Formel 1

20 Jahre danach: Mika Häkkinens Meisterstück

Die Saison 1998 war geprägt vom schockierend schnellen McLaren MP4-13. Mika Häkkinen nutzte die Wunderwaffe für seinen Durchbruch an die Weltspitze.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - 20 Jahre danach: Die Saison 1998 war geprägt vom schockierend schnellen McLaren MP4-13. Sympathieträger Mika Häkkinen nutzte die Wunderwaffe für seinen Durchbruch an die Weltspitze. Ein nervenaufreibender Kampf mit Ferrari und Michael Schumacher führte ihn zum WM-Titel.

Mika Häkkinen ist die Nostalgie ins Gesicht geschrieben, wenn er beginnt über den McLaren MP4-13 zu sprechen. "Ich stelle dieses Auto normalerweise in Monaco in einem Restaurant aus. Vorher stand es lange Zeit in meiner Garage und staubte ein, aber ich dachte mir: Nein, das geht nicht." Der Dornröschenschlaf des Boliden war lange genug - und es gibt keinen besseren Zeitpunkt dafür: 20 Jahre nach dem Gewinn seines ersten WM-Titels gegen Michael Schumacher und Ferrari. Der Moment, der Mika endlich den Durchbruch in der Formel 1 bescherte. Der McLaren-Mercedes dieses Jahrgangs war ein regelrechter Schock für die Konkurrenz und Häkkinen erinnert sich genau, warum: "Egal welches Auto ich in meiner Vergangenheit gefahren bin, es gab mit jedem immer irgendein Problem. Sie waren nie perfekt. Aber dieses Auto war großartig."

Gleich beim Saisonauftakt im australischen Melbourne erteilten Häkkinen und Teamkollege David Coulthard ihren Gegnern eine Lektion. Im Qualifying fuhr das Duo in einer anderen Welt und sicherte sich die erste Startreihe mit sieben Zehnteln Vorsprung auf Schumacher. Im Rennen folgte ein ungefährdeter Doppelsieg, bei dem der Drittplatzierte Heinz-Harald Frentzen im Williams eine ganze Runde zurücklag. Und das, obwohl es bei Häkkinen ein Kommunikationsproblem gegeben hatte, aufgrund dessen er einmal unplanmäßig durch die Boxengasse fuhr. Coulthard hatte daraufhin die Führung übernommen, doch ein Gentlemen's Agreement zwischen den beiden Piloten sah vor, dass derjenige, der in der ersten Kurve vorne lag, das Rennen gewinnen sollte - und der hieß Häkkinen.

Coulthard hielt sich an die Vereinbarung und ließ Häkkinen kurz vor Schluss vorbei. Ohnehin schon von der Dominanz der McLaren-Boliden angesäuert, war diese Stallregie für die Konkurrenz und die Medien ein gefundenes Fressen, das Team unter Beschuss zu nehmen. Der Fall wanderte sogar bis vor den World Motorsport Council. Es gab zwar keine Strafe, doch wurde beschlossen, dass ein zukünftiges Eingreifen per Teamorder in den Wettbewerb mit aller Härte zu bestrafen sei. An der Unantastbarkeit McLarens änderte der Aufschrei zunächst nicht das Geringste. Beim zweiten Saisonrennen wiederholten Häkkinen und Coulthard den Doppelsieg, wenn auch mit nur einer Minute Vorsprung auf Michael Schumacher. Dafür stand das Team diesmal aufgrund des Fahrzeugkonzeptes unter Beschuss.

Der MP4-13 verfügte über ein Bremssystem, das es den Piloten erlaubte, die Bremsen an Vorder- und Hinterachse getrennt voneinander zu bedienen. McLaren willigte nach einem Protest ein, das System nicht mehr zu verwenden und fuhr die Gegner trotzdem weiter in Grund und Boden. Mit vier Siegen in sechs Rennen hatte Häkkinen nach Monaco bereits 17 Punkte Vorsprung auf Coulthard. Schumacher lag als Dritter weitere fünf Zähler zurück. Weder Ferrari noch das Weltmeisterteam der vergangenen beiden Jahre, Williams, fanden eine Antwort auf das wiedererstarkte McLaren, das erstmals seit 1991 wieder um die WM kämpfte. Die Gründe für den Aufschwung waren vielschichtig. Zwar hatte McLaren mit drei Siegen in der Saison 1997 bereits einen Aufwärtstrend gezeigt, doch dass sie die Formel 1 im Folgejahr derart im Griff haben würden, war nicht abzusehen.

Ein Grund dafür war, dass die Saison 1998 für die Formel 1 wie so oft das große Unbekannte bedeutete. Nachdem die Pace der Boliden 1997 erneut rapide angestiegen war, wurde das Technische Reglement von der FIA radikal beschnitten. Um einer weiteren Eskalation der Rundenzeiten einen Riegel vorzuschieben, hielten die unter dem Gesichtspunkt des technischen Fortschritts völlig absurden Rillenreifen Einzug, sowie eine Spurverringerung der Autos um 20 Zentimeter auf 1,80 Meter. Die Karten wurden für die Ingenieure auf diese Weise abermals neu gemischt. Ein gefundenes Fressen für McLarens damaliges Superhirn. "Der Designer dieses Autos war Adrian Newey", führt Häkkinen den Hauptgrund für den Erfolg des MP4-13 an. "Er ist ein Genie. Er hat immer großartige Autos designt und auch das, was er heute noch bei Red Bull leistet, ist einfach unglaublich." Mit dem MP4-13 knüpfte Newey dort an, wo er in den Jahren zuvor bei Williams aufgehört hatte - an der Weltspitze.

Doch genauso wenig wie die Formel 1 McLaren 1998 als Dominator auf dem Plan hatte, wurde mit Häkkinen gerechnet. Der Karriere des damals 30-Jährigen war drei Jahre zuvor um ein Haar ein jähes Ende gesetzt worden. Beim Saisonfinale in Adelaide verunfallte er im Qualifying schwer, zog sich einen Schädelbasisbruch sowie innere Blutungen zu. Nur durch einen Luftröhrenschnitt an Ort und Stelle gelang es den Ärzten, sein Leben zu retten. Wenige Monate später stand Häkkinen beim Auftakt 1996 in Melbourne wieder im Grid. Er kämpfte sich zurück, musste 1997 aber dennoch eine teaminterne Niederlage gegen Coulthard hinnehmen.

Entgegen aller Widerstände roch es 1998 plötzlich nach einem Alleingang Häkkinens, der Coulthard in jeder Beziehung im Griff hatte. Statt dem Teamkollegen bäumte sich dann jedoch völlig überraschend Ferrari gegen die silberne Demütigung auf. Schumacher gewann die auf Monaco folgenden Rennen in Kanada, Frankreich und Großbritannien. Letzteres unter kuriosen Umständen, als er zum Absitzen einer Stop-and-Go-Strafe erst in der letzten Runde die Boxengasse anfuhr und dabei die Ziellinie überquerte. Häkkinens Vorsprung auf den Deutschen war auf nur noch zwei Zähler zusammengeschrumpft. Die fetten Zeiten schienen vorbei, denn gegen den zu dieser Zeit unbestritten schnellsten Piloten der Formel 1 musste Häkkinen tiefer graben als je zuvor. Als beide im Jahr 1991 in der Formel 1 debütierten, hätten nicht wenige Häkkinen mindestens dieselben Fähigkeiten wie Schumacher zugesprochen.

Während Schumacher mit Benetton einen kometenhaften Aufstieg hinlegte, blieb Häkkinen im Lotus hinter seinen Möglichkeiten zurück. Nach einigen Achtungserfolgen für den Traditionsrennstall nahm Ron Dennis ihn 1993 bei McLaren unter seine Fittiche. Zunächst als Testfahrer, dann als Ersatz für den nach enttäuschenden Leistungen entlassenen Michael Andretti. Gleich beim ersten Auftritt für das Team in Portugal setzte der Fliegende Finne ein Ausrufezeichen, indem er Ayrton Senna, den unbestrittenen Meister des Qualifyings, am Samstag hinter sich ließ. Im WM-Kampf gegen Schumacher waren es genau diese Qualitäten, die Häkkinen fünf Jahre später voll ausspielen musste.

Die Rivalität zwischen Schumacher und Häkkinen reicht zurück bis zum Macau GP der Formel 3 im Jahr 1990. Damals lieferten sich die Nachwuchstalente beim prestigeträchtigen Stadtrennen ein knallhartes Duell um den Sieg, mit dem besseren Ausgang für Schumacher. In der Formel 1 debütierten beide 1991 in bescheidenen Verhältnissen, bevor sich ihre Wege 1998 im WM-Kampf wieder an der Spitze des Feldes kreuzten. Die darauffolgenden drei Jahre waren geprägt vom Kampf Schumacher vs. Häkkinen - selbst der Beinbruch des Deutschen 1999 in Silverstone änderte daran nichts.

Während zwischen Schumacher und Rivalen wie Damon Hill oder Jacques Villeneuve stets Animositäten herrschten, war das Verhältnis zu Häkkinen trotz der harten Kämpfe stets von Respekt geprägt. Selbst beim wohl denkwürdigsten Moment zwischen den beiden, 2000 in Spa-Francorchamps, gab es kein böses Blut. Schumacher hatte auf der Kemmel-Gerade seine Führung zunächst in bester Max-Verstappen-Manier verteidigt. Eine Runde später ging Häkkinen mit einem entschlossenen und heute legendären Manöver vorbei, als er die Überrundung von Ricardo Zonta nutzte um den Rekordweltmeister eiskalt auszutricksen.

Doch zurück zum ersten WM-Showdown zwischen den beiden Rivalen. Schumacher sicherte sich in Japan die Pole, doch dann kam vor dem Start der Schock: Zu Beginn der Einführungsrunde blieb der Ferrari F300 stehen. Schumacher musste das Feld von ganz hinten aufrollen, während Häkkinen an der Spitze zitterte, dass das Auto hält. Wenig später kommt ihm der Renngott ein zweites Mal zur Hilfe. Auf Platz drei angekommen ereilte Schumacher in der 31. Runde ein Reifenschaden. Häkkinen war erlöst, der erste Titel in diesem Moment sicher. Das Pech des Gegners hin oder her, Häkkinen weiß auch 20 Jahre später noch, wer ihm all das ermöglichte: "Dieses Auto war in Highspeed-Kurven einfach unglaublich. Es war so schnell und so gut ausbalanciert. Egal wie viel Einsatz du in der Kurve gezeigt hast, das Auto wollte einfach immer noch schneller und schneller werden. Es war brillant dieses Auto zu fahren."

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