Formel 1

Formel-1-Zeugnis: Brawn, Carey & Liberty in der Kritik

2017 war das erste Formel-1-Jahr einer neuen Ära: Ohne Bernie Ecclestone, dafür mit Ross Brawn, Chase Carey und Liberty Media. Wie schlugen sich die Neuen?
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Die Formel 1 ist ein Haifischbecken. Diese Binsenweisheit musste 2017 auch Bernie Ecclestone selbst lernen. CVC verkaufte die Königsklasse Ende 2016 an Liberty Media - die Ecclestone prompt zum Ehrenpräsidenten degradierten.

In den ersten 20 Teilen des MSM-Adventskalenders mussten sich die Formel-1-Piloten des Jahrgangs 2017 unserer Kritik unterziehen. Weil es unfair wäre, Jenson Button, Antonio Giovinazzi, Pierre Gasly und Brendon Hartley nach ihren Kurzeinsätzen zu bewerten, haben wir uns für die letzten vier Türchen etwas Spezielles einfallen lassen. Tag 21 bringt uns zu Liberty Media: Wie haben sich Ross Brawn, Chase Carey und Co. geschlagen?

Auf den ersten Blick lief die Premieren-Saison für Liberty Media richtig gut: Nach drei Jahren Mercedes-Dominanz mischte plötzlich Ferrari im Fight um den Weltmeistertitel mit. Dazu zeigten sich die Piloten durch die Bank mit ihren neuen Arbeitsgeräten deutlich zufriedener. Die TV-Zuschauer stiegen, wieder mehr Leute besuchten die Rennen vor Ort. Insgesamt kamen 328.247 Fans mehr.

Liberty profitiert 2017 von Regeländerungen der Formel 1

Doch all diese positiven Entwicklungen darf sich Liberty Media nicht selbst auf die Fahnen schreiben. Das Reglement für die spektakuläreren Autos stand schon längst, als Liberty übernahm. Dass plötzlich Ferrari um den Titel kämpfte, hat mit vielen Faktoren zu tun, aber nicht mit Liberty. Die steigenden Zahlen sind vor allem auf die ersten beiden Faktoren zurückzuführen.

Doch was hat Liberty in Jahr eins nach Bernie Ecclestone gemacht? Tatsächlich waren und sind die Mittel des neuen Eigentümers beschränkt. Gleich zu Beginn gab es aber schon ein großes Signal: Mit Chase Carey, Ross Brawn und Sean Bratches wurde ein Triumvirat installiert. Brawn ist der Spezialist für alle sportliche und technische Belange, Bratches für das Marketing. Die Zeiten eines Alleinherrschers sind vorbei.

Dem ein oder anderen war es etwas zu viel Show beim US GP - Foto: LAT Images

In Bratches' Geschäftsfeld konnte sofort losgelegt werden. Die Social-Media-Präsenz wuchs schnell und produziert guten Content. Die TV-Übertragungen wurden etwas aufgepeppt, von vielen wurden Regie und Kameraführung gelobt. Dazu erhielten die Rennen vor Ort etwas Event-Charakter. Dem ein oder anderen war es beim US GP in Austin etwas zu viel, doch das Show-Prinzip steht der Formel 1 insgesamt gut.

Allerdings waren nicht alle Aktionen von Erfolg gekrönt: Das neue Logo kommt bei den Fans alles andere als gut an und zudem mussten TV-Zuschauer lange um ihre Übertragung zittern. In Deutschland war lange unklar, ob die Formel 1 2018 überhaupt übertragen wird und wenn ja, von wem. Inzwischen hat zumindest RTL seinen Vertrag verlängert, Sky ist allerdings weiter offen.

Negativ fiel auch auf, dass ständig neue Rennen im Gespräch sind, bislang aber noch nichts Handfestes herausgekommen ist. Große Geldgeschenke bei den Antrittsgebühren für Traditionsrennstrecken gibt es bislang auch nicht - was nicht zu erwarten war, aber von einigen erwartet wurde. Der Kalender ist schließlich beschränkt und wer da rein will, muss entsprechend dafür zahlen - der Markt ist da. Dass Liberty aber schon von 25 Saisonrennen sprach, kam bei niemandem gut an. Man kann nur hoffen, dass es bei der Drohung bleibt.

Technik und Finanzen bis 2020 in der Formel 1 eingefroren

Auf sportlicher und kommerzieller Seite sind Liberty die Hände gebunden. Aus verschiedenen Gründen: Das Motoren-Reglement läuft auf jeden Fall noch bis einschließlich 2020. Beim Chassis gab es erst die große Revolution. Zudem sind Regeln eigentlich nicht Sache des kommerziellen Rechteinhabers, sondern der FIA.

Trotzdem muss man Ross Brawn hier bislang ein gutes Zeugnis ausstellen. Der Brite ist zurückhalten und geht analytisch an die Sache heran. Er stellte sich im Hintergrund ein Expertenteam zusammen, um von den Analysen der Teams unabhängig zu sein.

Auch die zahlreichen Treffen der Motorengruppe zeigen eine neue Zusammenarbeit zwischen FIA, Hersteller und dem kommerziellen Rechteinhaber. Es wird versucht, den für Sport und Hersteller besten Kompromiss zu finden.

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Bei den kommerziellen Verträgen gilt es, jetzt schon erste Gespräche für die Zeit nach dem Ablauf der Concorde-Verträge 2020 zu führen. Liberty will das Geld gerechter verteilen, um die Schere zwischen Arm und Reich zu schließen - und damit das Feld enger zusammenbringen.

Die Reaktionen auf kommerzieller und sportlichen Ebene sind ähnlich: Droht man den großen Teams damit, einen Bonus wegzunehmen und will eine andere Richtung bei der Technologie einzuschlagen, wird mit Ausstieg gedroht.

Was Liberty bislang machen konnte, waren Peanuts, die größtenteils gut erledigt wurden. Die Zukunft der Formel 1 hängt aber an kommerziellen und technischen Entscheidungen. Geht Liberty das Risiko ein, ein Team, einen Hersteller oder sogar mehr für die Richtung der Formel 1 zu verlieren? Daran müssen sich die neuen Eigentümer in den nächsten Jahren messen lassen.

MSM-Note: 2 auf Bewährung


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