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F1-Trainingsanalyse Bahrain: Mercedes langsamstes Top-Team?

Der Freitag der Formel 1 in Bahrain brachte viele Überraschungen. Hamilton nicht nur mit Strafe, sondern auch mit Pace-Problemen. Ferrari und Red Bull stark
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Ein komischer Auftakt zum Bahrain GP der Formel-1-Saison 2018: Nicht nur die Strafversetzung von Lewis Hamilton sorgte am Freitag für Aufregung, auch auf der Strecke gab es die ein oder andere Überraschung. Ein wenig trägt hier sicher die Tatsache dazu bei, dass mit FP2 nur eine der beiden Trainingssitzungen repräsentativ ist. Qualifying und Rennen finden unter Flutlicht statt, das erste Training noch unter der sengenden Hitze der Wüstensonne.

Als das Ergebnis nach 90 repräsentativen Minuten dann fix war, staunten viele nicht schlecht. Kimi Räikkönen vor Sebastian Vettel, beide Ferrari mehr als eine halbe Sekunde vor Mercedes. Weitere drei Zehntelsekunden dahinter dann die beiden Red Bulls, angeführt von Max Verstappen.

Bahrain: Mercedes findet zu wenig Zeit auf Supersoft

Das Mercedes-Problem scheint es einmal mehr zu sein, Zeit auf der weichsten Reifenmischung zu gewinnen. Pirellis Analysen ergaben, dass der Supersoft rund 0,6 Sekunden schneller ist als der Soft. Mercedes findet im Gegensatz zu anderen Teams diese Zeit nicht. "Aus Performance-Sicht war es nicht unser bester Tag", gestand Mercedes' Technik-Chef James Allison.

"Wir haben über Nacht und im Training morgen noch viel zu tun, um ein Auto zu haben, mit dem wir im Qualifying und am Sonntag mitkämpfen können", mahnt Allison. "Die Basis ist in Ordnung, aber wir haben noch nicht den Vorteil gefunden, den wir in Melbourne hatten."

Mercedes bei Longruns hinter Ferrari und Red Bull

Doch wie sieht es auf den Longruns aus? Im Gegensatz zu Melbourne spielt der Reifenverschleiß in Bahrain eine große Rolle. Es gilt, die Hinterreifen zu schonen, wo es nur geht. Pirelli rechnet mit einer Zweistopp-Strategie. Die ist rechnerisch am schnellsten.

Allerdings ist theoretisch auch eine Einstopp-Strategie möglich. "So lange wie Mercedes jetzt mit dem Supersoft gefahren ist, glaube ich, dass sie es probieren wollen", meinte Red Bulls Dr. Helmut Marko gegenüber Motorsport-Magazin.com.

Tatsächlich fuhr Mercedes die mit Abstand längsten Longruns auf den Supersofts. Während die Red Bulls weniger als zehn Runden auf der weichsten Mischung am Stück drehten, fuhr Bottas satte 18 Runden. Entsprechend schwer fällt deshalb auch die Beurteilung der Zeiten.

Formel 1 Bahrain 2018: Vettel-Sieg Nr. 2?: (04:17 Min.)

Den schnellsten Run fuhr Sebastian Vettel auf Supersoft. Allerdings fuhr er seinen Supersoft-Stint erst am Ende mit leerem Auto, während die Konkurrenz den roten Pirelli-Kleber gleich zu Beginn testete. Vettels Zeit ist deshalb außer Konkurrenz.

Fahrer Durchschntl. Zeit Reifenalter Stint-Länge
Vettel* 1:34,283 24 5
Verstappen 1:35,675 13 8
Ricciardo 1:35,702 13 7
Räikkönen 1:35,785 23 14 + Stopp
Hamilton 1:35,939 21 14
Bottas 1:36,082 24 18

*Vettel fuhr seinen Supersoft-Longrun erst am Ende der Session

Der beste Supersoft-Longrun geht somit an Max Verstappen. Acht Runden fuhr er mit 13 Runden jungen Supersofts und kam auf einen Schnitt von 1:35,7 Minuten. Damit war er nur wenige Tausendstel schneller als Teamkollege Daniel Ricciardo mit ähnlich frischen Reifen. Kimi Räikkönen im Ferrari fuhr immerhin 14 Runden, unterbrochen von einem Boxenbesuch. Er kam auf einen Schnitt von 1:35,8 Minuten.

Mercedes ist in dieser Wertung tatsächlich nur auf dem dritten Rang. Hamilton fuhr 14 Runden lang durchschnittlich 1:35,9 Minuten, Teamkollege Bottas war etwa eine Zehntel langsamer. Nur ist es nun schwierig, die längeren Stints in Relation zu setzen, denn seit langer Zeit zeigen die Pirelli-Pneus tatsächlich wieder einen Abbau. 0,2 Sekunden pro Runde sollen es sogar sein, die teilweise von den leichter werdenden Autos ausgeglichen werden.

Riskiert Red Bull in Bahrain den Soft-Reifen in Qualifying 2?

Auf den Soft-Reifen gibt es leider weniger repräsentative Daten. Bei Vettel genau das umgekehrte Bild: Er fuhr seinen Soft-Stint mit vollem Auto zu einem früheren Zeitpunkt. Logisch also, dass er deutlich langsamer war. Bei Mercedes splittete man die Strategie einmal mehr, Hamilton fuhr am Ende auf Medium, nur Bottas auf Soft. Bottas fuhr allerdings nur zwei schnelle Runden auf Soft, viel zu wenig also, um Schlüsse ziehen zu können.

Weil Kimi Räikkönen die Session wegen eines nicht richtig festgemachten Rades vorzeitig beenden musste, fällt auch der repräsentative Ferrari-Longrun auf Soft flach. Nur von Red Bull gibt es Daten zu Genüge. Die Runden, die Verstappen und Ricciardo auf Supersoft weniger fuhren, fuhren sie mehr auf dem Soft.

Vettels Supersoft-Reifen baut schnell ab

Manch einer vermutet, dass Red Bull wie schon in Australien versucht, mit den etwas härtere Reifen ins Q3 einzuziehen, um dann das Rennen auf Soft statt auf Supersoft starten zu können. Bei Pirelli zweifelt man daran, weil die Delta-Zeit zwischen den beiden weichsten Mischungen in Bahrain deutlich größer ist als noch in Australien. Fraglich, ob Red Bull das Risiko eingeht.

Obwohl Red Bulls Rückstand auf eine Runde mit neun Zehntel recht groß ausfiel, rechnet Dr. Helmut Marko mit einem Kampf gegen Ferrari im Qualifying. Mercedes hat er hingegen abgeschrieben: "Schauen wir mal, was der Party Mode diesmal bringt... ob man sich wieder so vergreift wie in Australien oder ob man es dezenter macht."

Nach dem Australien GP überraschte Marko mit der Aussage, im Rennen 'bei weitem' das schnellste Auto gehabt zu haben. Dass die Rennpace aber deutlich besser ist als die Qualifying-Performance, ist kein Geheimnis. Ferrari kann Marko aber noch nicht genau einschätzen: "Sie können ein paar sehr schnelle Runden fahren, aber dann bauen sie ab. Ich weiß außerdem nicht, ob sie so viel Benzin an Bord hatten."

Tatsächlich zeigt sich bei Vettels kurzem Run auf den Supersoft, dass der Ferrari-Pilot loslegen konnte wie die Feuerwehr. Allerdings brachen die Rundenzeiten schnell ein. Im Rennen erwarten die Experten aber ein anderes Bild, dort gibt es ein exakt berechnetes Profil, mit dem Benzin gespart wird und die Reifen gespart werden. Die Reifen werden so eingeteilt, dass über die gesamte Distanz die schnellste Gesamtzeit herauskommt.

Auch Vettel sieht Red Bull in Bahrain als direkten Konkurrenten: "Dass ihr Auto stark ist, hat man beim Test schon gesehen. Ich glaube, dass alle drei Teams hier eng beieinander liegen." Vettel war mit seinen eigenen Longruns zufrieden, hatte aber auch einige Probleme: "Es ist schwer, die Balance viele Runden hintereinander zu wahren. Die Reifen werden doch ziemlich heiß, man rutscht ein bisschen durch die Gegend. Es geht glaube ich jedem so."

Hamilton droht: Reifen so gut wie lange nicht

Nicht ganz. Überraschenderweise ist es Lewis Hamilton, der damit gut zurechtkam: "Die Reifen haben sich hier seit Jahren nicht so gut angefühlt wie heute. Sie waren sehr stabil und zeigten wenig Abbau." Ob das die unterbewusste Kampfansage des Weltmeisters ist, die das ganze Potential des Silberpfeils zeigt?

Red Bull ist sich jedenfalls sicher, dass man in Bahrain näher dran ist. "In Melbourne waren wir noch nie richtig gut. Hier gibt es zwar lange Geraden, aber dafür sind wir bei der Traktion gut", so Marko. "Wir verlieren gegenüber Mercedes nur in Kurve vier. Das sollte eigentlich nicht sein, weil es eine langsame Kurve ist. Hier haben wir noch Verbesserungsbedarf, aber in den restlichen Ecken sind wir im Longrun gleichauf."

Red Bull sieht sich deutlich konkurrenzfähiger, Ferrari überzeugt mit starken Rundenzeiten. Mercedes hadert noch und Lewis Hamilton muss fünf Plätze in der Startaufstellung nach hinten. Der Bahrain GP verspricht Spannung.


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