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Formel-1-Analyse, Chaos-Training: Was ist Ferraris Zeit wert?

Die Trainings zum Aserbaidschan GP 2019 waren verrückt. Trotzdem lohnt sich in Baku ein genauer Blick. Was ist Ferraris Bestzeit mit neuen Teilen wert?
von Christian Menath

Der Baku Street Circuit ist seit Tag eins gut für Dramen. War es im ersten Jahr noch die Formel 2, die für das Spektakel sorgen musste, ist es inzwischen Jahr für Jahr die Formel 1, die in Aserbaidschan Schlagzeilen am Fließband produziert. 2019 gab es die schon am Trainingstag: Im 1. Freien Training sorgte ein loser Gullydeckel für einen heftigen Zwischenfall und schlussendlich zum frühen Abbruch, am Nachmittag sorgten Unfälle von Lance Stroll und Daniil Kvyat für zwei rote Flaggen.

Den Mangel an Runden und Daten kann man von zwei Seiten sehen: Auf der einen Seite gibt es für uns weniger zu analysieren, auf der anderen Seite sorgen wenig Daten bei den Teams für etwas mehr Spannung im Verlauf des Wochenendes. Je mehr Variablen unbekannt sind, desto schlechter sind die Teams auf das Rennen vorbereitet.

Obwohl Ferrari im 1. Training mit insgesamt neun Runden noch am meisten aller Teams fuhr, erwischte der Abbruch die Scuderia wohl am schlimmsten. Baku ist das erste krasse Ausreißer-Rennen der Saison: Auf der ewig langen Vollgaspassage - rund zwei Kilometer gehen die Piloten von Kurve 16 bis zum Bremspunkt von Kurve eins nicht vom Gas - ist Luftwiderstand tödlich.

Ferrari mit Upgrade: Nicht nur Highspeed-Technik

Obwohl der Stadtkurs zwischendurch auch enge und schnelle Ecken hat, die durchaus Abtrieb erfordern, haben alle Teams deutlich flachere Flügel im Gepäck als bei den ersten Rennen. Ganze Low-Downforce-Pakete wie einst für Strecken wie Monza gibt es aber längst nicht mehr: Weil die Windkanal- und CFD-Zeiten beschränkt sind, können es sich die Teams nicht mehr leisten, die Ressourcen für ein Rennen aufzuwenden.

Ferrari markierte die Upgrades dankenswerterweise mit Flow-Viz - Foto: LAT Images

Stattdessen müssen ihre Pakete auf mehreren Strecken funktionieren. Heißt: In der Regel gibt es nur einen speziellen Heckflügel, manchmal gepaart mit kleineren Anpassungen am Frontflügel. Allerdings hat Ferrari in Baku tatsächlich eine ganze Reihe neuer Teile im Gepäck: Netterweise haben die Mechaniker die neuen Teile mit Flow-Viz angesprüht, so das man nicht lange suchen musste.

An den Bargeboards wurden neue Elemente angebracht, ebenso an den Leitblechen an der Unterseite des Chassis, den sogenannten Turning Vanes. Außerdem feiern die vertikalen Leitbleche auf der Unterbodenoberseite vor den Hinterreifen ein Comeback.

Die sogenannten Tyre-Seals wurden überarbeitet - Foto: LAT Images

Dabei handelt es sich wohl mehr um ein generelles Update, als um ein reines Low-Downforce-Paket. Im Gegensatz zum Heckflügel, der zwar verhältnismäßig steil steht, aber im Vergleich zu den ersten Rennen trotzdem auf wenig Luftwiderstand ausgelegt ist. Aufgrund der zahlreichen Neuerungen war die verpasste Trainingszeit für Ferrari besonders bitter.

Leclerc fährt Bestzeit vor Vettel

Beim Blick auf die Zeitenliste gibt es kaum Zweifel daran, dass die neuen Ferrari-Teile funktionieren: Charles Leclerc fuhr mit 1:42,872 Minuten die klare Bestzeit vor Teamkollege Sebastian Vettel. Lewis Hamilton hatte als erster Verfolger bereits knapp sieben Zehntelsekunden Rückstand. Max Verstappen im Red Bull fehlten bereits gut neun Zehntelsekunden, Valtteri Bottas im zweiten Mercedes schon über eine Sekunde.

Ob es die Streckencharakteristik in Baku ist, die dem Ferrari besser liegt oder die Updates, die den SF90-H schneller machen? Schwer zu sagen. Jedenfalls scheint Ferrari nicht mehr nur auf den Geraden zu gewinnen. Hat Ferrari einfach nur die Flügel steiler gestellt? "Ich denke nicht, dass wir so eine gewaltigen Vorteil auf den Geraden haben, dass wir da absichtlich mehr Flügel draufpacken können", meint Sebastian Vettel.

Das macht Lewis Hamilton Sorgen: "Ferrari ist hier sehr schnell und es sieht so aus, als ob sie uns ein ganzes Stück voraus sind. Jetzt müssen wir analysieren, wo wir die Zeit im Vergleich zu ihnen verlieren. Es ist unwahrscheinlich, dass wir über Nacht sieben Zehntel finden werden." Der Zeitverlust auf den Geraden war in den vergangenen Rennen im Qualifying kaum mehr ein Problem. Sobald Mercedes den Motor aufdrehte, waren die Silberpfeile nicht mehr weit hinten. Ferrari kann nur offenbar den Power-Modus öfter und länger einsetzen.

Profitiert Mercedes von besserer Strecke?

Das größte Problem war für alle Piloten gleich: Die Vorderreifen auf Temperatur zu bekommen. Auf der langen Geraden kühlen die Pneus stark ab und sind beim Anbremsen nicht am Peak. Besonders die Medium-Reifen bereiteten Probleme.

Doch das könnte sich am Samstag ändern und das Kräfteverhältnis noch etwas aufmischen. "Die Kurvengeschwindigkeiten werden im Laufe des Wochenendes steigen, wenn sich die Strecke immer weiter verbessert. Dann sollten wir morgen etwas mehr Energie in die Reifen bekommen", glaubt Valtteri Bottas.

Durch das abgesagte 1. Training war die Strecke auch am Nachmittag noch etwas grüner und hatte weniger Grip als sonst. Die Strecke sollte sich deshalb auf Samstag überdurchschnittlich entwickeln, auch weil die Formel 2 noch vor dem 3. Freien Training ihr Hauptrennen austrägt.

Verstappen war prinzipiell zufrieden mit seinem Red Bull, an einen ernsthaften Angriff auf Ferrari glaubt aber auch er nicht. Fast eine Sekunde ist viel Holz. Red Bulls Hoffnungen ruhen wie immer auf der Rennpace. Gleiches gilt diesmal auch für Mercedes. "Unsere Pace auf Longruns sah etwas stärker aus als auf den kürzeren Versuchen", verrät Hamilton. Bottas schlägt in dieselbe Kerbe: "Unsere Longruns fühlten sich gut an und die Pace sah ebenfalls nicht schlecht aus. Aber auf einer Runde liegen wir noch etwas zurück."

Ferrari im Longrun nicht top

Tatsächlich fällt die Longrun-Analyse knapp aus: Die zwei Rot-Phasen am Nachmittag haben das übliche Programm erheblich behindert. Deshalb wurden Longruns unterbrochen oder abgebrochen. Trotz vieler Filter-Faktoren ergibt sich ein Bild, das die Aussagen der Mercedes-Piloten untermauert.

Auf den Soft-Pneus fuhr Max Verstappen die Bestzeit. Allerdings fuhr der Niederländer seine paar Runden erst ganz am Ende bei besserer Strecke und womöglich mit leererem Tank. Charles Leclerc fuhr im Schnitt rund eine Sekunde langsamer, fuhr seine Soft-Runden aber früh und damit mit vollerem Auto.

Formel 1, Aserbaidschan GP 2019, Longruns auf Soft

Fahrer Stint-Länge Reifen-Alter Durchschntl. Zeit
Verstappen 4 13 1:47,605
Bottas 8 19 1:47,926
Hamilton 2 13 1:48,375
Leclerc 5 17 1:48,712

Valtteri Bottas fuhr zunächst auf Soft und ging später auf Medium. Die Rundenzeiten des Finnen lesen sich gut: Im Schnitt fuhr er drei Zehntel langsamer als Verstappen - aber früher, also auf schlechterer Strecke und wohl mit etwas mehr Benzin. Lewis Hamiltons Run ging nur über zwei Runden, ist also wenig repräsentativ.

Auf den Medium-Reifen gab Bottas den Ton an, allerdings ist hier seine Zeit nicht repräsentativ, weil er am Ende der Session nur eine Runde drehte. Gleiches gilt für die Zeit von Charles Leclerc. Interessanter sind da schon die Zeiten von Lewis Hamilton und Sebastian Vettel: Der Brite landete bei 1:47,768 Minuten, der Deutsche bei 1:48,158.

Formel 1, Aserbaidschan GP 2019, Longruns auf Medium

Fahrer Stint-Länge Reifen-Alter Durchschntl. Zeit
Bottas 1 12 1:47,543
Hamilton 7 17 1:47,768
Leclerc 1 11 1:47,779
Vettel 10 19 1:48,158
Gasly 6 15 1:48,494

Im Gegensatz zu Hamilton teilte Vettel seine Longruns nicht auf Soft und Medium, sondern fuhr auf dem Medium-Reifen durch. Entsprechend gehen bei ihm Rundenzeiten mit mehr Gewicht in die Rechnung. Blickt man nur auf die letzten Runden des Stints, war Vettel näher. Allerdings hatte Hamilton kleine Ausreißer: Phasenweise war er noch deutlich schneller, fuhr mittlere 1:46er Zeiten.

Die harten C2-Reifen fuhr niemand. Reifenverschleiß ist in Baku kein Thema. Alle schaffen es locker mit einem Stopp - sofern sie die Reifen auf Temperatur halten können und das Safety-Car keine große Rolle spielt.

Fazit: Die Longruns sind etwas undurchsichtig, aber zeigen klar: Ferrari fährt nicht vorneweg, wie es das reine Trainingsergebnis glauben lässt. Mercedes ist im Longrun deutlich stärker als auf eine Runde. Der Abstand scheint für das Qualifying zu groß, allerdings machte Mercedes schon in China den größeren Schritt von Freitag auf Samstag. Ob aber sieben Zehntel aufzuholen sind? Eher nicht. Für das Rennen bleibt es aber spannend.


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