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Formel 1 Trainingsanalyse Sotschi: Ferrari noch hinter Red Bull

Mercedes gibt in Russland den Ton an. Ferrari strauchelt im Training - kommt Vettel am Samstag wieder zurück? Was sagen die Longruns? Die Trainings-Analyse.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Mit der Favoritenrolle ist es in der Formel-1-Saison 2018 so eine Sache. Eigentlich will sie niemand haben, weil am Ende ohnehin der andere gewinnt. Erst vor zwei Wochen wähnte sich Ferrari sogar selbst in der Favoritenrolle - und wurde schlussendlich von Mercedes und Red Bull geschlagen.

In Russland ist Mercedes der klare Favorit. Die Silberpfeile haben in Sotschi noch kein Rennen verloren. Die historische Siegesserie in Russland hält sogar seit 1913 an. 1913 und 1914 wurden Grands Prix in St. Petersburg ausgetragen. Doch nie war Toto Wolffs Lieblingszitat treffender: "Die Homeruns von gestern gewinnen das Spiel heute nicht."

Und trotzdem wurde Mercedes am Freitag der Favoritenrolle gerecht. Schon im ersten Training sah es gut aus, obwohl das Klassement das nicht unbedingt wiederspiegelte. Obwohl Lewis Hamilton am Ende von FP1 nur die Soft-Reifen aufzog, betrug sein Rückstand auf Sebastian Vettel, der seine Bestzeit auf Hypersoft gefahren war, lediglich drei Zehntel.

Im 2. Freien Training drehte Mercedes den Spieß gewaltig um: Auf den Hypersofts nahm Hamilton Vettel plötzlich mehr als eine halbe Sekunde ab. Auf den gleichen Reifen wohlgemerkt. Selbst die beiden Red Bulls waren schneller als die Ferraris. Und das auf der Power-Strecke von Sotschi.

Nicht einmal Red Bull selbst hatte damit gerechnet, auf dem Sochi Autodrom so konkurrenzfähig zu sein. Deshalb bauten die Bullen neue Motoren und Getriebe ein, weil eine Strafe ohnehin irgendwann fällig gewesen wäre. Auf den verbleibenden Strecken erhofft sich Red Bull mehr. Und dann stehen Max Verstappen und Daniel Ricciardo plötzlich auf den Plätzen drei und vier vor den beiden Ferrari-Piloten.

Red Bull nur mit Pflichtprogramm im Qualifying

"Wir hatten nicht erwartet, hier im FP2 Dritter zu sein", gibt auch Verstappen zu. Doch der Niederländer weiß auch: "Ich glaube, dass Ferrari über Nacht noch etwas findet." Es wäre nicht das erste Mal. Zumal der Qualifying-Modus Red Bull in der Regel ohnehin zerstört.

Diese Schmach werden sich die Bullen in Russland wahrscheinlich nicht einmal geben. Aufgrund der Strafen starten sie ohnehin hinten. Eine Zeit innerhalb von 107 Prozent im Q1 reicht. Dabei wird man es auch belassen.

Dabei ist allerdings noch nicht ganz klar, von welchen Plätzen Verstappen und Ricciardo aus ins Rennen gehen werden. Eigentlich wären es die Startplätze 17 und 18. Auch Fernando Alonso und die beiden Toro-Rosso-Piloten haben eine Strafversetzung. Die Startaufstellung richtet sich in diesem Fall nach dem Zeitpunkt, zu dem die neuen Teile die Boxengasse erstmals verlassen. In diesem Fall war der Alonso-McLaren vor Verstappen und Ricciardo und den Toro Rossos auf der Strecke.

Allerdings wechselt Red Bull an beiden Autos zusätzlich das Getriebe. Für diesen speziellen Fall gibt es aber keine Regel. Der Getriebewechsel kostet eigentlich noch einmal fünf Plätze. Ab 15 Plätzen Motoren-Strafe heißt es nur: Ans Ende der Startaufstellung. Wie sollen Fünf Startplätze mit 'ans Ende der Startaufstellung' verrechnet werden? Die FIA will die Entscheidung den Stewards überlassen.

Für Ferrari ist die Strafe jedenfalls eine gute Nachricht. Im schlechtesten Fall gibt es so einen Konkurrenten weniger. Schon in Singapur nahm Verstappen Vettel Punkte weg. Doch selbst ein Zweiter Platz wäre in der derzeitigen Situation ein herber Rückschlag. Vettel braucht Siege.

Vettel: Russland-Auftakt kein Nackenschlag

"Als Nackenschlag würde ich es aber nicht bezeichnen", sagte Vettel nach den Trainings. "So ist es freitags manchmal. Ich denke, für uns war es am Ende noch kein besonders sauberer Run." Doch Ferrari hat - Stand Freitag - zwei Baustellen. "Wir haben etwas mit der Pace auf eine Runde zu kämpfen aber auch auf den Longruns", musste Vettel selbst gestehen.

"Ich denke, wir haben unsere Reifen härter und schneller verschlissen als jedes andere Auto", so Vettel. Longrunzeiten auf Hypersoft gibt es allerdings nicht von Vettel. Der WM-Zweite drehte sich auf seinem Longrun früh. Vettel fuhr sofort an die Box und wechselte auf Ultrasoft. Der Dreher war allerdings schon ein deutliches Anzeichen von Verschleiß an der Hinterachse.

Die Hinterreifen werden in Sotschi besonders gefordert. 2018 speziell, weil die Hypersofts zum Einsatz kommen. In der Vergangenheit war Russland nicht dafür bekannt, besonders hart zu den Reifen zu sein. Im Gegenteil. Mit den Hypersoft ist die Sache anders.

Der Hypersoft hat gleich zwei Probleme: Leichtes Graining vorne rechts, starker Abbau auf der Hinterachse. Wer das eine in den Griff kriegen will, bekommt eher Probleme mit dem anderen. Die gute Nachricht für Ferrari: Mit dem Setup kann man hier viel korrigieren, nicht nur die DNS des Autos ist entscheidend.

Formel 1 Russland 2018, Longruns Hypersoft

Fahrer Gefahren gegen Stint-Länge Reifen-Alter Durchschntl. Zeit
Verstappen Ende 12 5 1:37,484
Ricciardo Ende 12 3 1:38,183
Hamilton Ende 14 5 1:39,354
Bottas Anfang 13 5 1:39,973
Räikkönen Anfang 13 5 1:41,949

Dass Vettel gar so pessimistisch war, hat wohl auch damit zu tun, dass er die Hypersofts mit vollem Tank fuhr. Die weichsten Pirelli-Pneus reagieren besonders sensibel auf Gewicht. Das zeigen die Longruns in Sotschi extrem. Bottas und Räikkönen fuhren ebenfalls zu Beginn ihrer Longruns auf Hypersoft. Die Autos waren schwerer, die Strecke etwas schlechter. Bei beiden brachen die Hypersofts extrem ein.

Bottas begann bei 1:38,5, fünf Runden später lagen seine Zeiten bei 1:41,2 Minuten. Räikkönen begann mit 1:40,0 und landete nach ebenfalls fünf Runden bei 1:42,8. Wobei Räikkönen nicht unbedingt als Maßstab dienen sollte, der Finne war den gesamten Freitag völlig von der Rolle.Vettel begann seinen Longrun, der mit Dreher endete, übrigens bei 1:39,2.

Mercedes und Ferrari: Auf Ultrasofts ins Q3

Hamilton und die beiden Red Bulls drehten zunächst auf Ultrasoft und erst später auf Hypersoft ihre Runden. Bei ihnen zeigte der Hypersoft deutlich weniger Abbau. Die Erkenntnisse sind besonders interessant, weil Ferrari und Mercedes nun wohl alles daran setzen werden, auf Ultrasoft ins Q3 zu kommen.

Wer auf Hypersoft startet, hat definitiv einen Nachteil. Das Unterfangen Q3 mit Ultrasoft ist in Sotschi deutlich realistischer als noch vor zwei Wochen in Singapur. Das Delta zwischen den Mischungen ist ob der Streckencharakteristik kleiner. Laut Pirelli trennen Ultrasoft und Hypersoft 0,8 Sekunden, der Unterschied zwischen Soft und Ultrasoft ist ähnlich.

Die Reifenstrategie wäre die halbe Miete für die Einstopp-Strategie. Dann könnte man im zweiten Stint sogar wählen, ob Soft oder Hypersoft. Pirelli rechnet damit, dass eine Einstopp-Strategie dann selbst mit Hypersoft möglich ist. Die Boxendurchfahrt kostet ob des 60-km/h-Limits besonders viel Zeit, Überholen ist in Russland traditionell schwer.

Formel 1 Russland 2018, Longruns Ultrasoft

Fahrer Gefahren gegen Stint-Länge Reifen-Alter Durchschntl. Zeit
Hamilton Anfang 21 12 1:39,600
Bottas Ende 20 14 1:39,820
Verstappen Anfang 15 12 1:40,142
Vettel Ende 21 12 1:40,366
Ricciardo Anfang 25 16 1:40,485

Aber wie sah es auf vergleichbaren Longruns zwischen Ferrari und Mercedes aus? Tatsächlich gibt es nicht besonders viele repräsentative Daten. Auch, weil Vettel seinen Ultrasoft-Longrun ob des Drehers vorzog und damit verlängerte. Aber wie man es dreht und wendet: Auch im Longrun fehlt Vettel eine halbe Sekunde auf einen vergleichbaren Run von Valtteri Bottas.

Die größte Überraschung ist aber Red Bull: Während auf den Ultrasofts, die relativ wenig Abbau zeigen, noch 0,5 Sekunden fehlen, kann der RB14 seine Stärken auf dem Hypersoft ausspielen. Verstappen und Ricciardo fuhren hier jeweils noch deutlich schneller als Hamilton. Red Bull hat 2018 Probleme damit, die Reifen auf Temperatur zu bringen - aber beim Abbau sind die Bullen stets top.

Mercedes wird also auch ein wenig durchatmen, dass die Red Bulls von hinten starten, auch wenn sie auf eine Runde so und so keine Gefahr sind. Doch was machte Mercedes so überlegen? Auf der einen Seite brachten die Silberpfeile neue Teile. Der Frontflügel wurde überarbeitet, der Unterboden ebenfalls. Dazu gab es einen komplett neuen Heckflügel samt neuen Befestigungen. Die zweiteiligen Befestigungen wurden allerdings am Nachmittag nicht mehr gefahren.

Das Fazit fällt aber positiv aus: "Wir haben einige aerodynamische Upgrades für das Auto dabei, die gut funktioniert und mehr Grip gebracht haben", verrät Bottas.

Hamilton findet Russland-Rhythmus, Bottas traut Ferrari nicht

Dazu hat Hamilton auch endlich seinen persönlichen Russland-Rhythmus gefunden: "Sotschi zählte in der Vergangenheit eher zu meinen schwächeren Strecken, besonders im vergangenen Jahr. Deshalb habe ich viel daran gearbeitet, die Balance zu verstehen und herauszufinden, wo ich mich verbessern und dies ändern kann. So gesehen war heute ein guter Tag."

So ganz trauen will man dem Braten bei Mercedes noch nicht. "Es scheint so, als ob Ferrari seine wahre Stärke noch nicht ganz gezeigt hat. Deshalb werden sie morgen wohl stärker sein. Ich glaube, dass es sehr eng zugehen wird", meint Bottas. Übrigens: Auch in Singapur sah Ferrari bis zum Qualifying noch nach dem haushohen Favoriten aus.


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