Formel 1 / Kolumne

Andi Gröbl: Schneller, stärker, reicher - es reicht!

Die Saison 2005 dauert noch zwei Rennen lang. Der Asien-Trip wird zur qualvollen Pflichtübung für alle Beteiligten, meint TELE 5-Kommentator Andi Gröbl.
von Andi Gröbl

Motorsport-Magazin.com - Ich möchte unserem geschätzten Fachpublikum eingangs ein paar Fragen stellen: Wisst Ihr eigentlich noch, wo Ralf Schumacher heuer die meisten seiner mittlerweile 38 WM-Punkte herausgefahren hat? Könnt Ihr Euch noch erinnern, dass Giancarlo Fisichella heuer ein paar Rennen "unter besonderer Beobachtung" der FIA fahren musste? War Euch bewusst, dass Takuma Sato in Brasilien schon zum dritten Mal strafweise aus der letzten Reihe starten musste? Dass ein Minardi im Qualifying von Monaco auf Rang 13 stand? Übrigens: Trulli im Toyota stand heuer schon einmal auf Pole – aber wo bloß?

Kann es sein, dass die Saison schon etwas zu lange dauert? "Mit jedem Rennen, das wir mehr fahren werden die Teams ärmer und Bernie um eine Million Dollar reicher", ätzte Ron Dennis zur Mitte der Saison. Und Peter Sauber, sonst kein großer Jammerer vor dem Herren, gestand offen: "Diese Doppelpacks killen uns."

Die FIA hat heuer einen Fehler gemacht. 19 Rennen so komprimiert abzuhalten war jenseits der Schmerzgrenze. Und nicht alle in der Formel 1 verdienen Millionen an Schmerzensgeld... Ich bin fest überzeugt, dass weniger (Rennen) hier mehr (Begeisterung) gewesen wäre.

Zerfallserscheinungen im Paddock

Am Saisonende kann man jedes Jahr die Auflösungserscheinungen in den einzelnen Teams gut beobachten: Da werden nach dem Qualifying Teile am Auto getauscht, bevor man der FIA Bescheid gesagt hat. Pech für Villeneuve!

Da bekommt ein Fahrer irrtümlich Reifen drauf, die schon beim letzten Test in der Heizdecke waren und daher praktisch unbrauchbar sind. Pech für Ralf!

Da stehen gestandene TV-Profis und wissen beim 17. Mal absolut nicht mehr, was man den Trainingsschnellsten überhaupt noch fragen könnte.

Da schicken Presseleute schon mal irrtümlich den Text vom vorletzten Rennen raus. Da hat der Küchenchef nach 6 Monaten plötzlich vergessen, dass er für die Hospitality Propangasflaschen bestellen muss, da sonst die Steaks nur roh serviert werden können.

Die Quote der freiwillig Daheimgebliebenen steigt überproportional. In den Boxen zerbröckeln Freundschaften an Kleinigkeiten. Und David Coulthard diktiert seinem Team vorm Heimflug, er sei froh, dass ein "shit weekend" vorbei sei.

Spätestens in Suzuka stehen wir alle jede Saison - wie wir in Österreich sagen - "am Schlauch". Burn-Out und tiefe Ringe unter den Augen inklusive.

Interesse im Sinkflug

Nicht nur innerhalb des goldenen Käfigs zählen jetzt alle die Tage bis zum Saisonende. Trotz des WM-Duells haben wir in den letzten Tagen überraschend viele Schlagzeilen abseits der Formel 1 erlebt: Den Start der A1-GP-Serie (im Übrigen ein fantastisch aufgezogenes Konzept), den Poker um Valentino Rossi bei Ferrari, Cora Schumacher in der Mini-Challenge am Salzburgring usw. usw.

Auch hier waren die Doppelpacks alles andere als förderlich. Der Hunger der Fans ist längst gestillt. Mit Ausnahme von Spanien sind die TV-Quoten über die letzten Jahre gerechnet überall rückläufig. Flavio Briatore will uns zwar anderes weismachen, aber selbst von Bernie Ecclestone kam bisher kein Dementi dazu.

RTL leidet an der Schumi-Krise, doch der Trend ist ohnedies rückläufig. Dem ORF, seit 35 Jahren der Formel 1-Sender mit der größten Tradition, geht es ähnlich. Die neue Realityshow, in der Prominente wie Toni Polster um die Wette tanzen, schlug den Hauptabend-Grand Prix von Brasilien um Längen.

Noch vor einigen Jahren, als es weder einen österreichischen Fahrer noch ein Red Bull-Team gab, waren die Quoten deutlich höher: Fast 30% mehr sahen zu. Die RAI-Kollegen aus Italien erzählen unisono dasselbe: Personalkürzungen sind dort unvermeidlich.

Alles wird besser

Die Quintessenz: Die Show ist zu schlecht, der Fan darüber hinaus überfüttert. Die Lösung: Weniger Rennen. Weg mit Imola, Nürburgring, Malaysia, Magny Cours, Ungarn. Diese Rennen fehlen niemandem.

Verlegt den Saisonbeginn doch in den Januar wie früher. Nie ist es in Melbourne, Interlagos oder Kyalami schöner. Und wer hat gesagt, dass Mitte Oktober Schluss sein muss? Angeblich soll Brasilien ja 2006 tatsächlich Anfang November stattfinden.

Ein Grand Prix muss immer noch etwas Besonderes sein! Wie ein Grand Slam-Finale, ein Champions League-Spitzenspiel, ein Schwergewichts-WM-Boxkampf.

Mein Vorschlag: Macht aus den letzten beiden Rennen wenigstens noch eine ordentliche Show: Lasst Wurz und De La Rosa gegen Montagny und Kovalainen um die Konstrukteurswertung fahren. Oder noch besser: Steckt Mika Häkkinen endlich in einen der Silberpfeile. Nico Rosberg in den Williams. Und am besten Rossi gleich in den Ferrari. Jetzt ist wohl die beste Gelegenheit dazu, oder?

"Wir sind Teil der Entertainment-Industrie, und die Show muss besser werden!", hat Flavio Briatore lautstark gefordert. Gemeinsam mit den führenden Super-Egos der anderen Teams basteln sie gerade an einer besseren Zukunft. Mit Ron Dennis zum Beispiel. Der ehemalige Schrauber hat sich über Flavios technisches Verständnis immer wieder lustig gemacht. An Flavio prallen Sticheleien dieser Art als frischgebackener Weltmeistermacher ab: "Stellen Sie sich vor, wie erfolgreich wir erst sein könnten, wäre ich technisch so brillant, wie Mr. Dennis es von sich glaubt." Na dann ist die Entertainment-Zukunft des Sports ja in besten Händen. Das kann noch heiter werden...

Euer Andi Gröbl


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