Formel 1 / Historisches

Tazio Nuvolari - Auf den Spuren einer Legende

Als Tazio Nuvolari seine Erfolge einfuhr, sprach noch niemand von der Formel 1. Dennoch war der fliegende Mantuaner einer der Größten.
von Tom Distler

Motorsport-Magazin.com - "The greatest of the past, the present and the future" – Ferdinand Porsche. Ein Satz, der wohl für jeden anderen Piloten eine Übertreibung wäre, gilt für den "fliegenden Mantuaner" auch heute noch. Die ersten Rennjahre im Motorsport waren Abenteuer, Wagnis und Leidenschaft zugleich. Tazio erlebte die "Goldenen Zeiten" nicht nur hautnah mit, er prägte sie auch. Viele Sagen ranken sich dabei um den Italiener, der mit dem Teufel einen Pakt geschlossen haben soll und dadurch unverwundbar geworden sein soll. Stellvertretend für unser Team Yesterday begab ich mich auf die Spuren einer Legende...

Meine Reise durch Norditalien begann am 14. September in Casteldario bei Mantua (15 km), wo am 16. November 1892 um 9 Uhr morgens Tazio Giorgio das Licht der Welt erblickte. Großvater Guiseppe Nuvolari (1826 – 1893) aus Roncoferraro ließ sich schon Mitte des neunzehnten Jahrhunderts dort nieder. Einer seiner Söhne hieß Arturo (1863 – 1938), der 1886 Emma Elisa Zorzi (1864 – 1943) aus Trento zur Frau nahm. Sie schenkte ihm drei Töchter (Artura / 1887 – 1978, Maria / 1890 – 1963, Carolina / 1898 – 1902) und zwei Söhne, wobei Arturo (1888), der ältere, bereits nach 3 Tagen verstarb. Die Familie galt als wohlhabend und bewirtschaftete einen Hof.

Tazio nach seinem Sieg beim Vanderbit Cup 1936. - Foto: Sutton

Tazio war ein lebhaftes Kind, liebte die Natur und den Rücken der Pferde. Vater Arturo und Onkel Guiseppe (1871 – 1962) versuchten sich erfolgreich im Radsport. Guiseppe Nuvolari gewann sogar zweimal die italienische Meisterschaft und auch im Ausland einige Rennen auf Rädern der Marke Bianchi, deren Vertretung (Auto, Motorräder) er in der Provinz Mantua inne hatte. Am 5. September 1904 sah Tazio in Brescia sein erstes Autorennen und war begeistert. So erlernte der schmächtige, aber schon damals zähe Junge das Automobilhandwerk und träumte von der neuen Welt voller Motorräder, Autos und Flugzeuge.

Hier hört man auch die ersten Geschichten vom "Bastler" Nuvolari, der wie Ikarus die Lüfte erobern wollte und glücklicherweise mit dem Schrecken davon kam. Es gab auch den "Hobbyrennfahrer" Nuvolari, der mit 23 Jahren die Motorradlizenz erwarb und bei jeder Gelegenheit über die staubigen Straßen von Casteldario knatterte. Im ersten Weltkrieg fuhr der gelernte Mechaniker dann Krankenwagen, Lastwagen und Autos mit Offizieren durch die Gegend, doch Motoren allein machten ihn nicht mehr glücklich. Er heiratete am 10. November 1917 in Mailand Rosa Carolina Perina (1894 – 1981), die ebenfalls aus Casteldario stammte und ihm am 4. September 1918 Sohn Giorgio schenkte. Tazio selbst war lange Zeit unentschlossen über seine berufliche Zukunft. Landwirt wie sein Vater oder doch den Wettkampf suchen?

Am 20.06.1920 debütierte er mit seinem Motorrad beim Rundrennen in Cremona, hatte aber keine Chance gegen die starke Konkurrenz, die auf Della Ferrera (Markenräder) unterwegs war und fiel aus. Der Respekt gegenüber den großen italienischen Motorrad-Stars war noch zu groß und so begab sich Tazio erst im März 1921 wieder auf die Piste, um seinen ersten Automobilwettkampf erfolgreich zu bestreiten. Auf Ansaldo 2000 gab es Gold bei einer Zuverlässigkeitsfahrt in Verona und am 22. Mai beim Gardasee – Rennen (Saldo) reichte es zum zweiten Platz in der Klasse bis 2000ccm. Es folgte der Durchbruch, und zwar am 15. Oktober mit Gesamtplatz 2 in Saldo (Startnummer 13), wo erneut ein Rennen am Gardasee stattfand, das vom Automobilclub Brescia organisiert wurde. Das Highlight seiner ersten Rennsaison war der Sieg bei der Motorradmeisterschaft im heimischen Mantua (Circuito di Belfiore) auf einer Harley Davidson 1000 und auch die Unentschlossenheit war wie weggeblasen. "Der Kampf mit den Konkurrenten, die Zuschauer, das ist was Neues. Ich glaube, das ist meine Welt. Jetzt kann ich endlich in meiner Sprache sprechen."

Tazio umrundet von Fans in Donington 1938. - Foto: Sutton

Tazio zog 1922 von Castel d'Ario nach Mantua, das als Halbinsel in der Seenlandschaft des Mincio liegt. In der wunderschönen Altstadt finden sich Kirchen und Paläste aus Mittelalter und Renaissance, die ihre Rolle als einstige Bischofsstadt und Residenz des ehrgeizigen Fürstengeschlechts der Gonzaga widerspiegeln. Das alljährliche Motorsport–Highlight ist der Gran Premio Tazio Nuvolari, ein Sportwagenrennen über 3 Tage (13. – 15. September 2002) durch die Straßen von Mantua, Maranello, Livorno, Firenze, Rimini, Ravenna, Ferrara und zurück. Die Sieger 2002 hießen Scalise / Claramunt in einem Aston Martin Le Mans aus den 50er Jahren. Ich konnte noch einige historische Fahrzeuge bewundern, die am Sonntag um Mittag wieder in Mantua eintrafen. Am Dienstag besuchte ich dann das "Museo Tazio Nuvolari". Hier wird die Karriere des "fliegenden Mantuaners" beschrieben, chronologisch abgebildet und durch einen Film von RAI abgerundet.

1923 fuhr Tazio bereits 26 nationale Motorradrennen und ein Automobilrennen im spanischen Barcelona (Sitges - Bahn), das aufgrund guter Kontakte mit Chiribiri zustande kam und mit Platz 5 endete. Der erste große Automobilsieg folgte am 13. April 1924 in Rapallo (Genua) auf Bianchi. Spektakulär und mit Überschlag begann das Rennen, Tazio brachte sein verbogenes Fahrzeug dennoch vor allen anderen Piloten ins Ziel. Volksport in Italien waren damals die Motorradrennen und der Meister (1924 / 1926) kam aus Mantua. Beim letzten Rennen knallte er in Führung liegend in die Mauer, fuhr weiter, und erreichte nach einer grandiosen Aufholjagd einen hart erkämpften vierten Platz und damit den Titel. 1926 raste Tazio noch mit seiner Bianchi 350, der legendären "Freccia Celeste" (hellblauer Pfeil) und gewann trotz drei ernsten Unfällen alle größeren Wettbewerbe. Ein Ausflug nach Stuttgart (Solitude, 16. Mai) endete im Krankenhaus. Tazio stürzte so schwer, dass er in seiner Heimat schon für Tod erklärt wurde. Doch der zähe Italiener erholte sich wieder!

Natürlich wurde auch Alfa Romeo auf das große Talent aufmerksam und lud Nuvolari im September zu Testfahrten nach Monza ein. Zu einer Verpflichtung kam es jedoch noch nicht. Fehlender Speed? Nein, Tazio wollte nach vorsichtigen Beginn den P2 auf Rekordkurs bringen, landete im Graben und bei Alfa Romeo für die nächsten Jahre im Abseits. Damit nicht genug, machten etwa Brüche und Verstauchungen einen Start beim GP der Nationen für Motorräder (ebenfalls Monza) am 14. September unmöglich? Von wegen! Da kennt man Tazio schlecht, der Mantuaner biss sich durch und gewann (wie 1926 – 1930) mit Gipsverband und Schienen gegen starke englische Konkurrenz. Die Presse überschlug sich mit Schlagzeilen und man sprach fortan nur noch vom "Fliegenden Mantuaner" oder vom "fliegenden Teufel aus Mantua", der sich 1926 endgültig zum Seriensieger entwickelt hatte.

Tazio nach dem Sieg der Tourist Trophy. - Foto: Sutton

1927 konzentrierte sich Tazio vermehrt auf den Automobilsport und feierte gleich zwei absolut überzeugende Siege in einem Bugatti 35 beim Gran Premio Reale di Roma und auf dem Circuit del Garda in Salo (Brescia). Sein dortiger Rennstil wurde als "powerslide" bekannt. Im Winter kaufte er 4 Bugattis 35 C und gründete in Mantua ein eigenes Rennteam mit seinen Freunden Cesare Pastore und Achille Varzi aus Galliate, dem er 2 Bugattis weiterverkaufte. Im März 1928 hatte Tazio doppelten Grund zum Feiern – Geburt von Alberto (zweiter Sohn) und gelungenes Debüt der "Scuderia Nuvolari" beim Grand Prix von Tripolis. Nach 3 Stunden und 20 Minuten raste ein beflügelter Vater als Erster durchs Ziel. Die Teamkollegen Varzi / Nuvolari duellierten sich mit ihren Bugattis heftig, aber immer mit fairen Mitteln, um weitere Siege in Verona (25. März), Allesandria (22. April, Circuit Pietro Bordino) und bei der Coppa Messina (13.Mai). Zusammen mit Amedeo Bignami dominierte der "fliegende Teufel von Mantua" auch die Mille Miglia bis Florenz, ehe technische Probleme auftauchten und die stärkeren Alfas vorbeizogen. Achille Varzi zog daraus seine Konsequenzen, erwarb ebenfalls einen schnelleren P2 (Alfa Romeo) und trennte sich von der "Scuderia Nuvolari". Tazio hatte nun viel weniger Geld zur Verfügung und konnte sich 1929 kaum mehr im Vorderfeld platzieren.

Heldentaten gab es natürlich auch weiter zu berichten, so lag ein Haus in Livorno auf der Kurveninnenseite, dessen Mauer Tazio Runde um Runde streifte, ehe ein fürchterlicher Abflug auf seiner Bianchi 350 folgte. Rippenbrüche, 8 Tage Krankenhaus, Brustkorsett und dennoch stand Tazio wieder auf der Piste, denn die Coppa Ciano stand auf dem Programm. Der "Teufelskerl" (Pressebericht) mischte trotz Schmerzen und technischer Probleme mit seinem Bugatti in der Spitzengruppe mit und wurde Vierter.

Der Wendepunkt kam 1930. Vittorio Jano hatte Tazio Nuvolari nicht vergessen und holte den "fliegenden Mantuaner" durch Mithilfe von Achille Varzi in seine Alfa-Mannschaft. Viele harte und spektakuläre Duelle mit Varzi wurden dabei zur Legende, so auch die Mille Miglia von 1930, das erste große Rennen der neuen Saison. Tazio zählte als frischgebackener Alfa-Pilot erstmals zu den Favoriten und gewann mit G. B. Guidotti (Beifahrer) das größte Sportwagenrennen Europas in neuer Rekordzeit. Ein Husarenritt, der hohe Wellen schlug. In Brescia startete der "fliegende Mantuaner" eine Minute hinter Varzi, der im identischen Alfa Romeo Tipo 6C - 1750 saß und sich nach langem Zwischenkampf in Rom absetzte. Den Sieg schon fast in der Tasche, raste Achille Varzi durch die Küstenstraßen der Adria zurück Richtung Brescia und wurde von Tazio, der in dieser Nacht alles aus seinem Alfa herausholte und sich mit ausgeschalteten Scheinwerfern heranpirschte, noch überrumpelt. In Italien entstand ein wahrer "Nuvolari – Mythos" und der verblüffte Varzi (Targa Florio - Sieger 1930) wechselte entnervt zu Maserati. Bei der Tourist Trophy in Belfast (Nordirland) eroberte Tazio durch seinen Sieg auch die Herzen der britischen Fans. Historisch wichtig ist auch der erste Sieg von Enzo Ferraris "Scuderia Ferrari" beim Bergrennen in Triest – Sieger Tazio Nuvolari im Alfa P2!

Tazio und sein Alfa Romeo aus dem Jahre 1933. - Foto: Sutton

Die Mille Miglia begann auch 1931 gut, Tazio führte die halbe Strecke bis Rom, doch ein Reifenschaden warf ihn weit hinter Sensationssieger Rudolf Caracciola auf Mercedes zurück. Beim Training zur Targa Florio überschlug sich der Alfa von Nuvolari/Campari (der als Beifahrer noch rechtzeitig abspringen konnte) mehrmals und stürzte 20 Meter in die Tiefe. Doch beide Piloten blieben wie durch ein Wunder unverletzt und Tazio konnte das Rennen nach über 9 Stunden anstrengender Fahrt ohne Zwischenfälle gewinnen. Ein Doppelsieg Nuvolari / Campari beim GP von Italien in Monza und der Sieg in Livorno (Coppa Ciano) folgten. Enzo Ferrari gab in Poretto (Heimstrecke bei Bologna) im neuen 2300er Alfa seine Abschiedsvorstellung gegen Tazio im alten 1750er Alfa, der prompt an einem Bahnübergang abflog. Sein langjähriger Mechaniker und Beifahrer Decimo Compagnoni befestigte das gebrochene Gasgestänge am Hosengurt und mit einem wahren Höllenritt jagte das Duo noch zum verdienten Sieg. Tazio mußte auch einige große Rennen nach technischen Defekten aufgeben, dennoch sah seine Zukunft rosig aus. Ein Duell Flugzeug / Automobil rundete am 8. Dezember in Rom die Saison ab.

Der "fliegende Teufel aus Mantua" war Mittelpunkt des sportlichen Lebens in Italien und ein bewunderter Spitzenmann in Europa. Kurzum, der stille Bauernsohn aus der Provinz kam allerorts an. Er war ein lieber Familienvater, volksnah, bescheiden, hatte viel Mut und konnte wie ein Berserker am Lenkrad kämpfen. Einladungen, Empfänge und Ehrungen wechselten sich ab. Ich möchte hierbei den Besuch am Gardasee beim berühmten Dichter Gabriele d` Annunzios erwähnen, der Tazio eine goldene Schildkröte widmete, die fortan den traditionellen gelben Pullover (mit Halstuch in den italienischen National-Farben), den Briefkopf und das Privatflugzeug zierte – sein Symbol. Ein Foto vor Alfas neuem P3 erinnert an das Treffen mit Mussolini in Rom. Guiseppe "El Negher" Campari lud seine Kollegen alljährlich zum traditionellen Mailänder Bankett ein. Man feierte mit gutem Essen, reichlich Wein und genoß die Arien, die der Hausherr vortrug.

Tazio war auf seinem sportlichen Höhepunkt, räumte 1932 und 1933 (jeweils inoffizieller Europameister) nahezu alle Titel ab und brachte auch die letzten Kritiker, die seine hohe Ausfallquote der rabiaten Fahrweise zuschrieben, zum Schweigen. Aber der Reihe nach. Tazio, Giuseppe Campari und Mario Borzacchini unterschrieben einen neuen Vertrag bei Alfa und wurden von der Presse schon als "Die 3 Musketiere" betitelt. Wie das Leben so spielt, bemühte sich der sportliche Leiter Giovannini noch um ein viertes Musketier im Bunde. Rudolf Caracciola unterschrieb in Arosa (Schweiz) ebenfalls für das Team von Alfa, deren Rennwagen vierblättrige Kleeblätter zierten. Während heute ein GP nur noch gute 90 Minuten dauert, wurde damals die Mindestgrenze erst von 10 Stunden auf 5 Stunden herabgesetzt.

Der fliegende Mantuaner in seinem Element. - Foto: Sutton

Saisonauftakt – Borzacchini / Bignami gewannen die Mille Miglia, doch wo war Tazio? Der genehmigte sich mit Achille Varzi (Bugatti) nach langem Zweikampf und Doppelausfall in Poggibonsi ein paar Becher Chianti. In Monaco (erste Auflage) dominierten Nuvolari und Caracciola, der 3 Sekunden hinter dem Italiener das Ziel durchfuhr. Sein Siegeszug ging weiter bei der Targa Florio (Streckenrekord bis 1952!), beim GP Italien und beim GP Frankreich. Nur am Nürburgring verlängerte Alfa den Boxenhalt vom verärgerten Nuvolari, damit Rudolf Caracciola zum Sieg vor eigenem Publikum kam. Italien feierte den Mann des Jahres, der 9 bedeutende Siege errang, sowie 2 zweite und 3 dritte Plätze bei nur einem Ausfall einfuhr. Der Mantuaner bekam den Kosenamen "Nivola".

Trotz aller Erfolge plante die Rennabteilung von Alfa Romeo den Abschied, worauf sich Enzo Ferrari 1933 in Sankt Damaso mit Mario Borzacchini und Tazio Nuvolari verbündete. Ein "springendes Pferd" schmückte fortan die roten Renner (Alfa Romeo 8 C 2300 Spyder, Alfa Romeo 8 C 2300 Le Mans, Alfa Romeo 8 C 2600 Monza), die erneut bei der Mille Miglia dominierten. Nuvolari / Compagnoni setzten sich nach taktischer Meisterleistung in Rom von Borzacchini im zweiten Alfa ab und siegten mit 27 Minuten Vorsprung. Der Zweikampf über 99 von 100 Runden in Monaco ging in die Geschichte ein. Nuvolari hatte Motorschaden und Varzi gewann, am darauffolgenden Sonntag in Alessandria war allerdings der "fliegende Mantuaner" wieder vorne. In Tripolis "zahlten" sich Nuvolaris Anstrengungen, das Rennen nicht zu gewinnen, vermutlich aus. Viel wurde bereits über den Skandal oder die Legende von Tripolis geschrieben, so möchte ich hier nur den Sieg von Achille Varzi erwähnen und auf unser Forum Yesterday verweisen. Der Sieg mit Raymond Sommer bei den 24 Stunden von Le Mans ragte noch heraus, dennoch gingen Enzo Ferrari und Tazio Nuvolari (Privatfahrer) wieder getrennte Wege.

Die Hinterachse des Alfa Romeo war sehr anfällig und so kaufte sich Nuvolari einen Maserati 8 CM, der zwar schlecht auf der Straße lag, aber in großer Eile mit seinem Mechaniker Decimo Compagnoni für den GP von Belgien (9. Juli) umgebaut wurde. Ohne Training (mit Besichtigungsrunde) ging der "fliegende Mantuaner" als 33. und letzter in Spa an den Start und lag nach der ersten Runde 20 Sekunden vor dem gesamten Feld - auf Platz 1 – bis ins Ziel. Wie war das möglich? Eine Meisterleistung für die Geschichtsbücher! Er gewann noch die Coppa Ciano, den Grand Prix von Nizza und in einem kleinen MG Magnette K3 (eine echte Herausforderung) die Tourist –Trophy.

Nuvolari, Müller, von Brauchitsch und Kautz. - Foto: Sutton

In Monza 1933 fand auch ein Radrennen statt – Wette um ein Nachtessen. Nuvolari gegen Campari, der Tazio als zu schmächtig für den Fahrradsattel bezeichnet hatte, selbst aber nur durch Helfer aufsteigen konnte und in der letzten Runde vom "fliegenden Mantuaner" abgehängt wurde. Der GP hingegen erlangte als "Tragödie von Monza" traurige Berühmtheit. Es verunglücken seine Freunde Mario Borzacchini, Peppino Campari und Graf Czaikowski tödlich – drei absolute Spitzenfahrer, drei Altmeister. Auch Ascari, Bordino, Materassi, Brilli – Peri und Arcangeli hatten in den letzten Jahren den Tod gefunden. Die letzten der alten Garde waren gegangen, Tazio blieb allein zurück. Beim Regenrennen 14 Tage später in San Sebastian (GP Spanien) hatte auch Nuvolari einen schweren Abflug, den er wie durch ein Wunder überlebte.

Als 1934 die neue 750 Kilogramm – Formel kam, kam damit auch die Dominanz von Mercedes und Auto Union. Doch Nuvolari wollte diese Entwicklung nicht wahr haben, lehnte gute Angebote ab und blieb Einzelkämpfer unter italienischer Flagge. Am 22. April in Alessandria mußte sein Schutzengel erneut Schwerstarbeit leisten. Der Maserati 8 CM knallte gegen einem Baum und Tazio zog sich schwere Beinbrüche zu. Doch der "fliegende Teufel von Mantua" pausierte nur einen Monat und kam mit Krücken (linkes Bein in einer Gußform) zum Rennen auf der Berliner Avus, hielt durch und wurde Fünfter! Viele Ausfälle, hart erkämpfte Plazierungen (Bugatti 59, Maserati 6C34, private Alfas) und nur noch 2 Siege in Modena und Neapel standen zu Buche. Tazio Nuvolari war 42 und wurde abgeschrieben - unterschrieb aber erneut bei Enzo Ferrari und begann wieder regelmäßig zu siegen.

Die Mille Miglia 1935 verlor er noch auf Trockenreifen gegen Achille Varzi (beide Scuderia Ferrari) nach Führung im Regen, es blieb dennoch Platz 2. Die Siege in Pau, Bergamo, Biella (Vercelli) und Turino im veränderten P 3 errang er noch ohne die starken Deutschen, doch am 28. Juli auf dem Nürburgring (Grand Prix) wurde Geschichte geschrieben – Rot besiegte Silber! Nuvolari fuhr eines seiner besten Rennen. Er mischte im veralterten Alfa an der Spitze mit und lag auch nach verpatzten Boxenstopp noch gut im Rennen, verlangte sich alles ab, überholte einige Konkurrenten und holte auch auf den führenden Manfred von Brauchitsch Meter um Meter auf. Ein Reifendefekt am Mercedes entschied die Schlacht (in der letzten Runde) endgültig zugunsten des Italieners. Waren die Silberpfeile mal nicht am Start, hatte Nivola weiter leichtes Spiel, siegte bei der Coppa Ciano, Nizza, Modena und stellte am 15. Juni zwei neue Geschwindigkeitsweltrekorde (fliegender Kilometer, Meile) auf.

Nuvolari am Nürburgring 1939. - Foto: Sutton

Der Kampf von Nuvolari gegen Silber prägte auch die Saison 1936. Das neue Jahr brachte neue Siege, aber auch die Unfallserie ging weiter. Beim Training zum GP Tripolis 1936 (8.Mai) überschlug sich Nuvolari mit seinem Alfa, wurde aus dem Wrack geschleudert und erlitt Rückenverletzungen, dennoch hinkte er mit schmerzverzerrten Gesicht an den Start – Platz 8. Im Juni besiegte ein "fliegende Mantuaner" in Topform Silber reihenweise – Barcelona (3 Sekunden vor Caracciola), Budapest (erster GP in Ungarn vor Rosemeyer) und Mailand, was natürlich eine Sensation im Alfa Romeo Tipo 12 C - 36 war ! Unvergessen blieben auch die Duelle mit Bernd bei Coppa Ciano (Sieg trotz Schaden an der Hinterachse), die Nebelschlacht in der Eifel und beim GP von Italien (jeweils Platz 2). Siege in Modena und beim Vanderbilt Cup (New York, Roosevelt Field) rundeten eine erfolgreiche Saison ab.

Einen schweren Schicksalsschlag mußte Tazio 1937 hinnehmen. Sein Sohn Giorgio (18), der ebenfalls eine Rennkarriere starten wollte, erkrankte schwer und verstarb am 26 Juni. Tazio weilte auf Wunsch seines Sohnes im Schiff Richtung Amerika und wollte den Vorjahressieg in New York wiederholen. Es wurde eine Reise ohne Happy End – Telegramm aus der Heimat und Platz 5. Es gewann Rosemeyer, den er sehr schätzte und bei dessen Sohn Bernd jr. er Taufpate wurde. Die deutschen Autos dominierten nach belieben. Tazio nahm nur an 9 Rennen im Alfa Romeo teil, gewann in Mailand (20. Juni) und startete in Bern (22. August) einen Auto Union Typ C, den er im Rennen an Bernd übergab. Eine Geste, die auch Elly Beinhorn in ihrem Buch "Mein Mann – der Rennfahrer" erwähnte. Erwähnen möchte ich noch den Überschlag in Turin (Krankenhaus, Pause) am 12. April und das Masarykrennen am 26. September, bei dem der "fliegende Mantuaner" einen Reifen verlor und mit 3 Rädern auf Platz 5 durchs Ziel jagte. Das Werk von Auto Union hatte ihn beeindruckt, doch als am 28. Januar 1938 auch Bernd tödlich verunglückte, wurde es still um Tazio, er alterte in diesen schweren Monaten um Jahre....

In Pau startete Tazio nochmals einen Alfa, der im Training bei voller Fahrt Feuer fing, brennend warf er sich mit letzter Kraft aus dem Sitz und landete mit Brandwunden und Quetschungen wieder im Krankenhaus. Mit den Worten "Es gibt nichts Schrecklicheres, lieber 10 Stürze, als ein solches Feuer" dokumentierte Tazio den Unfall. Familie Nuvolari tauchte unter, verschwand für Monate nach Amerika. Alte Freunde wurden besucht und ein paar Testmeilen in Indianapolis zurückgelegt. Ein Angebot für das Indy 500 schlug der "Fliegende Mantuaner" aber aus.

Ein Andenken an Tazio Nuvolaris legendären Sieg in Doninfton. - Foto: Sutton

Die Saison 1938 war bereits weit fortgeschritten und Auto Union konnte sich nicht mehr gegen Mercedes behaupten. Tazio dachte an Bernd, kehrte im Juli zurück - unterschrieb einen Vertrag bei den Deutschen und gewann im schwer zu fahrenden Mittelmotorwagen die letzten beiden Saisonrennen in Monza (Grand Prix) und Donington. Dort rammte er einen Hirsch im Training und fuhr ein typisches Rennen – Führung, Technische Probleme, Kampf, Aufholjagd, Sieg. Er steuerte den Auto Union Typ D auch 1939 bei 6 Rennen, gewann dabei das letzte Rennen vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges am 8. September in Belgrad und beendete damit eine Ära. Es schien auch seine eigene Karriere endgültig beendet, die Gesundheit war angegriffen und besonders die Beschwerden in der Brust machten zu schaffen.

Am 11.April 1946 verstarb auch sein zweiter Sohn Alberto (18) an einer Nierenentzündung und dieser erneute Schicksalsschlag trieb den 54jährigen Nuvolari wieder auf die Piste. Irgendwie fand er im Rennsport die Kraft und die einzig verbliebene Erfüllung im Leben, um seinen großen Schmerz etwas zu lindern. In einem Maserati 4 CL und in einem FIAT 1100 fuhr er die ersten Rennen noch ohne Erfolg, doch beim Gran Premio am 14. Juli in Albi (Frankreich) folgte ein großer Sieg. Auch die Coppa Brezzi in Turin führte Tazio in einem Cisitalia D 46 an, bis er plötzlich das abgelöste Lenkrad aus dem Wagen hielt – eine längere Reparatur und Platz 13. Dieser Bericht (inklusive Foto) ging natürlich um die Welt und trug zur Beliebtheit und zum Mythos bei. Im Gedenken an seine Söhne schrieb der AC Mantua am 6 10. 46 die Coppa Giorgio e Alberto Nuvolari aus. Tazio startete im Cisitalia, gewann seine Klasse und wurde Zweiter der Gesamtwertung.

1947 und kein Ende. Das "Ledergesicht von Mantua" machte den Jungen immer noch zu schaffen. Er ließ sich weiter in den Strudel der Motorenschlachten hineintreiben um zu vergessen...und um zu sterben!

Sogar die Mille Miglia dominierte Nuvolari (Beifahrer Carena) mit dem Cisitalia Tipo 202 MM gegen die stärkeren Alfas, er führte in Rom, in Florenz, in Bolognia (9 Minuten) in Asti (6 Minuten), doch ein technischer Defekt warf den wie besessen kämpfenden Mantuaner 15 Minuten zurück auf Platz 2, es reichte aber zu Platz 1 in der Klasse bis 1100cc. Das ungeschriebene Gesetz "Wer in Rom führt, kann die Mille Miglia nicht gewinnen" traf auch mehrmals auf Tazio zu. Doch Siege in Forli (6. Juli) und Parma (13. Juli) folgen, aber der Gesundheitszustand verschlechterte sich weiter - Atemnot, Blutstürze. Doch Tazio fuhr noch einige Rennen ehe er sich Ruhe gönnte.

Rob Hall fährt Tazio Nuvolaris Auto Union D in Donington. - Foto: Sutton

Eines der Rennen war die Mille Miglia 1948 – absolut legendär. Tazio Nuvolari begeisterte nochmals Millionen seiner Landsleute. Er kämpfte in einem Ferrari 166 S fast das komplette Rennen um den Sieg, gegen seine Krankheit und gegen einen Wagen, der sich in seine Einzelteile auflöste. Als der Federbolzen brach, brach auch Nuvolari – noch immer im Wagen – zusammen. Hierzu ist ein ausführlicher Bericht im Forum Yesterday zu finden. Er machte noch einige Versuche, doch starke Schmerzen ließen ihn nur wenige Runden durchhalten. Nuvolari war verbittert, fieberte weiterhin den Rennen nach. Sein Leben wurde zu einer einzigen Tragik Bis 1950 folgten noch 7 Rennen, das letzte seiner Karriere war das Pellegrino – Bergrennen in Palermo am 10.April. Tazio verbuchte im Cisitalia Abarth Tipo 204 A einen Klassensieg und trat endgültig ab. Er nahm sein Schicksal endlich an und besuchte nochmals Monza, um sich bei seinen verbliebenen Freunden und Rivalen zu verabschieden. Am 12.08.53 verstarb Tazio, alt, grau und gezeichnet durch einen schwere Krankheit im eigenen Bett (Mantua).

Der Trauerzug führte über die Viale Rimembranze zur Kirche Sankt Andrea, dessen Portal den Schriftzug "Auf den Straßen des Himmels wirst du noch schneller sein" zierte. Die Straßen waren voll. Freunde aus ganz Europa kamen. Darunter seine Mechaniker, Fangio, Villoresi und Ascari. Am Stadtrand von Mantua wurde Tazio Nuvolari dann beerdigt.

Ich hatte am Dienstag noch Gelegenheit die Wohnhäuser, die Straße, den Friedhof und die Büste zu besichtigen. Dann endete meine Zeitreise durch die Welt des "Fliegenden Mantuaners". Wer könnte den History – Report nun besser abrunden, als zwei ehemalige Rennfahrer, die Tazio noch gekannt haben?

Hans Stuck (Buch Rico Steinemann): "Nuvolari liebte sein Vaterland, wollte Siege für Italien und auf italienischen Wagen erringen. Er war ein zurückhaltender Mensch, der sich nur schwer an jemanden anschloß. Als Freund war er treu und zuverlässig, als Sportler hart und unerbittlich, im Kampf mit seinen Gegnern aber trotzdem immer fair."

Kurt Adolff (im Gespräch): "Ich sehe noch immer sein sportlich - karges Gesicht, er war ein sehr angenehmer stiller Mensch. Seine große Zeit hatte er, bevor Mercedes und Auto Union alles gewannen. Er fuhr dann verschiedene Rennen für Auto Union, doch der Heckmotorwagen lag ihm nicht mehr sehr und dann wurde es still um ihn."

Anhang, Statistik:

Rennen: 280 (Motorrad 77, Auto 203)
Siege: 108 (Motorrad 38, Auto 70)
Erfolge: Ital. Automobilmeister 32/35/36, Ital. Motorradmeister 24/26, Europameister 32/33

Anhang, Bücher:

Renato Tassinari "Tazio Nuvolari, ricordi di vita rapida" (1930)
Carlo Brighenti "Varzi o Nuvolari ?" (1931)
Sergio Busi "Nuvolari"
Francesco Carli "I campioni del giorno: Nuvolari" (1933)
Lamberto Artioli "Galleria dei Campioni: Nuvolari" (1956)
Giovanni Lurani Cernuschi "Nuvolari" (1959)
Rico Steinemann "Nuvolari" (1967)
Cesare de Agostini "L`antileggenda di Nuvolari" (1972)
Aldo Santini "Nuvolari" (1983)
Cesare de Agostini "Tazio vivo" (1987
) Indro Montanelli "Incontri: Tazio Nuvolari"
Filippo e Fabio Raffaelli "Nuvolari, il romanzo del Centenario" (1991)
Valerio Moretti "Quando corre Nuvolari" (1992)


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