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Formel 1

Sprintrennen nichts für Formel 1? Format mit Action auf Rezept

Das in Silverstone neue Sprint-Qualifying sorgt für Skepsis. Kann die Formel 1 im Sprintformat funktionieren? Die Geschichte macht Hoffnung auf Action.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Die Formel 1 bricht an diesem Wochenende in Silverstone mit der Tradition. Am Samstag findet im Rahmen des Großen Preises von Großbritannien das erste Sprintrennen in der Geschichte des Sports statt. Getarnt als Qualifying treten die Fahrer erstmals in einem Format gegeneinander an, das mit dem Grand Prix so gar nichts gemein zu haben scheint. Die Idealvorstellung von FIA und Liberty Media: intensives Racing über die Distanz von 100 Kilometern.

Unter Experten und Fahrern gibt es skeptische Stimmen. Kann eine kürzere Renndistanz, wie sie Fans im Tourenwagen- oder Motorradsport begeistert, in der Königsklasse des Automobilsports funktionieren? Die jüngere Vergangenheit gibt uns Grund zum Optimismus. Späte Safety-Car-Phasen oder rote Flaggen haben uns mehrfach mit packender Action begeistert. Die amerikanischen Verhältnisse einmal außen vor gelassen, dürfen wir uns angesichts dieser Rennen berechtigte Hoffnungen auf einen packenden Sprint machen.

Baku 2021 - Distanz: 2 Runden (12,006 km)

Lewis Hamilton verbremst sich beim Restart für zwei Runden in Baku - Foto: LAT Images

Erst vergangenen Juni bekamen wir eine mehr als nervenaufreibende Version eines Sprints geboten. Der Grand Prix von Aserbaidschan wurde in der 49. von 51 Runden mit der roten Flagge unterbrochen, nachdem Leader Max Verstappen in Folge eines Reifenschadens in die Streckenbegrenzung eingeschlagen war. Die Entscheidung, das Rennen auf dem Baku City Circuit abzubrechen und für nur zwei Runden erneut zu starten, war nicht unumstritten, aber auch nicht überraschend. Seit der Übernahme durch Liberty Media im Jahr 2017 hat die Formel 1 ein gesteigertes Interesse daran, für Show zu sorgen.

Der Rennausgang in Baku bestätigte die US-Amerikaner in ihrem Ansatz. Zwischen dem stehenden Restart und dem Fallen der Zielflagge gab es 13 Positionsverschiebungen, angefangen mit Lewis Hamiltons fatalem Verbremser in der ersten Kurve, der im Titelkampf gegen Max Verstappen zum Schluss noch eine entscheidende Rolle spielen kann. Fernando Alonso hingegen preschte von Platz zehn aus bis auf Rang vier vor. Darüber hinaus sorgten Sergio Perez, Sebastian Vettel und Pierre Gasly für ein Podium, dem die Sympathien der Fans nur so zuflogen.

Monza 2020 - Distanz: 25 Runden (144,825 km)

Den Sieg machten 2020 in Italien die Underdogs unter sich aus - Foto: LAT Images

Das Autodromo Nazionale di Monza ist 2021 neben Silverstone und Interlagos der dritte Austragungsort, an dem das neue Sprint-Qualifying ausprobiert wird. Im Vorjahr empfahl sich der legendäre 'Temple of Speed' mit einem der denkwürdigsten Rennen der jüngeren Formel-1-Historie. Was zunächst nach einem weiteren überlegenen Sieg durch Mercedes und Lewis Hamilton aussah, wurde durch eine rote Flagge in Folge eines Unfalls von Charles Leclerc in der 27. Runde zur Show der Underdogs. Der in Führung liegende Hamilton musste nach dem Restart eine Stop-and-Go-Strafe absitzen, die er sich in einer Safety-Car-Phase zuvor eingefangen hatte.

Damit war der Weg für die Helden des Mittelfeldes frei, den Sieg unter sich auszumachen. Den Piloten stand ungefähr die Hälfte der ursprünglichen Distanz zur Verfügung, und das ohne Boxenstopps ableisten zu müssen. In den Top-10 ging es in den verbleibenden 25 Runden dank unterschiedlicher Reifenmischungen und einer durchgewürfelten Reihenfolge heiß her. An der Spitze lieferten sich Pierre Gasly und Carlos Sainz bis zum Zielstrich ein Herzschlagfinale, in dem der Spanier den späteren Sieger wie ein Besessener vor sich hertrieb.

Mugello 2020 - Distanz: 15 Runden (78,676 km)

Die Formel-1-Premiere in Mugello bot 2020 einen Sprint über 15 Runden - Foto: LAT Images

Bei der Premiere der Formel 1 in Mugello erfüllten sich 2020 sämtliche Erwartungen des aus der MotoGP berüchtigten Traditionskurses in der Toskana. Mit einem Layout das für 'Old School' statt Retorte steht, kamen Fahrer und Fans gleichermaßen auf ihre Kosten. Der mit dem Highspeed-Genuss einhergehende Schwierigkeitsgrad von Mugello forderte am Sonntag schon früh seinen Tribut. Als Lance Stroll in der 43. Runde aufgrund eines Defektes in den ultraschnellen Arrabiata-Kurven abflog, waren inklusive des Kanadiers nur noch 13 Autos im Rennen.

Die dadurch ausgelöste rote Flagge führte zu einem Showdown über 15 Runden. Das verbliebene Feld war für den Restart bunt durchgemischt, auch wenn Hamilton und Bottas für Mercedes die erste Reihe besetzten. Der Finne bekam es gleich mit Daniel Ricciardo zu tun, der im Renault auf Krawall gebürstet war. Dahinter witterte Alexander Albon seine Chance, den Red-Bull-Schleudersitz zu verhindern. Der Thailänder erkämpfte gegen Ricciardo sein erstes Podest. Beim Fallen der Zielflagge wurden die Top-6 von nur zehn Sekunden getrennt.

Interlagos 2019 - Distanz: 2 Runden (8,618 km)

Pierre Gasly und Lewis Hamilton lieferten sich 2019 in Brasilien einen Sprint zur Ziellinie - Foto: LAT Images

Der bis dato letzte Grand Prix von Brasilien war an Drama kaum zu überbieten. In der 66. von 71 Runden kollidierten Charles Leclerc und Sebastian Vettel in einem hitzigen Duell. Der Clash zwischen den beiden Ferrari-Teamkollegen intensivierte nicht nur die Beziehungskrise der beiden, sondern auch die Schlussphase des Rennens. In Runde 70 wurde der Grand Prix für die restliche Distanz von nicht einmal zehn Kilometern freigegeben und die Ereignisse überschlugen sich. Hamilton witterte seine Chance, Verstappen an dessen dominanten Tag doch noch abzufangen.

Dafür musste er allerdings an dessen Teamkollegen vorbei, denn Albon war drauf und dran Red Bull einen Doppelsieg klarzumachen. Den gab es dann auch, aber nicht so wie sich die Österreicher das vorgestellt hatten. Hamilton verschätzte sich im Zweikampf und drehte Albon, der ans Ende des Feldes zurückfiel. Dabei schlüpfte Gasly durch, der dem Weltmeister im Toro Rosso knallhart die Stirn bot. Der Franzose setzte sich auf der Ziellinie mit 0,062 Sekunden Vorsprung durch. Dahinter liefen Carlos Sainz, Kimi Räikkönen, Antonio Giovinazzi und Daniel Ricciardo ein.