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Formel 1 Japan 2018 Trainingsanalyse: Vettel im Tal der Tränen

Die Trainings zum Formel-1-Rennen in Suzuka waren eine Machtdemonstration von Mercedes. Hat Ferrari zumindest eine Chance im Renntrimm? Die Analyse.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Seit einer Woche fühlt man sich in die Jahre 2014 bis 2016 zurückversetzt. In Russland dominierte Mercedes derart, dass es stark an die Anfangsphase der Hybrid-Ära erinnerte. Und auch beim Japan GP 2018 (Qualifying-Startzeit 08:00, RTL überträgt live) sieht es beim Blick auf die Zeitenliste der Freitagstrainings so aus. WM-Leader Lewis Hamilton gibt in Suzuka bisher den Ton an.

Sebastian Vettel, der vor der schier unlösbaren Aufgabe steht, in den fünf noch verbleibenden Grands Prix 2018 50 Punkte aufholen zu müssen, erwies sich zwar auch zum Auftakt in Japan als erster Verfolger - aber als Verfolger holt man eben keine Punkte auf. Auf eine Runde verlor Vettel als Dritter bereits 0,833 Sekunden auf Hamilton.

Und trotzdem zeigte sich Vettel nach den Trainings verhältnismäßig gut gelaunt? "Es war für uns ein ganz guter Freitag", sagte der Ferrari-Pilot in die TV-Mikrofone. Gibt es da vielleicht doch noch etwas Hoffnung? War es nur Ferraris Freitags-Schwäche, die zu Saisonbeginn so oft zu beobachten war? War der Longrun vielleicht viel besser?

Formel 1 Japan: Vettel-Fans müssen stark sein

Ferrari-Fans müssen jetzt stark sein. Wenn Vettel am Freitag weit weg war, kletterte er meist unzufrieden aus seinem Boliden, war mit der Balance oder dem Rhythmus nicht zufrieden. In Suzuka keine Spur davon. Ferrari fehlt offenbar Speed, nicht die Balance.

Beim Versuch, den großen Rückstand zu erklären, verplapperte sich Vettel etwas. "Auf den Geraden", sagte er sofort, schickte dann aber noch hinterher: "Mit diesem großen Rückstand verlieren wir überall. Ein bisschen auf den Geraden, in den langsamen Ecken und im letzten Sektor. Es ist ziemlich gleichwertig verteilt, es gibt nicht die eine Kurve, die heraussticht."

Die Power ist ein sensibles Thema dieser Tage. Ferrari stand lange Zeit im Verdacht, mehr elektrische Energie als erlaubt genutzt zu haben. Seit Singapur hat die FIA einen zusätzlichen Sensor eingebaut, um den Stromfluss zu messen.

Der Blick auf die Sektorzeiten ist tatsächlich interessant. Im ersten Sektor verliert Vettel vier Zehntel auf Hamilton, im Mittelsektor sind beide fast gleichauf. Im letzten Sektor brummt Hamilton Vettel noch einmal fast vier Zehntel auf.

Sektor 1 Sektor 2 Sektor 3 Runde
Hamilton 30,981 39,977 17,259 1:28,217
Vettel 31,389 40,041 17,62 1:29,050
Differenz -0,408 -0,064 -0,361 -0,833

"Mein erster Sektor war nicht ganz optimal mit den frischen Supersofts", gesteht Vettel. Der erste Abschnitt besteht aus Start/Ziel, den Esses und der langgezogenen Dunlop-Kurve. Der Mittelsektor ist ein Mischmasch. Degner eins und zwei, Spitzkehre, Spoon-Kurve und Gerden.

Ferrari offenbar mit weniger Motor-Leistung

Der letzte Sektor besteht quasi nur aus Geraden und Schikane. Und er ist mit 17 Sekunden Fahrzeit mit Abstand der kürzeste Sektor. Hier sind fast vier Zehntelsekunden überproportional. Ist es die Leistung? Am Ende von Sektor zwei ist der Ferrari jedenfalls noch schneller. Räikkönen und Vettel wurden hier mit höherer Geschwindigkeit gemessen als Hamilton und Bottas. Sektor zwei endet 270 Meter vor 130R.

130R ist längst keine Kurve mehr, mit den modernen Formel-1-Autos geht die einstige Mutkurve locker vollgas. Aber sie ist ein guter Gradmesser. Denn die Geschwindigkeitsmessung befindet sich lediglich 70 Meter hinter ihr. Durch die Reibung der Kurvenfahrt wird hier noch mehr Motorleistung gefordert als auf der Geraden.

Während bei Ferrari die Geschwindigkeit bei der Durchfahrt drastisch sinkt, kann Mercedes die Geschwindigkeit fast halten. Sebastian Vettel fährt mit 313 km/h in die Kurve rein und kommt mit 304 km/h heraus. Lewis Hamilton hat am Eingang 309 Sachen auf dem Tacho, bei der Ausfahrt 307.

Fahrer Team Sektor 1 Sektor 2 Sektor 3 Max
Hamilton Mercedes 290 309 271 307
Bottas Mercedes 289 307 271 304
Vettel Ferrari 287 313 272 304
Räikkönen Ferrari 286 311 275 304
Verstappen Red Bull 284 305 266 298
Ricciardo Red Bull 279 302 265 292

Damit ist längst nicht bewiesen, dass Ferrari unter den neuen Sensoren leidet - über weite Strecken der Saison jedoch holte Ferrari viel Zeit auf den Geraden. Das mag auch noch an den Freitags-Einstellungen gelegen haben, doch das betrifft alle Hersteller in gewissem Maße. Pünktlich zu dieser kleinen Analyse bestätigte Ferrari-Teamchef Maurizio Arrivabene übrigens den zweiten Sensor - bestreitet aber zugleich, dass er etwas mit den Geschwindigkeiten zu tun hat.

Auf eine Runde scheint es also kaum Hoffnung bei Ferrari zu geben, aber dann zumindest im Rennen (Startzeit Japan GP 07:10 Uhr, RTL überträgt live)? Vettel klagte schon am Funk lautstark über Blistering seiner Soft-Reifen, später bestätigte er: "Wir strapazieren unsere Reifen stärker als die anderen." Auch hier scheint sich Sotschi zu wiederholen. Um Die Reifen am Leben zu erhalten, setzte Ferrari ab Samstag auf mehr Abtrieb.

Formel 1 Japan 2018, Longruns Supersoft

Fahrer Gefahren gegen Reifen-Alter Stint-Länge Durchschntl. Zeit
Hamilton Anfang 15 9 1:34,394
Bottas Anfang 16 8 1:34,978
Vettel Anfang 15 11 1:35,144
Ricciardo Anfang 13 7 1:35,181
Verstappen Anfang 16 6 1:35,201

Doch auch ohne Blistering sind die Longrun-Zeiten wenig erbaulich. Auf Supersoft ist Mercedes eine Macht. 0,75 Sekunden fuhr Lewis Hamilton im Dauerlauf schneller als Vettel. Vettel scheint sogar eher nach hinten schauen zu müssen. Daniel Ricciardo und Max Verstappen fuhren fast identische Zeiten wie der Ferrari-Pilot.

Auf den Soft-Reifen sehen Vettels Zeiten zumindest besser aus. Hier fehlen ihm nur noch 0,3 Sekunden auf Hamilton. Allerdings waren die Reifen am Ferrari eben schnell geblistert. Auf den Soft-Pneus rutschen die Boliden mehr, die Reifen überhitzen stärker. Wer es zu Beginn des Stints übertreibt, zahlt schnell den Preis dafür. In Russland musste das Hamilton erfahren, als er sich beim Überholmanöver gegen Vettel ein paar Blasen einfing.

Formel 1 Japan 2018, Longruns Soft

Fahrer Gefahren gegen Reifen-Alter Stint-Länge Durchschntl. Zeit
Hamilton Ende 16 7 1:33,482
Vettel Ende 17 7 1:33,771
Ricciardo Ende 14 8 1:33,889
Bottas Ende 14 6 1:34,018
Verstappen Ende 16 9 1:34,317
Räikkönen Mitte 24 14 1:35,196

Und Red Bull? Die hatten auf den Soft-Reifen etwas mehr zu kämpfen. Generell waren beide Bullen-Piloten nicht besonders zufrieden mit ihrem Freitag. Die Balance passte nicht, die Zeiten schon am Freitag - ohne ganz großen Motor-Nachteil - zu weit weg.

Red Bull setzt auf unterschiedliche Setups

Max Verstappen und Daniel Ricciardo testeten verschiedene Konfigurationen, der Niederländer ging auf weniger Abtrieb und hatte damit etwas mehr Erfolg als sein Teamkollege. In Rundenzeit ausgedrückt lagen beide etwas weniger als drei Zehntelsekunden auseinander, bei den Geschwindigkeiten trennen die beiden Welten.

Nach 103R wurde Verstappen immerhin noch mit 298 km/h geblitzt, bei Teamkollege Daniel Ricciardo waren es nur 292 km/h. So erklärt sich auch das ungewöhnliche Bild bei den Longruns - die sonst Verstappens Stärke sind. "Der Unterschied auf eine Runde schien nicht so gravierend, aber ich war auf den Longruns zufriedener", bestätigt Ricciardo.

Für Red Bull eine Enttäuschung, hatte man die Motorenstrafe doch auf Russland vorgezogen, weil man sich in Suzuka mehr erhofft hatte. Stattdessen scheint es nun andersrum. "Aber ich glaube, wir können Ferrari nahe kommen und sie im Rennen herausfordern", meint Verstappen. "Mercedes scheint im Moment aber zu weit weg zu sein."

Das klingt nach einer treffenden Zusammenfassung. Über Mercedes lässt sich an dieser Stelle kaum etwas schreiben. Lewis Hamilton verfiel nach diesem Japan-Auftakt sogar in Ekstase. Schon am Funk jubelte er. "Die Balance war ziemlich gut und ich konnte es richtiggehend genießen", erklärte er später. Selbst seine persönlichen Problemstellen des Vorjahres konnte er ausmerzen: "In diesen Kurven war ich sehr viel besser als je zuvor."

Motorsport-Magazin.com-Prognose: Was soll für Mercedes da noch schiefgehen? Das Wetter vielleicht. Am Samstag könnten die Regenschauer kommen, die eigentlich schon am Freitag erwartet wurden. Und am Sonntag sind deutlich höhere Temperaturen vorhergesagt. Das kann den Reifenabbau noch einmal durcheinanderwirbeln. Allerdings: Im Regen war Mercedes 2018 das stärkste Team, Lewis Hamilton der beste Fahrer. Die Hoffnungen auf einen spannenden Japan GP und damit einer spannende Weltmeisterschaft sind eher gering.


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