Formel 1 / Analyse

Monza 2005 - Der Titel ist weg

Am gleichen Tag als Michael Schumacher rechnerisch den Status des WM-Champions verlor, büßte auch Kimi Räikkönen beinahe alle Titelchancen ein.
von Stephan Heublein

Motorsport-Magazin.com - Der 8. Oktober des Jahres 2000 war ein historischer Tag. Nach 21 Jahren der Titeldürre gewann Michael Schumacher im japanischen Suzuka den ersten Fahrer-WM-Titel für Ferrari seit Jody Scheckter 1979. In den folgenden fünf Jahren sollte bis zum 4. September 2005 kein anderer Fahrer den Titel Formel 1 Weltmeister tragen dürfen.

Die Begriffe Weltmeister oder Champion wurden somit zu alltäglichen Synonymen für den Dauer-Triumphator der Formel 1 Welt. Doch seit dem 15. Saisonlauf dieses Jahres ist es amtlich: Ausgerechnet vor den heimischen Tifosi im königlichen Park zu Monza verlor Michael Schumacher auch rechnerisch die ohnehin schon lange geschwundene Chance auf eine erfolgreiche Titelverteidigung. Nach den vielen Jahren der roten Feten herrschte auf den größtenteils leer gebliebenen Tribünen eine rote Party-Flaute.

Wünsch dir was in Rot

Abschied vom Titel: Seine Wünsche gingen nicht in Erfüllung. - Foto: Sutton

Große Hoffnungen auf eine rote Auferstehung beim Heimspiel hatte sich der siebenfache Weltmeister sowieso nicht gemacht. Die vierte komplette Ferrari-Nullrunde des Jahres überraschte allerdings auch Michael Schumacher, der zumindest mit einer Punkteankunft gerechnet hatte.

"Wir waren einfach zu langsam", nutzte er eine Begründung, die bei den Roten mittlerweile zum Standardspruch zu werden scheint. Noch vor einem Jahr hätte man diesen Satz bei Ferrari nur benutzt, wenn man die Pole nur mit einem Zehntel statt einer Sekunde Vorsprung errungen hätte.

"Wir sind noch nicht einmal ansatzweise dort, wo wir gerne wären", machte sich Schumacher Luft. "Damit müssen wir aber leben. Man könnte sagen, dass wir etwas besser als in der Türkei waren. Aber das ist einfach nicht gut genug."

Die Meisterschaft habe man aber schon "vor langer Zeit" und nicht erst in Monza verloren. "Ich war für eine lange Zeit Champion und ich bin sogar sehr überrascht für wie lange. Ich wusste immer, dass es eines Tages vorbei sein würde." Und obwohl noch kein mathematisch unumstößlicher Nachfolger für den Serien-Champion feststeht, war der 4. September der vorerst letzte Tag des Michael Schumacher als amtierender F1-Weltmeister.

Schumacher gab im Kampf gegen Trulli alles. - Foto: Sutton

"Es kann sich jeder ausrechnen, dass wir nicht gerade überhappy sind." Resignation bringe das Team allerdings auch nicht weiter. "Wir müssen realistisch sein. Ich habe oft genug gesagt, dass wir so viele schöne Jahre gehabt haben. Nun erleben wir eines wie viele andere vor uns. Hätten diese resigniert, würde keiner mehr fahren. Wir wünschen uns nach so einer verkorksten Saison, dass wir uns noch mit einem tollen Rennen auf das nächste Jahr einstimmen können."

Aus diesem Grund warnt Schumacher die derzeit überlegene Konkurrenz: "Sie sollten uns nicht unterschätzen. Wir werden zurückkommen." Aber noch nicht am nächsten Wochenende in Spa-Francorchamps. "An Wunder darf man nicht glauben. Ich gehe nicht davon aus, dass wir dort etwas um 180 Grad umbiegen können. Das ist eher unwahrscheinlich."

Wünsch dir was in Silber

Der rote Wunsch vor den Tifosi einen Podestplatz zu erklimmen, ging also nicht in Erfüllung. Genauso wenig erfüllte sich der silberne Wunsch eines Doppelsieges von Kimi Räikkönen und Juan Pablo Montoya. Aber zumindest der Kolumbianer konnte sich seinen sehnlichsten Wunsch erfüllen: Er durfte am Ort seines ersten GP-Sieges seinen zweiten Saisonerfolg einfahren.

Möglich wurde dies durch die Strafversetzung von Kimi Räikkönen sowie dessen Reifenschaden während des Rennens. Ohne diesen hätte der Finne nicht nur aus eigener Kraft Siegchancen gehabt, sondern auch Montoya in die Situation gebracht seinen Triumph an den WM-Zweiten abtreten zu müssen. Diesem Dilemma konnte der heißblütige und unberechenbare Südamerikaner allerdings entgehen.

Auch Fernando freute sich über Juans Sieg. - Foto: Sutton

Übrigens ebenso wie einem ähnlichen Schicksal wie Kimi Räikkönen am Nürburgring. Denn den Finnen kostete ein vibrierendes Vorderrad beim Europa GP in der letzten Runde den Sieg. Montoya konnte hingegen in Monza seinen MP4-20 mit einem stark lädierten linken Hinterreifen bis über die Ziellinie retten.

"Die Leute werden die Situation mit dem Nürburgring vergleichen, aber es waren andere Umstände", verteidiget Martin Whitmarsh die Entscheidung der Silbernen den Reifen nicht zu wechseln. "Je nach dem Standpunkt war es von ihm also entweder bemerkenswert mutig oder vollkommen töricht. Wir glaubten jedenfalls fest daran, dass der Reifen bis zum Ende halten würde."

In der Fahrer-WM stellte der vierte Platz von Kimi Räikkönen natürlich ungeachtet des Sieges seines Teamkollegen einen beinahe verheerenden Rückschlag dar. "So lange wir noch eine mathematische Chance haben", verspricht Norbert Haug, "werden wir aber weiter um beide Titel kämpfen." Vielleicht geht ja dann dieser silberne Wunsch in Erfüllung.

Wünsch dir was in Gelb-Blau

Beim doppelten WM-Spitzenreiter aus Enstone und Viry-Châtillon ging man hingegen mit einem tiefgestapelten Wunschergebnis in das Monza-Wochenende: Zwei Podestplätze sollten es werden. "Und genau das haben wir auch geschafft", freute sich Flavio Briatore.

Sie durften P2 & P3 wie einen Sieg feiern. - Foto: Sutton

"Wir verfolgen für die letzten WM-Läufe dieser Saison eine klare Strategie: Wir wollen jeden Grand Prix auf dem Podium beenden", betonte Fernando Alonso noch einmal die taktische Herangehensweise der Franzosen. Einzelsiege sind für die Gelb-Blauen nicht mehr wichtig. Stattdessen möchten sie im Kampf gegen das "schnellste Auto" beide WM-Titel gewinnen. "Platz zwei stellt für mich daher ein nahezu perfektes Resultat dar. Dass sich auch Giancarlo Fisichella vor Kimi Räikkönen schieben konnte, verbessert meine Ausgangslage noch mehr."

Am Ende verlassen also nur zwei Fahrer und ein Team Italien mit dem Wunschergebnis in der Tasche: Juan Pablo Montoya, weil er gewinnen durfte, und Fernando Alonso, weil er seinen Vorsprung auf realistisch beinahe uneinholbare 27 Zähler ausbauen konnte.

Die Teamanalyse

Renault Für Renault und Fernando Alonso scheint in diesem Jahr alles nach Plan zu laufen. Man besitzt schon seit vielen Rennen nicht mehr das schnellste Auto, kann aber dennoch den Vorsprung in beiden WM-Wertungen verteidigen oder sogar ausbauen. Genauso lief es auch in Italien. Während McLaren klar schneller war, streikten bei den Silbernen zuerst die Technik und dann die Reifen. Im Gegensatz zu den letzten Rennen blieb das Glück diesmal aber nicht nur Alonso, sondern auch Fisichella hold. Dank des doppelten Podestplatzes konnten die Gelb-Blauen deshalb auch den Punkteverlust in der Team-WM auf nur einen Zähler beschränken. Dennoch ist die silberne Gefahr in der Konstrukteurs-WM noch lange nicht gebannt.

JPM siegte, McLaren verlor. - Foto: Sutton

McLaren Wieder einmal kam alles zusammen und erwischte es Kimi Räikkönen. Zum dritten Mal musste der Finne nach dem Freien Training seinen Motor wechseln und zum dritten Mal zeigte er danach mit einem voll getankten Auto, was er für ein Ausnahmekönner ist. Seine Pole-Zeit fuhr er sogar mit einem schwereren Boliden als sein Teamkollege. Dieser durfte dank des zusätzlichen Reifenschadens auf Kimis Aufholjagd den erwarteten silbernen Sieg einfahren. Für die ganz große Freude sorgte das bei McLaren aber nicht. Schließlich scheint der Fahrer-WM-Zug nun fast endgültig abgefahren zu sein und kommt man Renault mit 1-Punkte-Schritten auch in der Team-WM nicht schnell genug näher.

Ferrari Der Freitag war ernüchternd, der Samstag halbwegs passabel und der Sonntag wieder wahnsinnig schmerzvoll. Zum vierten Mal schrieben die Roten in diesem Jahr eine Nullrunde. Und das ausgerechnet bei ihrem Heimspiel im Autodromo Nazionale di Monza. Mit dieser Leistung dürfte es schwer werden Toyota in der WM-Wertung hinter sich zu lassen. In der einen Woche bis zum Belgien GP darf man jedenfalls keine Wunderdinge erwarten.

Toyota möchte vor Ferrari landen. - Foto: Sutton

Toyota Die Weiß-Roten freuen sich hingegen schon sehr auf ihren Quasi-Heim-GP in der Nähe ihrer Köln-Marsdorfer Fabrik. Einer Strecke auf welcher sie zuletzt einige Shakedown-Runden absolvierten und somit bestens vorbereitet sind. In Monza hatte man sich zudem nicht sehr viel erwartet und reiste dennoch mit sieben Punkten und einer doppelten Punkteankunft ab. Für Ferrari heißt es also aufzupassen!

Williams Die Weiß-Blauen haben sich in Monza unter Wert geschlagen. Wie schon in der Türkei ließen sie am Freitag und Samstag mit starken Zeiten aufhorchen, fielen dann im Qualifying allerdings weit zurück. Nick Heidfelds Ersatzmann Antonio Pizzonia kämpfte sich zwar unauffällig, aber bravourös auf den siebten Platz nach vorne, ansonsten schlugen sich die Mannen von Frank Williams aber nicht so gut wie man es hätte erwarten können.

Red Bull Große Enttäuschung machte sich derweil bei den roten Bullen breit. Und zwar sowohl nach einem mit Fehlern gespickten Qualifying als auch einem nicht zufrieden stellenden Rennen. Nichtsdestotrotz können sich David Coulthard und Christian Klien damit trösten, dass auch der härteste Verfolger in der WM-Wertung nur einen einzigen Zähler gutmachen konnte.

Den Weißen fehlte die nötige Renn-Pace. - Foto: Sutton

B·A·R Dieser Verfolger hört auf den Namen British American Racing und erlebte nach einem starken Qualifying eine enttäuschende Renn-Performance. Statt des angepeilten Podestplatzes musste sich Jenson Button mit dem letzten Punkterang begnügen. Takuma Sato verlor unterdessen wegen eines Tankproblems alle Chancen auf WM-Zähler. Im Kampf um WM-Rang sechs bleiben die Weißen trotzdem die Favoriten.

Sauber Bei Sauber beschwerten sich die Verantwortlichen hingegen über die nicht vorhandene Ausfallquote: Alle 20 Piloten kamen ins Ziel und für Sauber blieb somit keine Chance mehr als den undankbaren neunten Rang zu belegen. Eine Steigerung der aktuell 14 WM-Punkte wird auch in den letzten vier Rennen äußerst schwierig werden.

Jordan Noch schwieriger wird es für das Jordan Team in seinen letzten Rennen unter diesem Namen weitere WM-Punkte einzufahren. Daran kann auch der neue EJ15B nichts ändern, dessen GP-Debüt in Monza keine großartige Veränderung am Ende der Ergebnislisten hervorrief. Der große Sprung in Richtung Sauber und Red Bull blieb jedenfalls aus.

Minardi setzte den Kampf gegen Jordan fort. - Foto: Sutton

Minardi Bei Minardi ärgerte man sich sogar darüber nicht erneut mit einem der beiden Autos vor beiden Jordan gelandet zu sein. Aber eine Drive-Through-Strafe und ein früher Nasentausch verhinderten, dass Christijan Albers den Kampf gegen Tiago Monteiro aufnehmen konnte. Die doppelte Zielankunft war für die kleine Truppe aus Faenza dennoch ein Erfolgserlebnis beim zweiten Heimrennen der Saison.

Der WM-Ausblick

Für Michael Schumacher ist der WM-Titel seit dem Ende des Italien GP Geschichte. Aber auch sein Nachfolger steht für ihn so gut wie fest: "Nach dem heutigen Rennen muss man kein großer Prophet sein, um festzustellen, dass die WM vorbei ist. Kimi hat nur noch eine sehr kleine theoretische Chance."

Damit er diese in den letzten vier Grand Prix noch wahrnehmen kann, müssten Alonso "viele Dinge" passieren. "Und daran glaube ich nicht." Für Schumacher ist "das Thema deswegen erledigt".

Der erfolgsverwöhnte Ron Dennis hat trotzdem noch nicht aufgegeben. "Wir haben noch immer mathematische Chancen beide Titel zu gewinnen", betont er. "Aber natürlich wird die Herausforderung jetzt noch härter. Die Geschichte beweist allerdings, dass wir Herausforderungen mögen."

Fernando & Giancarlo möchten bald zwei WM-Titel bejubeln. - Foto: Sutton

Einer ganz anderen Herausforderung muss sich in den letzten Rennen der noch amtierende Konstrukteursweltmeister Ferrari stellen. "Dank dieser Punkteankunft können wir unseren Vorsprung ausbauen und Boden auf Ferrari gutmachen", freute sich Toyota-Boss Tsutomu Tomita, bevor er den Italienern eine Kampfansage schickte: "Wir sind jetzt nur noch acht Punkte hinter ihnen und es sind noch vier Rennen zu fahren. Jetzt werden wir alles geben um sie einzuholen und es in die Top-3 zu schaffen."

Ralf Schumacher glaubt jedenfalls fest daran, dass dies möglich ist. Unter normalen Umständen wäre man laut Ralf sogar schon vor Ferrari: "Ohne Indianapolis wären wir schon weit vor den Roten und auf dem dritten Platz der Weltmeisterschaft." Jetzt heißt es für die Scuderia aufzupassen. Sonst heißt es am Ende nicht nur: Der Titel ist weg; sondern auch noch Rang 3 ist weg.


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