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Formel 1, Hamilton nach P7 bedient: Mercedes richtig schlecht

Lewis Hamilton verliert in Monaco die WM-Führung an Max Verstappen. Mercedes zu langsam. Doch war mehr drin? Meinungsverschiedenheiten zur Strategie.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Lewis Hamilton hat beim Großen Preis von Monaco einen herben Rückschlag im Kampf um die Formel-1-WM-Krone 2021 erlitten. Ein Sieg seines Rivalen Max Verstappen im Fürstentum und ein gerade einmal siebter Platz des amtierenden Weltmeisters kosteten Hamilton in Monte Carlo sogar die WM-Führung. Nach fünf Saisonrennen liegt der Brite in der WM-Wertung mit 101 Zählern nun vier Punkte hinter dem Niederländer. Wäre nach dem verwachsten Qualifying im Rennen noch mehr drin gewesen? Die Strategie Mercedes’ sorgt für Meinungsverschiedenheiten mit Toto Wolff.

„Wir haben heute jede Menge Punkte wegen einer richtig, richtig schlechten Performance des Teams verloren“, poltert Hamilton nach dem Rennen in Monte Carlo. Damit zielt der Brite global auf alles. Zunächst hatte Mercedes dem Briten im Qualifying kein optimales Auto hingestellt, nur Startplatz sieben. So waren die Aussichten im engen Monaco von vornherein alles andere als rosig.

Hamilton fassungslos: Undercut einfach verpufft

Im Rennen wurde der Frust dennoch größer als ohnehin erwartet. Hamilton gewann durch einen Defekt am Ferrari von Charles Leclerc vor dem Start zwar sofort eine Position, später noch durch den Ausfall seines Teamkollegen Valtteri Bottas. Doch all das verlor Hamilton im Rennverlauf im strategischen Fernduell mit Pierre Gasly, Sebastian Vettel und Sergio Perez wieder.

Das Unheil nahm in Runde 29 seinen Lauf. Als erster Fahrer überhaupt kam Hamilton zum Reifenwechsel. Der Versuch eines Undercuts gegen Pierre Gasly. Der Franzose fuhr nur gut eine Sekunde vor dem Briten. AlphaTauri reagierte unmittelbar, holte Gasly eine Runde später rein - genug, um am Boxenausgang vor Hamilton zu bleiben. Der war fassungslos. „Wie kann ich noch immer hinter ihm sein?“, funkte Hamilton hörbar aufgebracht.

Lewis Hamilton: Strategie hat drei Plätze gekostet

Damit nicht genug. Eine Runde später kam auch Vettel und zog am Boxenausgang ebenfalls knapp vorbei - trotz drei Sekunden Rückstands auf Hamilton vor dessen Service. „Was ist da los, Leute. Ich habe zwei Plätze verloren“, funkte Hamilton an Mercedes. Die warnten den Briten vor dem nächsten Platzverlust daraufhin lieber vorab. In Runde 35 kam auch Perez an die Box, blieb dank dieses Overcuts ebenfalls vor Hamilton.

Mercedes patzt unter Druck: Verstappen erobert WM-Führung!: (30:00 Min.)

„Das hat uns drei Plätze gekostet“, klagt Hamilton nach dem Rennen über die in seinen Augen rückblickend falsche Strategie. „Wir haben als Team das ganze Wochenende, von Anfang an, nicht unsere Leistung gebracht.“ Persönliche Vorwürfe gebe es bei Mercedes dennoch nicht, so Hamilton. „Hier wird nicht mit dem Finger auf jemanden gezeigt und kein Individuum wird beschuldigt. Wir führen da eine offene und ehrliche Diskussion“, sagt Hamilton. Persönlich werde es nie - auch wenn es sich am Boxenfunk sehr vorwurfsvoll anhörte.

Wolff versteht Hamiltons Ärger

Das sei dem Eifer des Gefechts geschuldet gewesen, sagt Toto Wolff. „Zwischen uns passt kein Blatt Papier“, versichert der Teamchef nach deftigen Worten bereits am Vortag. „Wir sind einfach alle extrem frustriert. Am Funk haben wir alle Gefühlsausbrüche, das muss man einfach zur Kenntnis nehmen. Aber als Fahrer wirst du da draußen eben gehört, wenn du deine Emotionen rauslässt“, sagt Wolff.

Eine Meinungsverschiedenheit gibt es dennoch - war der gescheiterte Undercut wirklich die einzige Chance? Oder hätte ein Overcut zu einem besseren Ergebnis geführt. „Er hat selbst für den Undercut plädiert“, erinnert Wolff hier erst einmal. „Da gab es einen guten Austausch zwischen ihm und seinem Strategen. Und der Undercut war auch unsere einzige Chance, an Gasly vorbeizukommen. Wir hatten das Gefühl, dass der Undercut mehr Potential hatte“, beteuert Wolff. „Auch bei Valtteri waren die Reifen fertig. Auf Lewis‘ Reifen war auch nichts mehr übrig, als wir sie nach dem Stopp analysiert haben. Es gab also nicht mehr genug Performance für einen Overcut gegen Gasly“, sagt Wolff im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com.

Hamilton widerspricht Wolff: Overcut war möglich

Hamilton sieht das anders. „Ich hatte heute keinen Reifenabbau, ich steckte nur hinter allen fest - oder hinter Pierre“, sagt uns der Brite. Dennoch hätte der Undercut funktionieren müssen, so Hamilton. „Wir haben keine Erklärung dafür, sonst wären wir nicht in der Position in der wir sind. Wir müssen verstehen, was da los war“, fordert Hamilton.

Erwischten Mercedes am Ende die bereits das gesamte Wochenende präsenten Probleme, die Reifen schnell auf Temperatur zu bringen? Mit dieser Schwäche wäre ein geplatzter Undercut zu erklären. Wolff winkt ab: „Ja, das ist immer ein Problem. Aber der Stopp war gut und die Outlap war auch in Ordnung. Er [Gasly] war einfach 1,5 Sekunden vorne und hat diesen Vorsprung behalten. Wir dachten, dass 1,5 Sekunden mit der Outlap reichen würden, aber das hat es nicht.“

Wolff: Hatten keinen Gummi mehr drauf

Die Aufwärmprobleme hätten Mercedes sogar indirekt zum Undercut gezwungen, so Wolff. „Wir haben gestern keine Temperatur in die Reifen bekommen, deshalb haben wir heute mehr geheizt als üblich. Das hat dazu geführt, dass der Reifenabbau bei uns zuerst begonnen hat“, sagt Wolff. „Bei Valtteri hast du es gesehen, als er in Runde 18, 19 anfing zu pushen. Da war keine Reifenperformance mehr da. Bei beiden hatten die Reifen keinen Gummi mehr, das kommt vom Heizen.“

Jetzt gilt bei Mercedes einmal mehr dasselbe wie bei allen seltenen Wochenenden mit mangelnder Performance. Alles wird bis ins letzte Detail aufgearbeitet. Das sind sich Hamilton und Wolff auch wieder einig. „Ruhe wird bis zum nächsten Rennen sicher nicht herrschen. Wir werden einige Meetings haben. Der Grund für unsere zahlreichen Meisterschaften ist, dass wir immer aus unseren Fehlern lernen. Und aus diesem Wochenende können wir viel mitnehmen.“

Hamilton verliert WM-Führung

Herunterziehen lässt sich Hamilton von dem Rückschlag nicht. „Wir dürfen es nicht auf die leichte Schulter nehmen, aber dafür gibt es keinen Grund“, sagt der Brite. „Es ist noch nicht vorbei. Es ist noch ein langer, langer Weg. Wir alle wollen Antworten. Alle werden Vollgas geben, damit sowas nicht erneut passiert. Ein weiteres Wochenende wie dieses können wir uns nicht erlauben.“

Immerhin eine späte Schadensbegrenzung sei noch geglückt, so Hamilton. Der Brite verfügte gegen Rennende über genug Vorsprung auf Lance Stroll für einen späten zweiten Boxenstopp. So erzielte Hamilton mit weichen Reifen noch die schnellste Rennrunde. „Jeder Punkt wie dieser kann am Ende zählen“, sagt Hamilton. Sorgen habe er sich vor dem zweiten Stopp nicht gemacht – von Bottas‘ defekter Radmutter habe er nämlich gar nichts gewusst, so der Brite. „Für mich ging es nur um diesen zusätzlichen Punkt, um den Schaden zu minimieren“, sagt Hamilton.

„Aber ich bin so froh, dass das Rennen vorbei ist. Es war so lang … Egal, auf welcher Position du liegst, dieses Rennen macht einfach keinen Spaß. Du kannst nicht überholen und auch nicht ordentlich folgen. Es ist nur toll, wen du gewinnst, aber selbst wenn du führst ist es noch so langweilig. Ich denke für Max war es ein ziemlich chilliger Nachmittag“, klagt der der WM-Zweite. „Aber ich hake es jetzt einfach ab. Das Wochenende ist erledigt.“

Mercedes hofft: Mercedes nur Ausreißer

Abseits dieser mentalen Facette will sich Hamilton allerdings intensiv mit Monaco beschäftigen, eventuell sogar eine Wiederholung ansehen. „Um herauszufinden, wo wir diese Plätze verloren haben“, sagt Hamilton. Noch dazu müssen man die Probleme mit den Reifen verstehen – und, ob es wirklich nur Monaco-spezifisch gewesen sei. Das sei durchaus möglich. Immerhin habe Mercedes Monaco nie so wirklich gelegen, meint Hamilton. Lewis: „Das war hier nie eine gute Strecke für uns. Wir haben das längste Auto. Das ist wie ein Bus, den du um die Kurve bringen willst.“

So sieht es auch Wolff. „Monaco war nie unser Happy-Place. Nur 2019 war da eine Ausnahme“, erinnert der Österreicher. Deshalb gelte es zwar, sich zu verbessern, aber alles andere als Panik zu schieben. Wolff: „Wir wissen, wie wir das Auto optimieren müssten. Aber du baust ein Auto für 23 Rennen und dann gibt es eben Ausreißer in beide Richtungen. Monaco zählt da auf jeden Fall dazu. Hier brauchst du ein ganz anderes Auto als auf allen anderen Strecken.“


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