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Formel 1 / Analyse

Formel 1, Mexiko-Analyse: Aufholjagden von Hamilton & Vettel

Nach ihrer Kollision hatten Lewis Hamilton und Sebastian Vettel in Mexiko einen arbeitsreichen Nachmittag. Die Aufholjagden der Titelrivalen in der Analyse.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Lewis Hamilton hätte den Gewinn seines vierten Weltmeistertitels beim Grand Prix von Mexiko 2017 sicherlich lieber mit einem Rennsieg als einem neunen Platz gefeiert. Nach der Startkollision mit Sebastian Vettel tat sich der Mercedes-Star jedoch schwer, sich auf dem winkligen Kurs von Mexico City den Weg freizuschießen. Vettel schien seine Aufholjagd deutlich einfacher von der Hand zu gehen. Doch weshalb biss sich Hamilton an langsameren Konkurrenten die Zähne aus, während Vettel sogar noch in der Führungsrunde von Sieger Max Verstappen blieb?

Zunächst einmal hatte der Unfall in der dritten Kurve für die beiden Rivalen nicht dieselben Konsequenzen. Während Vettel seinen Ferrari mit einem zerfetzten Frontflügel zurück an die Box bringen musste, humpelte Hamilton mit einem Reifenschaden zurück zu seiner Crew und verlor dabei deutlich mehr Zeit. "Er hatte nicht so viel Pech wie ich, sich einen Platten einzufangen und nochmal 40 Sekunden weiter zurückzufallen. Er blieb wenigstens im Kampf und hatte bessere Chancen", sagte Hamilton.

Ganz so viel Zeit war es nicht, doch tatsächlich büßte Hamilton durch seinen Schaden mehr ein. In der zweiten Runde lag der Silberpfeil-Pilot bereits 59 Sekunden hinter Leader Verstappen zurück. Vettel fehlten lediglich 35 Sekunden. Vor dem Duo lag Pierre Gasly im Toro Rosso, der 25 Sekunden hinter der Spitze lag. Zwischen Vettel und Hamilton schob sich in Runde zwei jedoch Carlos Sainz, der nach einem Dreher ebenfalls früher als geplant zum Reifenwechsel kommen musste. Nach ihren Reparatur-Stopps waren Hamilton und Vettel auf Pirellis härtestem Mexiko-Reifen, dem Soft, unterwegs.

Die Rundenzeiten der beiden nahmen sich danach nicht viel. Hamilton fuhr lange relativ Konstant im Bereich der 1.22-Minuten-Marke. Vettel legte mit identischen Zeiten los, lief in der siebten Runde jedoch auf das Feld auf. Hamilton konnte den Anschluss an Sainz erst in Runde 15 herstellen. Zu diesem Zeitpunkt lag Vettel bereits an 15. Stelle. Überholt hatte der Deutsche dafür allerdings nur Felipe Massa. Der Brasiliener leistet bei Vettels Angriff im ersten Sektor massive Gegenwehr, die nicht überall auf Verständnis stieß.

Mit Gasly passierte Vettel einen Umlauf später dann einen weiteren Gegner auf der Strecke. Hamilton dagegen musste sich in Runde 22 vom Führenden Verstappen überrunden lassen. Erst fünf Runden später kassierte er Sainz. Vettel war da schon auf Platz zehn vorgerückt und machte Druck auf Fernando Alonso. Der McLaren-Star kam dank den Aufholjagden der beiden Top-Piloten endlich wieder in den Genuss mit den Fahrern zu kämpfen, gegen die er sich einst um WM-Titel duellierte.

Dirty Air macht Lewis Hamilton im Mercedes das Leben schwer

"Ich habe bei beiden mein Bestes versucht. Natürlich denkst du daran, dass du damit in den WM-Kampf eingreifst, aber du kämpfst trotzdem hart", so der Spanier, der Vettel in Runde 29 ziehen lassen musste. Gegen Rennende sollte es für ihn mit Hamilton als Sparringspartner in eine weitere Runde gehen. Der Brite mühte sich aber zu dieser Zeit noch damit ab, an Pascal Wehrlein im Sauber vorbeizukommen.

Der Mercedes F1 W08 machte es Hamilton nicht einfach, sich durch den Verkehr zu arbeiten. Der für Dirty Air äußerst anfällige Bolide hatte es in Mexiko besonders schwer. Die Kombination aus glattem Asphalt, dünner Höhenluft sowie einem winkligen Layout sorge dafür, dass Hamiltons Reifen besonders litten. "Du hast weniger Downforce und der Kurs bringt nicht viel Energie in den Reifen", erklärte Pirelli-Manager Mario Isola im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com.

"Einerseits brauchst du diese Energie, um den Reifen auf die richtige Temperatur zu bekommen, andererseits musst du aufpassen, nicht zu viel zu rutschen, weil sonst die Oberfläche überhitzt", so der Italiener, weiter. "Das größte Problem für Lewis und Seb war, dass sie so viel überholen mussten und immer in der Dirty Air waren. Das sorgte für mehr Rutschen und Überhitzen. Sie waren klar schneller als die Autos vor ihnen, aber durch den Effekt, den das Hinterherfahren auf den Anpressdruck hat, war es schwieriger."

Als Brandon Hartley in der 30. Runde abermals das Renault-Aggregat in seinem Toro Rosso um die Ohren flog, war das für Hamilton und Vettel beinahe schon eine Erlösung. Die dadurch ausgelöste VSC-Phase gab ihnen die Chance, sich ihren Soft-Reifen zu entledigen, mit denen sie sich seit der zweiten Runde durch das Feld gekämpft hatten. Laut Isola wäre eine ganze Renndistanz auf dieser Mischung an sich möglich gewesen: "Was die Abnutzung angeht, wäre es möglich gewesen. Bei 70 Runden hätten wir aber nicht ausschließen können, dass der Reifen am Ende einbricht.

VSC-Phase spielt Vettel und Hamilton in die Karten

Hamilton und Vettel kamen zeitgleich, durch Hamiltons Überrundung jedoch mit einer Runde Differenz an die Box. Für den Deutschen gab es in Runde 32 einen Satz frische Ultrasoft-Reifen, während der Brite im 31. Umlauf frische Supersofts abholte. Vor allem Vettel konnte danach in der zweiten Rennhälfte viel Boden gutmachen. "Er hat eine sehr gute Wahl getroffen, denn er war danach sehr schnell und hat unter dem VSC nicht zu viel Zeit verloren", so Isola.

Vettel fuhr in der Folge Rundenzeiten auf dem Niveau Verstappens, wodurch er den Rückstand auf den Spitzenreiter zunächst bei etwa 70 Sekunden einfrieren und später sogar verringern konnte. Hamiltons Rundenzeiten bewegten sich ebenfalls im Bereich der 1.20-Minuten-Marke, jedoch lag er zu diesem Zeitpunkt immer noch weit außerhalb der Punkteränge auf dem 16. Platz.

Kurz darauf holte Vettel in Runde 36 den siebten Platz von Kevin Magnussen zurück, den er beim Boxenstopp an den Dänen verloren hatte. Auf den daraufhin vor ihm liegenden Sergio Perez fehlten Vettel sieben Sekunden. In den Top-10 war das Feld zu diesem Zeitpunkt im Rennen weit auseinandergerissen. Zwölf Runden später hatte Vettel den Mexikaner eingeholt, der ihm ein Überholmanöver jedoch ersparte, indem er zum Boxenstopp abbog.

Bis zu diesem Zeitpunkt in Runde 51 hatte sich Hamilton auf Platz zwölf vorgearbeitet und machte Druck auf Stoffel Vandoorne. Der Belgier war einen Umlauf später reif. Als nächstes lag Massa vor ihm. Der Williams-Pilot machte Hamilton das Leben in Runde 56 etwas einfacher, als er es bei Vettel zu Rennbeginn gemacht hatte. Hamilton ging vorbei und machte sie auf die Jagd nach Alonso, der mit seinem McLaren im Kampf um Platz acht hinter Magnussen festhing.

Vettel holte derweil das Maximum aus seinem Ultrasoft-Reifen und schnappte sich in Runde 54 Lance Stroll und drei Umläufe später Esteban Ocon. Für den 30-Jährigen sollte damit jedoch das Ende der Fahnenstange erreicht sein. Auf den vor ihm auf Platz drei liegenden Teamkollegen Kimi Räikkönen fehlten ihm zu diesem Zeitpunkt schon 24 Sekunden. Den Rückstand auf Spitzenreiter Verstappen hatte Vettel jedoch auf 67 Sekunden verkürzt.

Alonso wird in Mexiko zu Hamiltons Endgegner

Hamilton startete in Runde 65 die erste Attacke auf Alonso. Der Spanier lag zuvor noch im DRS-Fenster hinter Magnussen, womit er sich auf der Start- und Zielgeraden für ein paar Runden den Angriffen Hamiltons entziehen konnte. Den ersten Überholversuch vom Briten konnte Alonso erfolgreich parieren. "Ich dachte mir: Was ist das nur für ein knallharter Motherf*****? Es ging hin und her, hin und her", so Hamilton.

In Runde 67 war er schlussendlich erfolgreich und nahm Alonso die neunte Position ab. Vettel befand sich zu diesem Zeitpunkt schon im 68. Umlauf und legte auf seinem über 30 Runden alten Ultrasoft-Reifen eine neue schnellste Rennrunde hin. "Er fuhr drei Runden vor Schluss die schnellste Runde. Das war sicherlich ein Beweis dafür, dass es die richtige Strategie war", so Isola.

Für Hamilton endete seine Aufholjagd nach dem Manöver gegen Alonso auf Platz neun, was ihm zum vorzeitigen Gewinn seines 4. WM-Titels reichte. Nach der Startkollision hätte es jedoch auch keine Rolle gespielt, wäre er außerhalb der Punkteränge ins Ziel gekommen. Vettel erreichte den für ihn benötigten zweiten Platz ohnehin nicht, was ebenfalls zur WM-Entscheidung beigetragen hätte.


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