Motorsport-Magazin.com Plus
Tipp
Formel 1

Formel 1 Saudi-Arabien 2021: 7 Schlüsselfaktoren zum Rennen

Das Formel-1-Debüt in Saudi-Arabien heute wird unberechenbar. Beide Mercedes am Start vor Verstappen. Safety Cars und Chaos hängen in der Luft.
von Markus Steinrisser

1. - S wie Startaufstellung

Eigentlich hätte Mercedes das erste Formel-1-Rennen in Saudi-Arabien (Start heute 18:30 Uhr, live bei RTL & Sky) nicht mit Lewis Hamilton und Valtteri Bottas aus der ersten Reihe aus aufnehmen sollen. Max Verstappen war auf Kurs zu einer sensationellen Pole, ehe er die in der letzten Kurve mit zwei Fehlern vergab. Plötzlich war es nur P3 für den Red Bull, während Hamilton (P1) und Bottas (P2) freie Sicht zu Kurve 1 haben.

Überhaupt ist noch nicht garantiert, dass Verstappen auch wirklich von diesem dritten Rang ins Rennen geht. Der schräge Anprallwinkel, mit dem er am Ausgang der letzten Kurve die Wand touchierte, ist Gift für F1-Getriebe. Red Bull kündigte an, das alles genau zu checken. Und beim kleinsten Verdacht auf Schaden zu wechseln. Was Verstappen fünf Plätze in der Startaufstellung kosten würde.

Charles Leclerc schob sich mit einem weiteren sensationellen Samstag neben Verstappen in die zweite Startreihe, erst dahinter kommt der zweite Red Bull von Sergio Perez. Mit Pierre Gasly, Lando Norris, Yuki Tsunoda, Esteban Ocon und Antonio Giovinazzi sind die Top-10 gut durchgemischt. Nicht aber bei den Startreifen: Nur Norris muss auf Soft losfahren, die anderen neun starten auf Medium. Daniel Ricciardo, nach Unterboden-Schaden nur P11, und Carlos Sainz, nach Dreher mit Mauerkuss nur P15, starten im Mittelfeld hinter den Möglichkeiten ihrer Autos und könnten für Action sorgen.

2. - S wie Start

Davon könnte es beim Start überhaupt gleich viel geben. Die Formel 2 scheiterte am Samstag in beiden Sprintrennen an der ersten Kurve. Die liegt zwar nur 371 Meter entfernt, ist aber eine enge, enge Links-Rechts-Schikane. Im zweiten F2-Sprint war die Verstopfung so schlimm, dass gleich vier Autos nach Kollisionen aus dem Rennen flogen.

Zwar gibt es außen asphaltierte Auslaufzonen, aber mit dem danach sich schnell verengenden Betonkanal und den extrem breiten Formel-1-Autos ist der Start hier Gefahrenzone Nummer eins. Glauben viele, aber nicht alle. "Es ist nicht viel anders wie bei jeder anderen Strecke", glaubt ein relaxter Lando Norris, meint im Hinblick auf die Formel-2-Probleme: "Ich hoffe nur, dass das Fahrerniveau hier etwas höher ist."

3. - S wie Sinnesschärfe

So hoch das Fahrerniveau in der Formel 1 auch sein mag - der Jeddah Corniche Circuit verzeiht keine Fehler. Das Tempo auf dem 6,174 Kilometer langen Kurs ist extrem hoch, und die Betonwände sind extrem nah. Charles Leclerc bewies schon am Freitag im 2. Training: Wenn man sich einmal verschätzt hat, dann geht es ab in die Wand. Die Chancen, wie Carlos Sainz im Qualifying mit leichtem Touchieren davonzukommen, sind gering.

Charles Leclerc schrottete am Freitag seinen Ferrari nachhaltig - Foto: LAT Images

Alle Fahrer sind sich daher einig: Es braucht 100-prozentigen Fokus vom Start bis ins Ziel. Die Strecke besteht mehrheitlich aus Highspeed-Kurven, und in diesen gibt es nur eine Linie, die Ideallinie. Wer diese verlässt, spielt schon mit dem Feuer. Noch schwieriger wird es daher mit den Überrundungen, wo zwingend einer der Beteiligten schnell aus dem Weg muss. Hinterbänkler mahnen schon, bloß geduldig mit ihnen umzugehen.

Und wenn einmal etwas passiert, dann ist obendrauf die Gefahr da, dass ein Hinterherfahrender unschuldig mit hineingezogen wird. Sergio Perez mahnt: "Beim engen Racing, da kann ein kleiner Zwischenfall richtig, richtig groß werden." Die Angst: Ein Auto, das im Betonkanal zurück auf die Ideallinie und vor die Hinterherfahrenden geschleudert wird. Es braucht also 50 Runden volle Aufmerksamkeit.

4. - S wie Safety Car

Dass es die Formel 1 ganz ohne Unterbrechung ins Ziel schaffen wird, will aber so recht ohnehin niemand glauben. Aus den oben genannten Gründen rechnet das Fahrerlager mit ziemlicher Sicherheit mit einem Safety Car. In den samstäglichen Formel-2-Rennen musste Stammpilot Bernd Mayländer bereits fünf Mal ausrücken.

"Ich glaube nicht, dass man die Fahrzeuge so schnell bergen kann", definiert Mayländer selbst gegenüber Motorsport-Magazin.com die Probleme mit der Strecke. "Und bei der hohen Geschwindigkeit auf der Strecke wird, wenn etwas passiert, sicherlich was herumliegen und dann müssen wir zwangsläufig nicht nur ein virtuelles, sondern ein richtiges Safety Car einsetzen."

5. - S wie Strategie

Kritisch wird für die Strategie in Saudi-Arabien also womöglich, die richtigen Entscheidungen zu treffen, wenn das Safety Car kommt. Pirelli prognostiziert, dass ein Einstopp-Rennen auf dem Papier die schnellste Option sein sollte. Medium-Hard ist das Optimum, aber auch Soft-Hard soll möglich sein. Nur ist sich niemand sicher, wie lange die Reifen genau halten werden, da man auf der erst vor wenigen Tagen fertiggestellten Strecke und dem Asphalt wirklich nur die Erfahrungswerte aus den ersten zwei Tagen hat.

Die Schlüsselfrage ist also: Wie früh kann man einen Stopp riskieren? Erst recht, wenn ein frühes Safety Car die Tür öffnet, mit großer Zeitersparnis zu stoppen. "Niemand hat die Reifen für länger als elf Runden oder so draufgehabt", mahnt Lewis Hamilton.

6. - S wie Schützenhilfe

Mit zwei Mercedes in der ersten Reihe sind die Führenden in der Konstrukteurs-WM bestens aufgestellt, auf alle strategischen Eventualitäten zu reagieren. Auf seine Rolle als "Wingman" angesprochen, weiß Valtteri Bottas, dass das sein Job ist: "Ich kämpfe nicht mehr um die Fahrer-WM, also muss ich Lewis und Max im Kopf behalten und schauen, was morgen für das Team am besten ist."

Max Verstappen bekommt neben sich keine Schützenhilfe, sondern einen Ferrari mit Charles Leclerc. Der hatte 2021 bereits mehrmals an turbulenten Wochenenden - man denke nur an Silverstone - eine Hand am Pokal, ist extrem schnell, und nicht gerade dafür bekannt, zurückzustecken. Von allen Fahrern an der Spitze ist Leclerc sicher der, der für sich und nur für sich fährt. Befreit von WM-Gedanken. Und Leclerc ist keiner, der zurücksteckt.

7. - S wie Showdown

Hamilton und Verstappen aber stehen zwei Rennen vor Schluss, mit einer acht Punkte großen Lücke zwischen ihnen, vor dem großen Showdown. Beide werden auf die WM schauen müssen. Die Lücke ist so klein, dass sie heute fast unmöglich gewonnen werden kann, und beide sind im Ernstfall auf der Strecke besser beraten, zurückzustecken und die Entscheidung auf Abu Dhabi zu vertagen. Denn auch wenn sie nicht gewinnen können - so können sie heute auf jeden Fall viel verlieren.

4 Szenarien: Verstappen wird in Saudi-Arabien Weltmeister, wenn ...

  • ... er mit schnellster Rennrunde gewinnt und Hamilton maximal Sechster wird.
  • ... er ohne schnellste Rennrunde gewinnt und Hamilton maximal Siebter wird.
  • ... er mit schnellster Rennrunde Zweiter wird und Hamilton maximal Zehnter wird.
  • ... er ohne schnellste Rennrunde Zweiter wird und Hamilton leer ausgeht.