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Formel 1 Bahrain, Mercedes vs. Verstappen: Nichts zu verlieren

Die Formel-1-Saison 2020 neigt sich dem Ende, Max Verstappen wird langsam ungeduldig. Hat er beim Sakhir GP eine Chance gegen Mercedes? Der Favoritencheck.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Nach seinem zweiten Platz beim Bahrain GP vor einer Woche schimpfte Max Verstappen noch über die konservative Strategie seines Rennstalls. Heute startet der Red-Bull-Pilot beim Sakhir GP schon mit der aggressivsten Reifenwahl. Anders als Mercedes. Die Silberpfeile haben schon im Qualifying einen beispiellosen Reifenpoker praktiziert.

Die Ausgangslage für das vorletzte Rennen zur Formel-1-Saison 2020 ist vielversprechend. Hat sich Red Bull verzockt oder Mercedes? Welche Auswirkungen hat die extrem kurze Streckenvariante? Der Motorsport-Magazin.com-Favoritencheck zum Sakhir GP.

Auch ohne Lewis Hamilton ging die Pole Position an Mercedes. Valtteri Bottas und George Russell besetzen die erste Startreihe. Die Winzigkeit von 0,026 Sekunden lag zwischen den beiden. Aber Red Bull muss sich nicht verstecken: Max Verstappen fehlte nur eine halbe Zehntelsekunde.

Eigentlich erwartete Red Bull ein schwieriges Wochenende. Die Power-Variante des Bahrain International Circuit kommt dem RB16 nicht unbedingt entgegen. Der knappe Rückstand ist auf drei Faktoren zurückzuführen: Die extrem kurze Rundenzeit, eine nicht ganz perfekten Runde von Valtteri Bottas und das Fehlen von Lewis Hamilton.

Verstappen im schnellsten Rennauto

Dass der eigentliche Rückstand größer wäre, ist für Red Bull und Verstappen noch kein Debakel. Im Qualifying macht man sich längst keine großen Hoffnungen mehr. Wenn, dann schlägt die Stunde der Bullen im Rennen. Beim Sakhir GP sind die Hoffnungen besonders groß: Mercedes hatte im Longrun am Freitag Probleme, Verstappen dominierte regelrecht.

Formel 1, Sakhir GP - Longruns 2. Freies Training auf Soft

Fahrer Reifenalter Stintlänge Zeit
Verstappen 20 10 0:58,278
Albon 20 12 0:58,462
Ocon 20 12 0:58,531
Bottas 20 8 0:58,560
Stroll 14 6 0:58,597
Kvyat 24 12 0:58,647
Perez 21 11 0:58,658
Gasly 28 17 0:58,808
Sainz 14 5 0:58,889
Ricciardo 30 22 0:58,909
Russell 17 6 0:58,980
Magnussen 24 13 0:59,148
Latifi 24 12 0:59,290
Räikkönen 22 13 0:59,429
Giovinazzi 25 15 0:59,447
Aitken 27 15 0:59,530
Fittipaldi 23 12 0:59,635

Dass Russell als Mercedes-Neuling Probleme hatte, überrascht nicht. Aber auch Bottas fehlten im Schnitt drei Zehntelsekunden. Allerdings bezieht sich das auf die Soft-Reifen. Den wird Mercedes aller Voraussicht nach im Rennen nie fahren.

Formel 1, Sakhir GP - Longruns 2. Freies Training auf Medium

Fahrer Reifenalter Stintlänge Zeit
Verstappen 23 13 0:57,814
Albon 22 11 0:58,079
Gasly 19 6 0:58,159
Ocon 30 19 0:58,198
Ricciardo 17 8 0:58,387
Kvyat 34 16 0:58,405
Perez 31 19 0:58,470
Stroll 30 21 0:58,680
Giovinazzi 32 18 0:58,830
Sainz 22 8 0:58,985
Aitken 31 18 0:59,032
Magnussen 25 12 0:59,507
Vettel 30 14 0:59,552
Fittipaldi 33 13 0:59,974

Formel 1, Sakhir GP - Longruns 2. Freies Training auf Hard

Fahrer Reifenalter Stintlänge Zeit
Bottas 35 16 0:58,295
Russell 31 16 0:58,316
Räikkönen 32 19 0:58,944
Latifi 29 17 0:59,268

Die Silberpfeile gingen mit einem Trick in die Qualifikation. Mercedes hob sich gleich drei Sätze der Mediums für das Zeittraining auf. Nicht, weil der Medium schnell war, sondern weil die Sätze auch ins Rennen mitgenommen werden. Und dort will Mercedes den Soft um jeden Preis verhindern.

Die neue Streckenvariante in Bahrain fordert die Hinterreifen zwar nicht ganz so stark wie das normale Layout, doch der aggressive Asphalt sorgt weiterhin für hohen Verschleiß. Als sich Valtteri Bottas am vergangenen Wochenende einen Plattfuß einfuhr, gingen Mercedes die Medium-Reifen aus. Man hatte für das Rennen nur einen Satz Hard und zwei Sätze Medium. Jetzt gehen Bottas und Russell mit je drei Sätzen Medium und einem Satz Hard in den Sonntag.

Mercedes mit Strategie-Vorteil

Damit stehen den Mercedes-Ingenieuren alle Strategievarianten offen. Pirelli prognostiziert ein Zweistopp-Rennen. Die schnellste Variante führt über zwei Stints auf Medium und einem Stint auf Hard.

Theoretisch beste Rennstrategie für den Sakhir GP

  • Schnellste: 2x 26 Runden Medium, 35 Runden Hard
  • 2. Schnellste: 23 Runden Soft, 37 Runden Hard, 27 Runden Medium
  • Langsamste: 24 Runden Soft, 39 Runden Hard, 24 Runden Soft

Die theoretisch beste Strategie kann Verstappen gar nicht mehr wählen. Er muss auf dem Soft starten. Das allerdings war keine Absicht. "Ich musste den Soft nehmen, weil meine Medium-Runde nicht gut genug war, es war zu eng", so Verstappen.

"Wir gehen auf den Medium-Reifen ins Rennen, damit sollten wir uns mit Blick auf die Strategie in einer guten Ausgangslage befinden. Max wird auf den weicheren Reifen einen Vorteil am Start haben, aber wir glauben, dass wir für das Rennen selbst den besseren Reifen haben", analysiert Valtteri Bottas.

Verstappen kann sich mit seiner Strategie durchaus anfreunden. "Ich habe nichts zu verlieren", meint der Niederländer. Mit den weichen Reifen hat der Red-Bull-Pilot auf der sauberen Seite die beste Chance, Mercedes gleich am Start anzugreifen. Russell scheint verwundbar, für ihn wird es der erste richtige Rennstart im Mercedes. Auch die Startposition selbst ist für Russell Neuland: "Heute steht niemand direkt vor mir, eine Erfahrung, die ich schon lange nicht mehr gemacht habe."

Neben der theoretisch langsameren Rennzeit gibt es ein weiteres Hindernis: Wer auf Soft startet, stoppt tendenziell früher. Dabei droht die Gefahr von Verkehr auf der extrem kurzen Runde von Bahrain. Andererseits könnten die Führenden dabei schon auf Überrundungsverkehr auflaufen. Im Qualifying blieb das prognostizierte Chaos aus, im Rennen bereitet die kurze Runde den Strategen aber genauso Kopfzerbrechen.

Fazit: Red Bulls erzwungene Offset-Strategie könnte Würze in das Rennen bringen. Sie könnte aber auch das Todesurteil für Verstappen sein. Er sollte im Rennen eigentlich das schnellste Auto haben. Da hätte es mit gleichen Strategievoraussetzungen durchaus spannend werden können. Nun ist Red Bull zumindest theoretisch schon vor dem Rennstart im Rückstand. Russell wird ein Unsicherheitsfaktor: Wie bekommt er den Start hin? Kann er seine Longrunpace im Vergleich zu Freitag steigern?


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