Formel 1

Formel 1, Betrugsvorwurf gegen Ferrari: Teamchef schießt zurück

Ferrari gegen den Rest der Formel 1: In Austin eskalierte der Streit über die Legalität des Ferrari-Motors. Teamchef Binotto schießt nun scharf zurück.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Eine Technische Direktive sorgte am Formel-1-Wochenende in Austin für großes Aufsehen. TD035-19 lautet der profane Name jenes Dokuments, das beim USA GP 2019 für reichlich Ärger sorgte.

Betrugsvorwürfe gegen Ferrari: Was ist dran?: (09:43 Min.)

Die Kurzversion: Die Konkurrenz ging davon aus, dass Ferrari beim Motor trickst und stellte bei der FIA diverse Anfragen, um die Legalität der vermuteten Tricks zu klären. Unmittelbar vor dem Rennen in Austin stellte die FIA in der 35. Direktive des Jahres 2019 klar, dass bestimmte Methoden am Motor verboten sind, um Messungen zu verfälschen.

Weil Ferrari nach sechs Pole Positions in Folge erstmals seit der Sommerpause nicht mehr von Startplatz eins aus ins Rennen ging und im Rennen fast eine Minute Rückstand hatte, stellte Max Verstappen eine direkte Verbindung zwischen Ferraris Performance-Verlust und der Technischen Direktive her. "Das bekommst du, wenn du aufhören musst, zu schummeln", sagte er beim TV-Sender Ziggo. In der Pressekonferenz legte er noch einmal nach.

Binotto: Vettel stand fast auf Pole

Worte, die bei Ferrari Teamchef Mattia Binotto auf wenig Verständnis stießen. Der Italiener, der am Rennsonntag seinen 50. Geburtstag feierte, wartete gar nicht erst die Fragen der Journalisten ab, sondern begann die Ferrari-Pressekonferenz auf Eigeninitiative mit dem Thema.

"Ich habe einige Kommentare über die Technische Direktive und ihre Auswirkungen auf unsere Autos gelesen und gehört. Ich habe auch Kommentare nach dem Rennen gehört, von denen ich sehr enttäuscht bin", sagte Binotto in Richtung Verstappen.

"Es ist eine Tatsache, dass wir gestern sehr nah an Pole waren - wie die letzten Rennen auch. Sebastian hätte Pole holen können, er war vielleicht in einer Kurve zu vorsichtig. Charles hatte ein klares Problem, weshalb er das gesamte 3. Training verpasst hat. Und wir mussten anschließend einen älteren Motor einbauen. Beim Blick auf die Performance von Q3 war Pole drinnen. Ich weiß nicht, wo das Problem ist", so Binotto. Vettel verpasste die Pole Position um lediglich 0,012 Sekunden.

Warum war Ferrari auf den Geraden plötzlich langsamer?

Aber warum lief es im Rennen nicht? "Der Speed auf der Geraden war nicht unser Problem. Wir hatten klare Probleme mit dem Grip", stellte Binotto klar und mahnt die Konkurrenz: "Diese Kommentare sind völlig falsch, sie sind nicht gut für den Sport und jeder sollte etwas vorsichtiger sein."

Laut Binotto habe Ferrari die Technische Direktive zwar wahrgenommen, aber noch nicht einmal im Detail analysiert. Änderungen an der Power Unit will Ferrari deshalb nicht vorgenommen haben. "Überhaupt keine", stellte Binotto noch einmal klar.

Doch tatsächlich zeigen auch die GPS-Messungen, dass Ferrari in den USA auf den Geraden einen Großteil seines Vorsprungs verloren hat. "Es stimmt, dass wir auf den Geraden nicht mehr so viel gewonnen haben wie in den letzten Rennen", gesteht Binotto. Der Grund dafür liegt aber nicht im Motor: "Es ist aber auch wahr, dass wir - zumindest im Qualifying - mit unseren Gegnern in den Kurven auf Augenhöhe waren. Es ist ein Kompromiss zwischen Abtrieb und Luftwiderstand. Dieses Wochenende haben wir einen Test gemacht und den Kompromiss verschoben. So einfach ist das."

Während Sebastian Vettel Verstappens Äußerungen nicht kommentieren wollte, wurde Charles Leclerc deutlich: "Das ist ein Witz. Er hat keine Ahnung, er ist nicht im Team. Wir wissen genau was wir tun. Ich weiß nicht, warum er das sagt, er weiß gar nichts darüber."

Red Bull verlangte Klarstellung von der FIA

Die Geschichte von TD035-19 geht bereits Wochen zurück. Weil sich Mercedes und Red Bull Ferraris Power-Vorteil nicht erklären konnten, suchten beide Teams beim Automobilweltverband FIA um Klarstellungen. Man vermutete, dass Ferrari zu unfairen Mitteln greift, um vor allem im Qualifying mehr Leistung aus dem Verbrennungsmotor zu ziehen.

Das Grundproblem der Ingenieure ist die maximale Benzindurchflussgrenze von 100 Kilogramm pro Stunde ab 10.500 Umdrehungen. Genau diese Regel macht das Motorenreglement zur Effizienz-Formel. Die Ingenieure könnten dank unreglementierten Ladedrucks aus den 1,6 Liter kleinen V6-Triebwerken deutlich mehr Leistung herauskitzeln, dürften sie nur mehr Benzin einspritzen.

Deshalb gab es in der Vergangenheit immer wieder Versuche, die Benzindurchflussmenge anderweitig zu erhöhen. Die FIA schloss nach und nach Lücken: Raffinierte Speicherbehälter nach dem Fuel Flow Meter, dem Einheitsmessgerät für den Benzinfluss, wurden unterbunden. Auch die Möglichkeit, Motoröl absichtlich in den Verbrennungstrakt zu leiten und dort zusätzlich zum Benzin-Luftgemisch zu verbrennen, wurde immer mehr reglementiert.

Trotzdem vermutete die Konkurrenz noch einen Trick am Ferrari-Motor. Man konnte sich schlichtweg nicht erklären, wie die Ferrari-Ingenieure aus 100 Kilogramm pro Stunde so viel Leistung herausholten.

FIA reagiert erst in Austin auf Red-Bull-Anfrage

Vor dem USA-Wochenende reagierte die FIA auf eine Anfrage von Red Bulls Chefingenieur Paul Monaghan, die schon eine ganze Weile zurücklag. Der wollte abgeklärt wissen, ob es erlaubt sei, das Einheits-Fuel Flow Meter auf ganz spezielle Weise einzubauen. Nämlich so, dass die Messung geringfügig beeinflusst wird.

Dabei geht es vor allem um die Abtastrate. Der Sensor arbeitet in extrem kleinen Intervallen, in denen er den Fluss misst. Im Optimalfall sind die Zeitintervalle infinitesimal klein, um möglichst genaue Daten zu erhalten. In der Praxis ist das nicht möglich.

Ein für die Formel 1 homologiertes Fuel Flow Meter - Foto: Gill Sensors

In der Praxis wird ein sehr kleines Zeitintervall gemessen. Die Zeitintervalle und ihre dazugehörigen Werte werden addiert, ein Integral gebildet. Die FIA verlangt von den Einheitslieferanten für die Live-Messung 25 Hertz, also 25 Messintervalle pro Sekunde oder anders ausgedrückt eine Messung alle 0,040 Sekunden.

Red Bull vermutete, dass Ferrari das Fuel Flow Meter so einbaut, dass der tatsächliche Benzinfluss über dem erlaubten Wert liegt, das vom Messgerät aber nicht festgestellt werden kann. Oder aber, dass Ferrari etwas vor das Messgerät schaltet, das den Benzinfluss genau so anpasst, dass die Messintervalle nicht ausreichen, um eine Überschreitung festzustellen.

FIA Technikchef Nikolas Tombazis verfasste die Antwort auf Monaghans Anfrage in ebenjener TD035-19. Seine Antwort lässt wenig Interpretationsspielraum: Der von Red Bull angefragte Einbau wäre illegal, auch ein vorgeschalteter Mechanismus ist nicht erlaubt.

Betrugsvorwürfe gegen Ferrari: Was ist dran?: (09:43 Min.)


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