Motorsport-Magazin.com Plus
Formel 1

Formel 1, Pirelli in der Kritik: Die größten Reifen-Dramen

Pirelli hat als Reifenausrüster in der Formel 1 einen schweren Stand: Wie in Baku gibt es immer wieder Reifenschäden. Die großen Dramen im Rückblick.
von Markus Steinrisser

Motorsport-Magazin.com - Reifen sind in der Formel 1 schon immer ein kritisches Thema - aber kein Hersteller stand in der Seriengeschichte durchgehend so im Fokus wie der gegenwärtige Einheitslieferant Pirelli. Die italienische Marke ist seit 2011 in der Formel 1 unterwegs, und wird regelmäßig mit scharfer Kritik von Fahrern und Teams kritisiert.

Neben der Dauer-Kritik an den sich stark abnutzenden Reifen, die so auch im Sinne von mehr Renn-Action von der Formel 1 gewünscht sind, gibt es aber immer wieder auch kritische Wochenenden, an denen Pirelli mit Reifenschäden in Serie für Negativ-Schlagzeilen sorgt. Zuletzt erneut mit großen Unfällen in Baku. Motorsport-Magazin.com fasst die größten Reifen-Dramen der letzten Jahre und ihre Ursachen zusammen.

Silverstone 2013: Reifen-Eskalation nach Team-Tricks

Das erste Reifen-Desaster in der modernen Pirelli-Ära der Formel 1 war zugleich das größte und dramatischste: 2013 in Silverstone zerlegten sich im Rennen nacheinander die Reifen. In Runde acht links hinten bei Lewis Hamiltons Mercedes, in Runde zehn links hinten bei Felipe Massas Ferrari, in Runde 15 links hinten bei Jean-Eric Vergnes Toro Rosso, und in Runde 47 links hinten bei Sergio Perez' McLaren.

Lewis Hamiltons Reifenschaden - Foto: Sutton

Dem Silverstone-Desaster waren Streitereien über viel zu stark verschleißende 2013er-Reifen sowie eine Kontroverse um einen Reifentest von Mercedes vorangegangen, für den das Team kurz vor Silverstone noch verwarnt wurde. Schlechter hätte die Presse für Pirelli da nicht mehr sein können.

Doch nach lauter Kritik aus dem Fahrerlager schoss man mit mehreren PR-Statements zurück - und beschuldigte die Teams, sich nicht an die Gebrauchsanweisung zu halten. Reifen wurden mit zu niedrigen Luftdrücken und mit extremen Sturz-Einstellungen gefahren, um mehr Performance zu erzwingen, und sogar wurden Hinterreifen verkehrt montiert. Allerdings gab der Hersteller auch zu, diese Praktiken gekannt, und die Auswirkungen unterschätzt zu haben.

Reifenplatzer bei Vollgas in Silverstone 2013 sorgten für viel Fahrer-Kritik - Foto: LAT Images

Silverstone hatte Konsequenzen. Pirelli verstärkte erst die Reifen, brachte dann die Modelle des Vorjahres zurück. Von der FIA wurde erbeten, von nun an zu überprüfen, ob alle Teams die Reifen den Vorgaben entsprechend nutzten. Ein zweites Silverstone gab es nie. Nur in Spa gab es im Training eine Schadens-Serie, die aber auf kleine Metallteile auf der Fahrbahn zurückgeführt wurde.

Spa 2015: Vettel-Attacke nach Schadens-Serie

2015 passierte es in Spa jedoch erneut. Erst zerlegte sich am Mercedes von Nico Rosberg im Training der rechte Hinterreifen bei Vollgas in Blanchimont, im Rennen erwischte es dann den rechten Hinterreifen von Sebastian Vettel auf der Kemmel-Geraden.

Vettel kritisierte den Reifenhersteller, der später Schnitte durch Trümmer oder Kerbs dafür verantwortlich machte, scharf: "Ich denke, dieses Zeug macht die Runden, und niemand erwähnt es. Es ist nicht akzeptabel. Wenn Nico sagt, dass er nicht von der Strecke runter ist, dann ist er nicht von der Strecke runter. Warum sollte er lügen? Gleiches gilt für mich, ich bin nicht runter. Der Reifen ist aus dem Nichts explodiert."

Vettels zerstörter Hinterreifen in Spa 2015 - Foto: Sutton

Von Pirelli kam zurück: Die Teams hätten mit riskanten Einstopp-Strategien die Reifen überstrapaziert, und man habe überdurchschnittlich viele Schnitte gefunden. Ein bereits stark strapazierter Reifen ist anfälliger für fatale Beschädigungen. Für das nächste Rennen in Monza erhöhte man wieder die Mindest-Reifendrücke.

Das Drama hatte dort ein Nachspiel. Die Teams wollten den Performance-Verlust nicht so einfach hinnehmen. Gerüchte von Tricks machten die Runde, um unter die Vorgaben zu kommen. Mercedes wurde bei Messungen vor dem Start mit minimal zu niedrigem Reifendruck erwischt, von den Stewards aber freigesprochen. Diskrepanzen beim Messzeitpunkt waren die Ursache. Das Team wies Absicht entschieden zurück.

Silverstone 2017: Ferraris Doppel-Desaster

2017 gab es das nächste Drama auf einer altbekannten Strecke, nämlich in Silverstone. Diesmal waren es aber die linken Vorderreifen, die sich in kurzer Abfolge an den Ferraris von Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen kurz vor Rennende auflösten und der Scuderia ein Podium kosteten. Vettel und Räikkönen hatten die Reifen mit einem langen Schluss-Stint bereits an die Belastungsgrenzen gebracht.

Sebastian Vettel in Silverstone 2017 mit kaputtem Reifen - Foto: LAT Images

Pirellis Erklärungen: Bei Vettel wurde ein schleichender Plattfuß diagnostiziert, bei Räikkönen zwei tiefe Beschädigungen, vermutlich durch Trümmer oder einem Kerb. Bei Räikkönen löste sich die Lauffläche, während Vettels Reifen sich beim Zurückschleppen in die Box zerstörte. Pirelli unterstrich: Bei keinem anderen Auto habe man Probleme gefunden.

Silverstone 2020: Mercedes' Beinahe-Doppel-Desaster

Doch die Bilder von Ferraris Reifen kamen der Formel 1 drei Jahre später in Silverstone sofort wieder ins Gedächtnis. Drei Runden vor Schluss begannen sich in kurzer Abfolge am Mercedes von Valtteri Bottas, dem McLaren von Carlos Sainz und schließlich dem Mercedes von Lewis Hamilton die Lauffläche zu lösen. Hamilton passierte es auf der letzten Runde, er schleppte sich mit dem aufgelösten Reifen gerade noch als Sieger ins Ziel.

Lewis Hamiltons Vorderreifen nach dem Sieg in Silverstone 2020 - Foto: LAT Images

Wieder hatten die Teams die Reifen - links vorne wird in Silverstone besonders stark belastet - durch einen extrem langen Schluss-Stint ans Limit getrieben. Und diesmal waren es wirklich keine Trümmer, bestätigte Pirelli. Nach der Untersuchung machte man den hohen Verschleiß verantwortlich. Den Mammut-Stints von 40 Runden auf dem extrem belastenden Silverstone Circuit konnte die Reifen-Konstruktion nicht mehr standhalten.

Baku 2021: Verstappen-Schock bei Vollgas

Große Unfälle blieben aber bei diesen Reifen-Zwischenfällen bisweilen aus. Bis zum Aserbaidschan-GP 2021 in Baku. Dort zerlegten sich auf dem finalen Vollgas-Teil erst ein 29 Runden alter linker Hinterreifen am Aston Martin von Lance Stroll, dann ein 33 Runden alter beim Red Bull von Max Verstappen.

Max Verstappen verunfallte 2021 in Baku schwer - Foto: LAT Images

Beide bogen auf der Geraden plötzlich ab und schlugen hart in die Betonmauern ein. Die Schäden hatten sich nicht angekündigt. Ein stocksaurer Verstappen - er war in Führung gelegen - schoss danach gegen Pirelli: "Mehrere Runden sind mehrere Fahrer immer die gleiche Linie gefahren, ich glaube, da war kein Teil. Aber Pirelli wird natürlich sagen, dass es ein Teil war, weil die das immer sagen."

Pirelli, die vor dem Rennen schon die Mindest-Reifendrücke aus Sorge erhöht hatten, mutmaßte vor der ersten Untersuchung aber Trümmerteile. Erst recht, weil man am Mercedes von Lewis Hamilton nach dem Rennen ebenfalls Schnitte fand. Eine endgültige Analyse steht aber noch aus.