugte Startplatz ist." Die Quote der Starts, die der Polesetter für sich entscheiden konnte, liegt seit dem Formel-1-Comeback in Mexiko 2015 bei 50 Prozent. Viermal ging es gut, viermal nicht.

Wenn es nach Lando Norris geht, muss es ihm dringend gelingen, dieses Gleichgewicht zu Ungunsten des Pole-Fahrers zu kippen. Denn Norris wähnt sich einmal mehr in der Außenseiter-Rolle gegen die Scuderia-Piloten. Falls er es am Start nicht vorbeischafft, sieht er schwarz: "An den letzten Rennwochenenden waren sie extrem schnell und schneller als wir. Wir werden also unser Bestes versuchen, aber ich glaube nicht, dass wir im Moment die Pace haben, um mit ihnen mithalten zu können."

Der Start ist beim Mexiko-GP auch deshalb Gold wert, weil sich strategisch selten große Spielräume eröffnen. Die klassische Herangehensweise für das Rennen rund um die 4,3-Kilometer lange Strecke ist eine 1-Stopp-Strategie mit Mediums und Hards. Pirelli empfiehlt auch 2024 diese Kombi. Die 2-Stopp-Strategie ist zwar nur wenige Sekunden langsamer, aber verkehrsbedingt weitaus unpraktikabler. Soft anstelle von Medium am Start ist ebenfalls möglich, aber auch nur als reiner Poker in der Hoffnung auf etwas Track Position auf den ersten Metern.

Rennmonster Ferrari: Ist der SF-24 auch in Mexiko unschlagbar?

Die starke Longrun-Performance der Ferraris ist nicht gottgegeben, sie ist auch nicht unbedingt ein allgemeines Charakteristikum des Autos, sondern war in Austin der Setup-Abstimmung geschuldet, wie Ferrari-Chefingenieur Jock Clear erklärte. Er wies am Freitag auch darauf hin, dass in Mexiko die Rennperformance nicht so bedeutend sei wie in Austin. Eben weil überholen nicht einfach ist. Hat Ferrari also mehr in Richtung eine Runde abgestimmt und sich so die Pole erkauft?

Die Longruns am Freitag deuten darauf hin, dass das mitnichten der Fall war. Die Scuderia gab beim Reifen-Test von Pirelli, bei dem sich die Renntrimm-Simulationen nur in der Reifenmischung, aber nicht in Länge und Benzinfüllmenge voneinander unterschieden, den Ton an. Stella stimmt mit der Analyse seines Fahrers überein, dass Ferrari nach Kurve 1 schwer zu knacken sein sollte. "Wir waren nicht weit hinter Ferrari und ich würde sagen, wir sind auf Augenhöhe mir Verstappen", schätzt er nach dem Qualifying.

Neben Norris lauert Leclerc, der ebenfalls den Run zu Kurve 1 für sich nutzen will. Er geht aus derselben Position ins Rennen, aus der er vor einer Woche in Austin nicht nur den Start, sondern letztendlich auch den Grand Prix für sich entscheiden konnte. Das Kunststück aus Texas würde er gerne wiederholen, ansonsten könnte der Zug zu seinem Teamkollegen früh abfahren. "Hier in Mexiko überhitzt alles sehr schnell und wenn man auf P4 liegt, muss man diese Dinge managen. Das macht es viel schwieriger, sich durchzuarbeiten", hält er fest. "Wenn wir aber einen Start wie letzte Woche haben, dann ist alles möglich."

Norris vs. Verstappen: Geht das Duell in die nächste Runde

Wie letzte Woche. Das würde bedeuten, dass die zwei WM-Kandidaten ihm die Tür aufmachen. Wie es der Zufall will, befinden sich genau diese beiden Anwärter wieder direkt in der unmittelbaren Nachbarschaft. Norris auf P3 thematisierten wir ja bereits, aber Verstappen auf Platz 2 ist ebenfalls immer ein gefährlicher Kandidat am Start - und zwar in mehrerlei Hinsicht.

In Mexiko ganz besonders. Fünfmal konnte der dreimalige Weltmeister den Grand Prix in der Hauptstadt des nordamerikanischen Staates für sich entscheiden. Bei allen seinen Siegen kam Verstappen als erster aus Kurve 1, obwohl er nur ein einziges Mal - 2022 - von der Pole Position ins Rennen gegangen war. 2017 und 2018 gewann der Niederländer den Start übrigens von P2 aus. In der Theorie weiß er also, wie es geht.

Am Sonntag könnten seine Augen aber in erster Linie nach hinten gerichtet sein. Denn ob Ferrari das Rennen für sich entscheidet, kann dem WM-Führenden eigentlich einerlei sein, solange er Norris in Schach halten kann. Dass er nicht davor zurückschreckt, auch mal mit der Brechstange dafür zu sorgen, dass sein WM-Rivale hinter ihm bleibt, hat er nicht erst am letzten Wochenende in Austin bewiesen.

Die Rennpace von Verstappen ist aber die große Unbekannte. Denn aufgrund von Motor-Problemen in FP1 und FP2 kann man praktisch den ganzen Freitag streichen. "Ich erwarte keine Wunder", ließ sich Verstappen entlocken. "In Austin war Ferrari sehr sehr schnell. In der letzten Woche war McLaren nicht so schnell, aber im Rennen waren sie trotzdem konkurrenzfähig", sagte Verstappen mit Blick auf den USA-GP über seine Konkurrenten.

Ob Mercedes im Kampf um den Sieg mitmischen kann, dahinter darf man ein ganz großes Fragezeichen machen. Lewis Hamilton, der genauso wie vor einem Jahr von P6 ins Rennen geht, erteilte allen Hoffnungen darauf, dass er im Kampf ums Podium mitmischen könnte, eine Absage. George Russell, der nach seinem Austin-Crash eine ältere Unterboden-Spezifikation als Hamilton an seinem Boliden fährt, war um einiges glücklicher. Die Longruns vom Freitag versprechen aber auch ihm keine Siegchancen.

Fazit: Falls man für den Mexiko-GP einen Favoriten benennen muss, dann ist das wohl Ferrari. Aber die Ausgangslage ist unklar. Denn von den Top-4 des Qualifyings könnte das Pendel in alle Richtungen ausschlagen, wie Charles Leclerc zusammenfasste: "McLaren hat seit gestern viel Pace zugelegt. Wir wissen tatsächlich nichts über die Rennpace von Max, aber wir sind ziemlich zuversichtlich, dass wir eine gute Rennpace haben."

Wie kam es überhaupt zur Pole von Carlos Sainz in Mexiko? Der Qualifying-Bericht vom Mexiko-GP: