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Alfa-Teamchef Vasseur im Interview: Kimi fährt im Simulator

Alfa-Sauber steht vor interessanten Entscheidungen: Bleibt Alfa Romeo Sponsor? Bleibt Kimi Räikkönen? Teamchef Fred Vasseur im Interview.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Wie zufrieden sind Sie mit der bisherigen Saison?
Frédéric Vasseur: Ich habe gemischte Gefühle. Bei der Pace haben wir einen guten Schritt nach vorne gemacht. Wir haben die Hälfte des Abstands im Vergleich zum Vorjahr aufgeholt. Wir lagen etwa 2,8 Prozent zurück, jetzt sind es anderthalb. Aber wir haben aus verschiedenen Gründen noch zu wenig Punkte. Wir haben kleine Fehler in den Rennen gemacht. Es hat sich bislang noch nicht ausgezahlt. Aber es ist besser, die Pace zu haben. Die Saison ist lange und wir verbessern uns Schritt für Schritt. Das wird sich auszahlen - das hoffe ich zumindest!

Wie schmerzhaft war es für Sie, die Punkte in Imola am grünen Tisch zu verlieren - vor allem für Alfa muss jeder Punkt zählen…
Frédéric Vasseur: Ich Es ist immer schmerzhaft! Wir haben viel Arbeit reingesteckt, diese zwei Punkte zu holen. Aber auch für Mercedes zählt jeder Punkt! Prozentual gesehen sicherlich mehr für uns, aber man weiß nie, wie die Situation am Ende der Saison ist… Aber so ist es nun. Ich bin noch immer nicht mit der Entscheidung einverstanden, aber das Team muss das abhaken und sich auf die Zukunft konzentrieren. Es liegt nun hinter uns.

Peter Sauber: Schlecht, wenn ein Konzern ein F1-Team führt: (01:28:07)

Sie haben den Sprung bei der relativen Performance angesprochen. Woher kommt der: Hauptsächlich vom Motor oder auch vom Chassis?
Frédéric Vasseur: Die Performance kommt nie von einer einzigen Säule. Sicherlich haben wir beim Motor einen guten Schritt nach vorne gemacht, das ist auch aus Ferrari-Perspektive klar. Aber bei der Aerodynamik musste jeder ein neues Paket rund um die neuen Regeln herum entwickeln. Wir haben da wahrscheinlich einen guten Job gemacht. Es ist aber nicht nur das neue Auto. Ich glaube auch, dass wir während der letzten Saison gute Entwicklungsschritte gemacht haben - in jedem einzelnen Bereich. Zum Beispiel beim Reifenmanagement. Und wir sind noch immer auf dem gleichen Pfad. Lasst uns die nächsten Rennen abwarten.

Es ist immer gut, konkurrenzfähig zu sein, aber in dieser Saison muss man sich entscheiden: Kämpft man noch um 2021 oder setzt man bereits auf 2022…
Frédéric Vasseur: Wir haben die Entwicklung für die aktuelle Saison bereits ganz klar gestoppt. Wir sind voll auf nächstes Jahr fokussiert. Wir haben in Portugal ein paar kleine Details gebracht, die schon länger in der Pipeline waren, aber inzwischen sind wir voll auf die Entwicklung des 2022er Autos fokussiert.

Alfa-Sauber Teamchef: Räikkönen ist Entwicklungs-willig

Wann haben Sie entschieden, die Entwicklung für 2021 so früh einzustellen?
Frédéric Vasseur: Für mich war das ziemlich offensichtlich. Wir hatten Ende 2020 ein Strategiemeeting. Da haben wir beschlossen, dass die Energie des Teams in 2022 gesteckt wird. Das ist eine riesige Gelegenheit für uns. Es wird das erste Auto sein, das unter der Budgetobergrenze entwickelt wird. Wir müssen diese Gelegenheit nutzen. Wir sind auch am Ende des Zyklus' des aktuellen Autos. Da verbringst du eine Woche im Windkanal und machst nur kleine Verbesserungen. Wenn du die gleiche Zeit mit dem nächstjährigen Projekt verbringst, dann wird der Schritt viel größer sein. Ich bin mir nicht sicher, was die Konkurrenz macht, ob der Einfluss deshalb so mega groß sein wird, aber die Entscheidung war klar, dass wir uns viel mehr auf das 2022er Auto fokussieren würden.

Hätten Sie gewusst, dass sie den Anschluss ans Mittelfeld schaffen, hätten Sie dann anders entschieden?
Frédéric Vasseur: Nein. Zunächst einmal haben wir die finale Version der Regeln recht spät bekommen. Das war im September. Und wir hatten sehr lange noch Leute zuhause. Es ist schwierig für uns, beides zu entwickeln. Und diese Entscheidung war der beste Weg, die Änderungen 2022 als große Möglichkeit zu sehen.

Sie haben zwar den Anschluss ans Mittelfeld geschafft, sind aber noch nicht mittendrin und holen nicht regelmäßig genug Punkte. Haben sie Angst, dass - wenn es blöd läuft - Alfa sogar nur Neunter oder Zehnter wird?
Frédéric Vasseur: Sicherlich, man weiß nie was passiert. Das wichtigste ist in solchen Situationen, da zu sein, wenn die Möglichkeit kommt. Du kannst ein sehr chaotisches Rennen haben und wenn wir da ein sehr gutes Rennen haben, können auch wir das schaffen, was wir vor zwei Jahren in Sao Paulo geschafft haben. Und wenn du 22 Punkte holst, dann ist das sehr schwer, das aufzuholen. Du weißt nie, was passiert. Wir müssen uns nur auf die pure Performance fokussieren, du kannst nicht versuchen, ein chaotisches Rennen mit Strategie zu gewinnen.

Sind sie mit Ihren beiden Piloten Antonio Giovinazzi und Kimi Räikkönen bislang zufrieden?
Frédéric Vasseur: Ja bin ich. Es ist noch früh in der Saison, du kannst noch keine Rückschlüsse ziehen. Die ersten Rennen waren sehr speziell mit den Bedingungen. Und Monaco und Baku sind auch keine normalen Strecken. Vor Frankreich wird es schwer sein, ein klares Bild zu haben.

Es gibt viele Kimi-Fans da draußen, aber selbst darunter sagen einige, dass Kimi seinen Zenit überschritten hat. Sind sie noch zuversichtlich, was seien Performance angeht?
Frédéric Vasseur: Sicherlich. Davon bin ich völlig überzeugt. Er macht einen guten Job im Auto, aber auch außerhalb. Er hilft uns wirklich. Er ist willig, an der Entwicklung des Autos mitzuwirken und auch im Simulator für das nächstjährige Auto Arbeit zu verrichten. Er ist sehr motiviert und es ist wichtig für uns, jemanden wie Kimi zu haben, der so viel Erfahrung hat, der an der Entwicklung des nächstjährigen Autos teilnimmt. Ich mache mir da keine Sorgen.

Haben Sie eben gesagt, dass Kimi im Simulator arbeitet?
Frédéric Vasseur: Ja, ja, ja, ja und ja! [lacht] Das ist wahr.

Kimi Räikkönen ist nicht unbedingt für seine Liebe zu Simulatoren bekannt - Foto: LAT Images

In ihrem neuen Simulator in Hinwil?
Frédéric Vasseur: Ja, wir haben mit dem Projekt vor Corona im letzten Jahr begonnen. Wir befinden uns in einem frühen Stadium des Projekts, aber er nimmt daran teil.

Haben Sie die anfänglichen Probleme mit dem Simulator gelöst?
Frédéric Vasseur: Nein, wir hatten ein paar Probleme, das stimmt. Als wir den Simulator zum ersten Mal eingeschaltet haben, das war am 12. März letzten Jahres, dann mussten wir eine Woche später alles schließen. Danach waren wir im Home-Office, da ist es schwierig mit einem Simulator, wie sie sich vorstellen können. Das ging ein paar Monate so. Aber jetzt sind wir zurück. Wir wissen sehr wohl, dass das ein langfristiges Projekt ist. Aber Kimi ist mehr als motiviert und nimmt an der Entwicklung teil. Das weiß das Team sehr zu schätzen.

Sind Sie mit dem Simulator inzwischen bei 100 Prozent angekommen?
Frédéric Vasseur: Nein, nein. Das ist ein sehr langfristiges Projekt. Da kann man nach einem Jahr noch nicht auf dem richtigen Level sein.

Sie sagten zuletzt, sie wollen eine Fahrerentscheidung im letzten Quartal der Saison treffen. Da wird die Entscheidung getroffen. Aber sie werden sich auch jetzt schon umsehen…
Frédéric Vasseur: Das ist mein Business. Das ist die Aufgabe jedes einzelnen Teamchefs im Fahrerlager, einen Blick auf alle Fahrer zu werfen. Und auf alle Nachwuchsserien. Weil wir wissen müssen, was auf dem Markt ist. Das ist Teil des Business. Das habe ich immer gemacht, habe aber trotzdem die letzten drei Jahre das gleiche Lineup behalten…

Ist Ihr Test- und Entwicklungsfahrer Robert Kubica auch ein Kandidat?
Frédéric Vasseur: Ja, ist er. Sein Feedback ist immer gut. Er ist Teil des Teams. Lasst uns sehen, was passiert. Er wird noch ein paar Trainings in diesem Jahr fahren.

Haas Teamchef Günther Steiner hat keinen Hehl daraus gemacht, dass Ferrari sich einen Junior aussuchten durfte, der im Team platziert wird. Wie ist das bei Ihnen: Hat Ferrari ein Mitspracherecht?
Frédéric Vasseur: Sie haben derzeit kein Mitbestimmungsrecht, das werden wir im Laufe des Jahres diskutieren.

Alfa-Sauber weit unter Budget-Limit

Wie sieht die Situation bei Ihnen mit der Budgetobergrenze aus: Befinden Sie sich am Limit?
Frédéric Vasseur: Wir sind weit darunter. Das ist eine echte Möglichkeit für uns. Wir müssen sie nutzen und genau deshalb fokussieren wir uns auf das nächstjährige Auto. Sicherlich stecken wir viel Arbeit in die Effizienz. Es geht dabei nicht zu sehr um 2021 oder 2022, weil wir da darunter sind. Aber wenn die Budgetobergrenze runterkommt, so wie der Plan jetzt ist, und die Ressourcen des Teams nach oben gehen - was ich hoffe -, dann wird es an einem Punkt wichtig, immer effizienter zu werden. Wir haben im Bereich der Kosteneinsparungen einen großen Schritt nach vorne gemacht. Das ist eine echte Übung für das Team. Aber ich denke auch, dass es auch eine gute Übung für die ganze Formel 1 ist.

Als kleines Team ist es noch immer schwierig, überhaupt dieses Geld zu bekommen. Woher kommt das Geld bei Sauber - außer von Alfa-Romeo -, denn vor nicht allzu langer Zeit war das Geld noch sehr knapp…
Frédéric Vasseur: Wir haben großartige Unterstützung von unseren Besitzern. Aber unser Ziel ist es, nachhaltig zu sein. Wir können uns nicht in einem Ökysystem befinden, in dem wir per Reglement Verluste machen. Wir müssen weitermachen und die Kosten zusammen mit der Budgetobergrenze weiter verringern. Das Preisgeld wird mehr, die Sponsoreneinnahmen werden auch drastisch höher. Wir haben da die letzten Jahre viel Arbeit reingesteckt. Das Ziel ist es, dann nachhaltig zu sein.

Wann erreichen Sie die Gewinnzone?
Frédéric Vasseur: Der Breakeven ist weit weg. Aber jeder Schritt ist ein guter Schritt. Das wichtigste ist, in diese Richtung zu gehen und dabei die Performance des Teams beizubehalten. Da dürfen wir keine Opfer bringen. Denn die Preisgelder sind auch abhängig von der Position. Wir haben gute Schritte gemacht. Sponsoren werden mehr, Preisgelder auch und unsere Kosten gehen runter. Wir sind auf einem guten Weg.

Alfa Romeo verdrängte den Namen Sauber teilweise aus der Formel 1 - wie lange noch? - Foto: Alfa Romeo Racing/Xavi Bonilla

Wie sieht es mit dem Sponsorship von Alfa-Romeo aus?
Frédéric Vasseur: Es ist kein Geheimnis, dass wir das gerade diskutieren. Wir kennen die Situation. PSA [Peugeot Société Anonyme] und FCA [FIAT Chrysler Automobiles] wurden fusioniert. Alfa Romeo ist eine ikonische Marke für diesen Konzern, aber auch für die Formel 1. Es ist der erste Weltmeister. Der Name ist groß. Alfa Romeo wird in den nächsten Monaten neue Autos vorstellen und da ist es eine großartige Gelegenheit für alle. Wir diskutieren das und ich hoffe, dass wir sehr bald eine Entscheidung haben.

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