Formel 1

Formel 1, Silverstone-Geschichte: Schumachers kuriosester Sieg

Michael Schumacher holte 1998 in Silverstone seinen wohl ungewöhnlichsten Sieg in der F1. Ferrari umging auf kontroverse Art eine Bestrafung ihres Piloten.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Es war vielleicht der kurioseste Sieg in der Geschichte der Formel 1. In jedem Fall war es einer der kontroversesten Triumphe von Michael Schumacher. Beim Grand Prix von Großbritannien 1998 gewann der Rekordweltmeister das Rennen in der Boxengasse und drückte sich dabei vor einer Bestrafung durch die Rennleitung.

McLaren-Pilot Mika Häkkinen hatte die Saison mit dem übermächtigen MP4/13 vom Auftakt in Melbourne an dominiert. Auch beim neunten Rennen des Jahres in Silverstone stand der Finne wieder auf der Pole Position. Neben ihm stand Michael Schumacher, der sich in den Rennen zuvor überraschend als WM-Rivale herauskristallisiert hatte.

Schumacher hatte nach Anlaufschwierigkeiten mit dem Ferrari F300 die vor Silverstone ausgetragenen Rennen in Montreal und Magny-Cours gewonnen. Nachdem es im Qualifying trocken war, hatte ein Wolkenbruch die Rennstrecke am Sonntagvormittag unter Wasser gesetzt. Bedingungen, die Michael Schumacher wie gerufen kamen.

Bei Rennstart hatte der Regen zwar aufgehört, doch die Asphaltoberfläche war nach wie vor nass. Häkkinen verwandelte seine Pole Position in eine Führung und kontrollierte das Rennen. Die von Schumacher erwartete Offensive blieb aus. Ab der 16. Runde begann es erneut zu regnen. Häkkinen baute seine Führung bis auf 50 Sekunden aus.

Häkkinen dreht sich, Safety Car bringt Schumacher zurück ins Spiel

In der 42. von 60 Runden jedoch der Schock bei der McLaren-Crew. Häkkinen flog in der Bridge-Kurve bei hoher Geschwindigkeit ab. Der Finne legte eine 360-Grad-Drehung hin und fand über Kiesbett und Wiese den Weg zurück auf die Strecke. Häkkinen beschädigte sich dabei den Frontflügel und büßte zehn Sekunden ein.

Aufgrund weiterer Dreher und immer stärker werdendem Regen rief die Rennleitung eine Safety-Car-Phase aus. Häkkinens Führung war dahin. Als das Rennen in der 50. Runde wieder freigegeben wurde, war Schumacher in Schlagdistanz. Zwei Runden später machte Häkkinen den nächsten Fehler und der Ferrari-Pilot ging vorbei.

Häkkinen vermochte gegen Schumacher nichts mehr auszurichten und es schien so, als ob die Positionen an der Spitze in der Schlussphase bezogen waren. Zwei Runden vor dem Fallen der Zielflagge dann die nächste Wende in dem chaotischen Grand Prix. Die Rennleitung sprach eine Stop-and-Go-Strafe von zehn Sekunden gegen Schumacher aus.

Häkkinen leistete sich trotz üppiger Führung einen gravierenden Schnitzer - Foto: Sutton

Ferrari und Schumacher tricksen Regelhüter aus

Der Ferrari-Pilot hatte in der 43. Runde Alexander Wurz im Benetton während der Safety-Car-Phase überholt. Gemäß Reglement musste er seine Strafe innerhalb der nächsten drei Runden absitzen. Die Ferrari-Strategen rund um Superhirn Ross Brawn überstürzten nichts und holten Schumacher erst bei der letzten Möglichkeit rein - und damit in der allerletzten Runde. Hier begannen die Kuriositäten.

Schumacher bog nicht auf die Start- und Zielgeraden ein sondern fuhr stattdessen in die Box und saß seine 10-Sekunden-Strafe brav ab. Auf dem Weg zu seiner Ferrari-Crew hatte er in der Boxengasse die Ziellinie überquert und wurde dementsprechend als Sieger gewertet. Das hatte es in der Formel 1 noch nie gegeben und vor allem McLaren zeigte sich gar nicht begeistert von diesem Kniff der Scuderia.

Schumacher hatte seine Strafe nicht während des Rennens sondern erst danach abgesessen, womit faktisch keine Bestrafung stattgefunden hatte. Ferrari argumentierte jedoch damit, dass die Strafe innerhalb von 25 Minuten nach dem Zeitpunkt des Vergehens hätte ausgesprochen werden müssen, die FIA dies aber erst nach 31 Minuten machte.

Häkkinen verlor durch die Safety-Car-Phase seinen Vorsprung - Foto: Sutton

McLaren protestiert, FIA knickt komplett ein: Ferrari behält Skandal-Sieg

Außerdem monierten die Italiener, dass auf der handschriftlichen Notiz der Rennleitung, mit der die FIA Ferrari von der Strafe in Kenntnis gesetzt hatte, nicht eindeutig darüber informierte, ob eine Stop-and-Go-Strafe ausgesprochen wurde oder zehn Sekunden auf die Rennzeit Schumachers addiert werden sollten. Letzteres war als Strafe jedoch ausgeschlossen, da eine Zeitaddition nur bei einem Vergehen innerhalb der letzten zwölf Runden des Rennens ausgesprochen werden konnte.

Nach langem Hin und Her entschieden sich die Stewards tatsächlich dazu, die Strafe vollständig zurückzuziehen. McLaren Mercedes strengte zwar einen Protest an, in dem man Ferrari vorwarf die Strafe vorsätzlich mit Schumachers Stopp in der letzten Runde umgangen zu haben. Die FIA lehnte den Protest jedoch ab.

Schumacher rückte mit seinem Sieg in der Weltmeisterschaft auf zwei Punkte an Häkkinen heran. Für ihn und Ferrari hatte die Nummer also ausschließlich positive Folgen. Für die bei der Kontroverse involvierten Stewards war die Karriere danach vorbei. Alle drei mussten nach einem Sondermeeting des FIA World Council ihre Lizenzen abgeben.


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