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Formel 1

Formel 1 Frankreich, Kerbs zerstören Autos: Teams rebellieren

F1-Fahrer und Teams klagen nach den Trainings in Le Castellet über aggressive Kerbs. Teure Schäden an den Autos. Rennleiter Michael Masi soll reagieren.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Der Circuit Paul Ricard in Le Castellet scheint es der Formel 1 einfach nicht recht machen zu können. Nach den Trainings ging es zur Abwechslung einmal nicht um gähnende Langeweile auf dem als bunter Parkplatz verrufenen Kurs. Ausgerechnet die für die Ereignislosigkeit sonst Verantwortlichen Track Limits sorgten diesmal für den größten Aufschrei. Mehrere Piloten beschädigten sich auf aggressiven Kerbs die Autos. Den Teams kommen die Schäden teuer zu stehen. Sie fordern Änderungen.

Die größten Schwierigkeiten bereitete in den beiden 60-minütigen Sitzungen am Freitag der Kerb am Ausgang von Kurve zwei. Im FP2 fuhr sich Max Verstappen den Frontflügel kaputt, woraufhin sich Red-Bull-Teamchef Christian Horner direkt im Funk bei Rennleiter Michael Masi meldete.

"Wir haben nicht ganz so viel Karbon dabei. Es wäre toll, wenn wir das Teil zurückbekommen könnten, Michael", so der Brite. Sein Fahrer war nicht der einzige Leidtragende. Auch bei Rivale Mercedes gab es Schäden an den Autos. "Es straft dich schon sehr. Ich habe mir ein paar Teile am Unterboden beschädigt und ich war nicht der einzige", sagte Valtteri Bottas.

Er erkennt die Track Limits an, will sie aber nicht wirklich akzeptieren. "Es ist ziemlich hart, aber es liegt natürlich am Fahrer, ob du zu viel pushst und dort drauf fährst. Es ist das harte Limit. Wir können nicht weiter rausfahren. Das ist vielleicht ein Diskussionspunkt", so der Finne weiter. Mercedes-Teamchef Toto Wolff pflichtete ihm am Mikrofon von Sky Sports F1 bei: "Diese Randsteine sind vielleicht etwas zu radikal, weil sie die Autos kaputtmachen."

Red Bull und Mercedes beschweren sich bei FIA

Die Top-Teams ergriffen aufgrund der bei ihnen aufgetretenen Schäden noch während des zweiten Trainings die Initiative. Mercedes-Sportdirektor Ron Meadows und Red-Bull-Teammanager Jonathan Wheatley wandten sich direkt an F1-Rennleiter Michael Masi. "Diese gelben Kerbs da draußen, wir haben eben ordentlich was an unserem Auto kaputt gemacht, und Max ist da sicher nicht absichtlich raus. Scheint einfach so eine riesige Strafe für einen kleinen Fahrfehler", so Wheatley.

Masi entgegnete, dass die Kerbs bereits 2019 in dieser Form in einer Höhe von 50 Millimetern existierten, als die Formel 1 zuletzt in Le Castellet gastierte. Wheatley verwies daraufhin auf die hohen Kosten, die den Teams dadurch entstehen: "Es scheint nur, dass die Strafe fürs Rausfahren - da könnte eine Zeitschleife sein. So kostet das gute 100.000", so der Brite. Meadows stieß ins selbe Horn: "Wenn man nur einen Meter neben die Strecke kommt, kostet uns das zehn- oder sogar hunderttausende Dollar:"

Masi erinnert an üblichen Track-Limit-Zoff: Physische Limits erwünscht

Kurve zwei war nicht der einzige Zankapfel. Auch in Turn elf gab es Beschädigungen an den Autos. Sebastian Vettel fuhr in der langen Rechtskurve zu weit raus und funkte hinterher an sein Team, den Unterboden auf Schäden zu überprüfen. Esteban Ocon kam in der Passage ebenfalls auf den Randstein. Alpine bestätigte nach den Trainings, dass das Auto des Franzosen bei der Aktion in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Auf Rennstrecken mit großzügigen Asphaltflächen sind die Auslaufzonen regelmäßig Streitpunkt unter den Teams. In Bahrain beklagte sich Red Bull, als Lewis Hamilton sich über mehrere Runden einen Vorteil verschaffte. Angesichts der physisch häufig zu milden Track Limits wird häufig der Wunsch nach Kiesbetten geäußert. "Ich erinnere mich, dass mich viele Fahrer und auch Teamchefs um physische Limits gebeten haben", so Masis Argumentation im Gespräch mit den Teamvertretern.

Haas und Aston Martin schließen sich Kritik an

Doch nicht nur Red Bull und Mercedes sind mit der Situation unzufrieden. Die rigorosen Kerbs in Le Castellet gehen auch den anderen Teams zu weit. "Es ist wichtig, eine Balance zu finden", sagt Horner. "So wie die Kerbs dort liegen, sind sie für die Fahrer nicht sofort zu sehen und laden ein, dort hin zu fahren. Es hat recht viel Schaden am Auto angerichtet, deshalb ist es vielleicht besser, da mit Zeitstrafen zu arbeiten anstatt unsere Frontflügel zu zerstören. Das ist in Zeiten der Budgetobergrenze sehr teuer."

Haas-Teamchef Günther Steiner hatte durch seine Piloten zwar keine Schäden zu beklagen, doch auch er hält die Kerbs nicht für zweckmäßig. "Es solle keine Kerbs geben, die ein Auto beschädigen. Das ist nicht konstruktiv", so der Südtiroler. "Klar, in Monaco fährst du in die Mauer wenn du von der Strecke abkommst. Aber woanders fährst du neben die Strecke und verlierst Zeit, aber zerstört dein Auto nicht - und so sollte das auch sein."

Aston-Martin-Teamchef Otmar Szafnauer fürchtet außerdem, dass die Kerbs in Rennsituationen die falschen bestrafen könnten. "Vielleicht wirst du von jemandem abgedrängt und dann kannst du dazwischen wählen, zu kollidieren weil du rausgeschickt wirst oder dein Auto zu beschädigen. Ich denke, das könnte eine unfaire Situation sein", sagt er.

Zwar ließ sich Masi am Freitag nicht aus der Reserve locken, doch angesichts der dramatischen Lage zeigte er sich verhandlungsbereit. Der Australier kündigte an, sich den Sachverhalt vor dem Hintergrund der Beschwerden durch die Teams anschauen zu wollen.