Von außen betrachtet scheinen die Erwartungen an Mercedes bei den 24h auf dem Nürburgring 2026 so hoch wie schon lange nicht mehr. Muss der AMG GT3 von Winward Racing mit dem Allstar-Quartett Max Verstappen, Lucas Auer, Daniel Juncadella und Jules Gounon nicht eigentlich sofort erster Anwärter auf Pole und Sieg sein? Eine Einschätzung, die man bei Mercedes intern ganz und gar nicht teilt, im Gegenteil.

"Mit dem Team und dem Großteil der Fahrer sind wir meiner Meinung nach Underdogs", erklärt AMG-Kundensportleiter Stefan Wendl am Donnerstag gegenüber Motorsport-Magazin.com. Das hat für Wendl mehrere Gründe, und dazu zählt tatsächlich auch der vierfache Formel-1-Weltmeister Max Verstappen.

Unfall-Schock am Nürburgring! Glock: Kniefall vor Verstappen (14:13 Min.)

Fehlt Max Verstappen die Langstrecken-Erfahrung für die Favoritenrolle?

"Wir haben einen Formel-1-Weltmeister im Auto, aber er ist noch nie ein 24-Stunden-Rennen gefahren und auch noch nie bei Nacht gefahren", unterstreicht Wendl. "Warum sollte man ihn zum Favoriten machen?" Tatsächlich ist besonders das Thema Nacht für Verstappen ein Problem.

Eigentlich hätte er bei den 24h Qualifiers ein Rennen am Abend fahren sollen, doch dieses wurde nach einem tödlichen Unfall vorzeitig abgebrochen. Und im einzigen Nacht-Qualifying am Donnerstag konnte Verstappen bloß eine langsame Runde bei starkem Regen fahren. Aufgrund der widrigen Bedingungen entschieden er und das Team dagegen, danach noch einmal raus auf die Nordschleife zu gehen. Verstappens Nacht-Erfahrung summiert beträgt also eine langsame Runde bei Starkregen.

"Wenn er das Rennen gewinnt und am Ende der dominante Fahrer ist, dann ist das Bild geändert", meint Wendl. Aber aktuell sieht er es anders: "Hier gibt es etablierte Teams, die dieses Rennen mehrfach gewonnen haben, mit Fahrern, die es mehrfach gewonnen haben. Das sind die, die wir schlagen wollen. Klar ist das unser Anspruch, aber deswegen sind wir nicht in der Favoritenrolle."

Mercedes bei Performance des AMG GT3 2026 noch unsicher

Wendl spricht hierbei natürlich nicht ab, dass Verstappen rein nach Pace unglaublich schnell ist. Hier stellt sich wiederum allerdings die Frage, was sein Material hergibt. Der AMG GT3 ist ein mittlerweile sehr altes GT3-Modell. Die Basis ist zehn Jahre alt, die letzte Evo-Ausbaustufe kam 2020. Die Konkurrenten angeführt von Vorjahressieger BMW und Vorjahres-Polesetter Porsche fahren mit deutlich neueren Autos, die auch erst in den letzten zwei Jahren als Evo-Modelle homologiert wurden.

Mindestens zwei Sekunden sei man im Vorjahr pro Runde schon langsamer gewesen als die zwei Top-Autos, und maximal viertschnellste Kraft insgesamt, rechnet Wendl vor. Zwar hat der AMG GT3 dieses Jahr in Sachen Balance of Performance beim Luftmengenbegrenzer ein Zugeständnis von einem halben Millimeter bekommen, aber: "Ist in der Größenzahl kleiner zehn PS."

Das sollte ungefähr eine Sekunde an Rundenzeit entsprechen. "Fair enough, wir wissen, dass wir unsere Hausaufgaben selbst machen müssen und nicht alles über die BoP kompensiert wird", sagt Wendl. "Gleichzeitig haben wir 20 Kilogramm ins Auto bekommen. Was andere auch haben, andere nicht, die sind leichter als letztes Jahr, obwohl sie letztes Jahr das schnellste Auto waren." Vorjahressieger BMW durfte sogar fünf Kilo ausladen.

Trotz riesigem Test-Programm: Mercedes bleibt bei Underdog-Ansage

Deshalb nutzte Mercedes auch die Winterpause und den Frühling - sowie mehr Budget als in den letzten Jahren, durch neu gewonnene Partner, darunter Verstappen -- für ein großes Testprogramm. Man stellte das Aero-Konzept um, von Minimal-Abtrieb auf ein mittleres Abtriebs-Niveau, und fuhr nicht nur NLS-Rennen, sondern auch eine Serie an Privattests, um den alten AMG GT3 bei Aufhängung und dergleichen bis ins letzte Detail noch einmal zu optimieren.

"Teilweise haben wir mit drei Autos getestet, einfach um parallel unterschiedliche Dinge auszuprobieren", sagt Wendl. "Back-to-back fahren, ein Auto hat nur Applikationsarbeit gemacht, eines hat sich um die Reifen gekümmert, und eines um die Dämpfer. Das war unsere Herangehensweise in der Vorbereitung."

Insgesamt fuhr man mehr al seine komplette Renndistanz. Alle Fahrer auf beiden Winward-Autos hatten großzügige Fahrgelegenheiten. Einer der Tests fand auch vor dem abgesagten ersten NLS-Lauf bei einstelligen Temperaturen und feuchtem Wetter statt. Genau das, was an diesem Wochenende drohen könnte. Auf dem Papier kann man eigentlich also kaum besser vorbereitet sein.

"Wir müssen erst einmal diese zweieinhalb Sekunden vom letzten Jahr finden", hält Wendl dagegen. "Alle haben auch noch nicht so viel gezeigt. Wir wissen noch nicht, wo wir stehen. Bis jetzt ist ja auch noch niemand schneller gefahren als vergangenes Jahr." Der Kampf um die Pole im Top-Qualifying am Freitag (ab 10:15 Uhr live im Ticker und Stream auf Motorsport-Magazin.com) wird das Bild hoffentlich klarer werden lassen.

Die MSM-Redakteure haben natürlich schon einen ersten Blick auf die Siegkandidaten geworfen und vor dem Wochenende schon einmal ihre Tipps abgegeben. Immerhin die Hälfte vertraut auf Verstappen und Co. - unsere Favoriten-Tipps gibt es hier: