Formel 1

Lauda um Formel 1 besorgt: Liberty Media arbeitet gegen die DNA

Niki Lauda fürchtet, dass Liberty Medias Ideen der Formel 1 schaden könnten. 2017 werden Ferrari, Mercedes & Co. Einbußen beim Preisgeld hinnehmen müssen.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Liberty Media arbeitet hart daran, aus der Formel 1 eine bessere Show zu machen um den Zuschauern und Kunden langfristig ein attraktiveres Produkt anbieten zu können. Ein Rezept dafür soll Chancengleichheit zwischen den Teams sein. Mehr Sieganwärter sorgen schließlich auch für mehr Spannung - oder etwa nicht? Niki Lauda fürchtet angesichts solcher Pläne um die Zukunft der Formel 1.

"Du bist ein Dummkopf, wenn du glaubst, dass du jedes Wochenende einen anderen Sieger brauchst, um die Grands Prix spannender zu machen", so Lauda gegenüber der italienischen Gazzetto dello Sport. Für den dreimaligen Weltmeister entspricht eine Gleichschaltung des Kräfteverhältnisses nicht dem Geist der Königsklasse des Motorsports.

"Die FIA, Chase Carey und Ross Brawn wiederholen ständig, dass wir die Performance angleichen müssen. Aber die DNA der Formel 1 ist das genaue Gegenteil", fügt der 69-Jährige an. Der Wettbewerb zwischen den Teams ist für ihn eines der essentiellen Alleinstellungsmerkmale des Sports. "Die Autos zu entwickeln ist eines der wichtigsten Fundamente, genau wie der Mut der Fahrer."

Mit den zuletzt ins Gespräch gebrachten Maßnahmen arbeiten die Promoter der Formel 1 seiner Meinung nach gegen eine Erhöhung ihrer Attraktivität. "Sie wollen die besten Teams bestrafen und die Fahrer schützen, als wären sie Babys - mit der Einführung des Halo zum Beispiel", bringt der Österreicher den bei ihm unbeliebten Cockpitschutz ins Spiel.

Lauda gesteht Liberty Media eine Lern- und Orientierungsphase zwecks der zukünftigen Ausrichtung der Formel 1 zu. Die Schonfrist ist für ihn mittlerweile jedoch vorbei und die neuen Ideen bereiten ihm Unbehagen. "Es war richtig, dass die amerikanischen Rechteinhaber ihre Zeit brauchten, um die Formel 1 zu verstehen. Aber die läuft langsam ab und was sie sich für die Zukunft vorstellen, macht mir Angst."

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Red-Bull-Teamchef Christian Horner findet Laudas Kritik unfair

Im Formel-1-Paddock stimmt nicht jeder mit den Ansichten des Mercedes-Aufsichtsratsvorsitzenden überein. Red-Bull-Teamchef Christian Horner sieht die Pläne von Chase Carey, Sean Bratches und Ross Brawn weniger kritisch. "Ich denke, Nikis Kommentare waren etwas... haltlos und unfair", so der Brite. Er findet den Ansatz von Liberty Media zeitgemäßer als den Führungsstil, den Bernie Ecclestone bis vor kurzem noch an den Tag legte.

"Die Formel 1 hat in Ross Brawn und dem Team, das er zusammengestellt hat, endlich einen Spezialisten - und sie führen eine genaue Analyse durch. Zu häufig wurden Entscheidungen aus der Hüfte geschossen. Vielleicht geht es für Nikis Geschmack jetzt einfach nicht schnell genug, aber ich denke, ihr Ansatz ist richtig", erklärt Horner. Auch die Ansicht Laudas, Liberty Media laufe die Zeit davon, teilt er nicht.

"Es ist unfair sie unter Druck setzen, nachdem sie erst seit neun Monaten dabei sind und ihren finalen Plan noch nicht einmal präsentiert haben. Es ist unausweichlich, dass sie ihre Zeit brauchen werden um das Business zu verstehen, es zu analysieren und dann zu präsentieren, wie die Zukunft der Formel 1 aussehen soll." Ein Teil der Formel-1-Zukunft scheint bereits jetzt sichtbar zu sein, denn der Preisgeldtopf fällt 2017 kleiner aus als im Vorjahr.

3. Quartal 2017: 34 Millionen US-Dollar weniger Preisgeld für die Formel-1-Teams

Der Finanzbericht von Liberty Media wies nach dem dritten Quartal 2017 eine Preisgeldausschüttung von 273 Millionen US-Dollar aus. Im Vorjahr waren es zu diesem Zeitpunkt noch 316 Millionen US-Dollar, was einem Mehr von 14 % Entspricht. Damit gibt es seit langer Zeit erstmals wieder einen Rückgang beim Preisgeld. Horner glaubt nicht, dass dies auf die neuen F1-Bosse zurückzuführen ist: "Ich denke, den Effekt hätten wir so oder so gehabt - mit oder ohne Liberty."

Für ihn ist es eine logische Konsequenzen der Neuausrichtung des Sports. "Sie bauen eine neue Infrastruktur auf und investieren in das Business. Es ist nur ein anderes Modell als vorher. Es war früher eine kompakte Struktur, mit Bernie und ein paar Handlangern. Jetzt stellen sie ein Marketing-Team auf und eine richtige Geschäftsstruktur. Das kostet natürlich Geld. Aber wenn du nicht spekulierst und investierst, wirst du nicht wachsen", so Horner weiter.

Lauda hingegen sieht noch kein Wachstum und den Umstand der geschrumpften Preisgeldausschüttung damit umso kritischer. "Bei einem Kostenanstieg von bis zu 70 Millionen Euro vom einen Jahr auf das nächste, sind die Erträge zurückgegangen", so der Österreicher. "Aber wohin soll uns das führen? Es sollten neue Ideen geschaffen, um Geld zu generieren, aber die sehe ich nirgends." Viele der Ideen sind für Lauda nur eine nette Spielerei, jedoch kein ernsthafter Ansatz um das Geschäft voranzutreiben.

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Lauda findet Liberty Medias Ideen für die Formel 1 nicht innovativ

"Ich habe von Sean Bratches gehört, dass er gerne sehen würde, dass die Fahrer Grid-Kinder zur Seite gestellt bekommen. Bedeutet das Nachahmen von Fußball etwa eine neue Idee?", stichelt Lauda. Die angedachte Budgetobergrenze hält er nicht unbedingt für den falschen Weg, doch die Umsetzung ist seiner Ansicht nach weit schwieriger, als sich die F1-Bosse es in der Theorie ausmalen.

"Es ist logisch und auch richtig, aber wir brauchen einen Dreijahresplan, um das umzusetzen. Bis jetzt hat Liberty nur angekündigt, dass sie es einführen wollen, aber sie haben nicht erklärt, wie sie gedenken es zu realisieren. Wir haben alle viele Mitarbeiter. Was machen wir dann mit ihnen? Werden wir die dann einfach los und setzten sie auf die Straße?"

Mercedes-Teamchef Toto Wolff teilt die radikalen Ansichten seines Geschäftspartners und Freundes nicht: "Ich denke, es gibt eine Gemeinsamkeit zwischen FIA, Liberty und den Teams: Wir wollen alle, dass es der F1 gut geht. Es ist eine Plattform, die Bernie geschaffen hat. Sie hat sich über 70 Jahre gut entwickelt und wir tragen die Verantwortung dafür, dass es so großartig bleibt und wir es noch besser machen. Das verbindet uns."

Dass sich die Parteien dabei nicht immer einig sind und selbstverständlich jeder auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, ist kein Geheimnis. Doch Wolff erinnert daran, dass das Konstrukt letztendlich nur funktionieren kann, wenn die Beteiligten nicht gegeneinander arbeiten. "Wir haben natürlich alle unterschiedliche Auffassungen. Aber es geht darum, einen gemeinsamen Nenner zu finden."

Red Bull ist als Kundenteam zweifelsohne in einer anderen Position als die Werkstruppe Mercedes. Beim Team von Dietrich Mateschitz steht man der Zukunft umso offener gegenüber. "Red Bull hat keine Probleme mit dem Ansatz und dem, was sie machen", so Horner über Liberty Media. "Wir schauen mit großerem Interesse darauf, wie ihre Pläne für 2021 und darüberhinaus aussehen."


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