Formel 1 - Großbritannien GP: Die Brennpunkte in Silverstone

King Lewis will Revanche

Die Formel-1-Weltmeisterschaft 2017 beschließt die erste Halbzeit. Kurz vor der Sommerpause geht es für Vettel, Hamilton und Bottas um mehr als nur WM-Punkte.
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Motorsport-Magazin.com - Mit dem Grand Prix von Großbritannien steht das 10. von insgesamt 20. Rennen in der Saison 2017 auf dem Programm - das bedeutet Saisonhalbzeit. Sowohl Sebastian Vettel als auch Lewis Hamilton warten bereits seit über einem Monat auf den nächsten Sieg und wollen kurz vor der Sommerpause noch einmal zuschlagen, um sich in wenigen Wochen nach Budapest auf einem Formhoch in den Urlaub zu verabschieden. Valtteri Bottas will an seine starke Serie anknüpfen, um im WM-Kampf am Ball zu bleiben. Die sechs Brennpunkte in Silverstone.

Brennpunkt #1: Drei Fahrer, ein Ziel

Zwei Rennen vor Halbzeit der Formel-1-Saison 2017 zeichnet sich ein relativ deutliches Bild ab: Mit Vettel, Hamilton und Bottas haben sich drei Fahrer im Kampf um den Titel klar als Favoriten herauskristallisiert. In Silverstone steht jeder der Drei vor einer ganz eigenen Mission. Vettel war in Österreich nach der Niederlage gegen Bottas alles andere als begeistert, war Hamiltons Getriebewechsel für ihn doch wie ein Freifahrtschein für weitere wichtige WM-Punkte im Kampf gegen den Briten. "Heute bin ich ein bisschen stinkig, dass es nicht gereicht hat", zeigte er sich nach Platz zwei am Red Bull Ring unzufrieden. Obendrein liegt sein letzter Sieg, beim Grand Prix von Monaco, mittlerweile sechseinhalb Wochen zu Weg. Eine zu lange Durststrecke für den gierigen WM-Anwärter in Rot, der sicher nur allzu gerne mit einem weiteren Sieg seine Titelambitionen unterstreichen möchte.

Je größer der Abstand wird, desto mehr baut sich Druck auf.
Lewis Hamilton

Titelanwärter Nummer zwei erlebt zuweilen ein Déjà-vu des Vorjahres: Bereits 2016 lief Hamilton aufgrund zahlreicher Defekte im WM-Kampf mit Teamkollege Nico Rosberg einem ewigen Rückstand hinterher - und auch dieses Jahr hat ihn sein Bolide schon einige Punkte gekostet. "Insgesamt erlebt er wirklich nicht seine besten Tage. Viel schlechter kann es nicht laufen", hielt auch Silberpfeil-Teamchef Toto Wolff fest. Ähnlich wie Vettel liegt sein letzter Triumph bereits eine Weile zurück. In Baku entging ihm ein beinahe schon sicherer Sieg und in Österreich konnte er sich jegliche Ambitionen aufgrund der Startplatzstrafe schon vor dem Rennsonntag abschminken. Ein fünfter Triumph beim Heimspiel in Silverstone käme als Widergutmachung wie gerufen - und auch in Sachen WM würde es für ihn wieder in die gewünschte Richtung gehen. Denn Hamilton weiß: "Je größer der Abstand wird, desto mehr baut sich Druck auf."

Der dritte WM-Anwärter im Bunde verspürt womöglich den geringsten Druck im aktuellen Titelkampf. Von Rosberg-Ersatz Bottas hatte vor der Saison kaum jemand so wirklich erwartet, dass er zur Jahreshälfte immer noch mittendrin im Kampf um die Weltmeisterschaft stecken würde. Außer vielleicht seinen direkten Konkurrenten. "Es gab nie einen Zeitpunkt, zu dem er nicht im Titel-Fight war", so Hamilton. Der aktuelle Trend spricht jedenfalls für einen Bottas als Titelkandidaten. Nach zwei zweiten Plätzen und einem Sieg in den letzten drei Rennen befindet er sich klar im Aufwind. Und mit bisher zwei Siegen braucht sich der 28-Jährige gegenüber seinen Kontrahenten definitiv nicht verstecken. Die Pace ist da, doch bei der Konstanz muss Bottas das Level seiner Gegner erst noch erreichen. Ein weiterer Wirkungstreffer in Silverstone würde seinem Rückenwind sicherlich noch mehr Momentum verleihen.

Brennpunkt #2: Mercedes will das Maximum

Das Maximum für Valtteri Bottas reicht Mercedes-Teamchef Toto Wolff nicht - Foto: Sutton

Bei den Konstrukteuren liegt Mercedes derzeit relativ komfortable 33 Zähler vor Ferrari. In Baku und auf dem Red Bull Ring blieb die Maximal-Ausbeute für die Silberpfeile aufgrund technischer Probleme aus. "Aus Sicht des Teams reisen wir trotz des Sieges in Österreich mit dem Gefühl nach Silverstone, noch eine offene Rechnung zu besitzen, die wir richtig stellen müssen", so Mercedes-Boss Toto Wolff. In der Tat verlor Hamilton durch die Defekte an den letzten beiden Rennwochenenden kumuliert mindestens 18 Punkte, welche ihn beim aktuellen WM-Stand auf direkte Augenhöhe mit Vettel bringen würden.

In der Gesamtwertung steht Mercedes derzeit vor allem wegen Räikkönens Pleite-Serie an der Spitze und nicht etwa, weil bei den Silbernen perfekte Arbeit geleistet wurde. Wolff hat sich für das Heimspiel seiner in Brackley und Brixworth beheimateten Mannschaft Besserung vorgenommen: "Wir sind fest entschlossen, dafür zu sorgen, dass dies in Silverstone nicht noch einmal passiert." In Sachen Performance dürfte das Team gute Karten haben. Die letzten drei Pole Positions gingen allesamt an Mercedes und wärend Ferrari keines der letzten drei Rennen gewann, feierte Mercedes zwei Siege.

Brennpunkt #3: Verstappen-Frust Teil 6?

Max Verstappen hofft in Silverstone auf eine Trendwende - Foto: Sutton

Die Saison 2017 verkommt für Max Verstappen immer mehr zur absoluten Horror-Show. Nachdem er vier Mal von der Technik lahmgelegt wurde, erwischte ihn beim Großen Preis von Österreich der weltberühmte Kvyat-Torpedo. Beim Start gab es aber ohnehin schon ein Problem mit der Kupplung, das ihn ins Mittelfeld zurückwarf. Das Aus in Kurve 1 rundete das Gesamtbild nur noch ab. Während es für den 19-Jährigen die nächste Nullnummer zu beklagen gab, vollführte Teamkollege Daniel Ricciardo seinen fünften Podest-Shoey in Serie. "Klar, er bekommt gerade alles ans Kinn und natürlich ist das besonders hart, wenn du siehst, dass das andere Autos Podien bekommst, von denen du denkst, dass du sie erreichen solltest", so Red-Bull-Teamchef Christian Horner.

Der glaubt weiterhin fest daran, dass sich das Blatt für seinen Youngster schon sehr bald zum Guten wenden wird. Dieser wiederum war nach der Pleite auf dem Red Bull Ring zunächst sprachlos. "Was soll ich sagen? Es ist sehr enttäuschend", so Verstappen, dem nichts anderes übrig blieb, als auf die Durchhalteparolen des Teamchefs einzustimmen: "Am Ende muss ich positiv bleiben. Es ist sehr hart, aber das ist jetzt das Wichtigste." In Silverstone konnte er 2016 im Regen seine Qualitäten voll ausspielen und landete hinter Rennsieger Lewis Hamilton auf einem starken zweiten Platz. Abgesehen davon ist der Traditionskurs in Großbritannien einer, der Red Bull seit jeher besonders entgegenkommt: Immerhin drei Mal konnten die Bullen dort bereits gewinnen.

Brennpunkt #4: Ricciardo bald WM-Kandidat?

Ricciardo hat seit Barcelona die gleiche Punkteausbeute wie Vettel eingefahren - Foto: Sutton

Mit 64 Punkten Rückstand auf Sebastian Vettel zählt Daniel Ricciardo als Vierter der Gesamtwertung aktuell durchaus noch zum erweiterten Kreis der Titelkandidaten. Und das, obwohl er im Gegensatz zu diesem bereits zwei Nullnummern hinnehmen musste. Hinzu kommt, dass der Red-Bull-Pilot in den letzten fünf Rennen mit 85 Zählern haargenau so viele wie der Tabellenführer einfuhr. Bullen-Teamchef Christian Horner will von einem WM-Kampf jedoch nichts wissen. "Wir sehen uns zum jetzigen Zeitpunkt nicht als Titelanwärter", so der Brite, der es eher auf weitere Einzelresultate abgesehen hat: "Wir wollen bei jedem Grand Prix alles geben und die Lücke schließen."

Gute Nachrichten für den gebeutelten Max Verstappen, denn unter diesen Voraussetzungen wird das Team ihn nicht dazu auffordern, dem Stallgefährten für WM-Punkte die Bahn freizumachen. "Bei 64 Punkten und das bei noch nicht einmal Halbzeit der Saison, müsstest du ein ziemlicher Optimist sein, um jetzt schon eine Stallregie anzuwenden", so Horner, der eine Teamorder zu einem späteren Zeitpunkt in der Saison aber auch nicht ausschließen will: "Wenn Daniel auf 15-20 Punkte dran wäre, wäre es eine andere Geschichte." Sollte in Silverstone wirklich alles für Ricciardo laufen, könnte er in wenigen Tagen schon bis auf 39 Punkte an Vettel dran sein.

Brennpunkt #5: Kimi's Wiederauferstehung?

Kimi Räikkönen hat bei Ferrari dieses Jahr bisher keinen leichten Stand - Foto: Sutton

Kimi Räikkönen hat 2017 keinen leichten Stand: Während Teamkollege Sebastian Vettel um den Titel fährt, hat der Champion von 2007 gerade einmal 83 magere Punkte auf dem Konto. Der WM-Zug ist für ihn längst abgefahren. Dazu kommt Ferraris Chefetage, die in Form von Konzernboss Sergio Marchionne hin und wieder mal die Daumenschrauben anzieht. "Ich denke, dass Kimi einen höheren Level an Engagement für die Sache zeigen muss. Es gibt Tage, an denen er ein bisschen wie ein Nachzügler ist", kritisierte Marchionne zuletzt nach dem Österreich GP, in dem der Iceman 20 Sekunden hinter Vettel den Zielstrich überquerte und obendrein das taktische Vorhaben seiner Crew nicht optimal umsetzte, indem er Bottas nicht lange genug aufhielt.

Mit Silverstone folgt jedoch eine der Rennstrecken, auf denen Räikkönen seit jeher besonders stark ist. 2007 gewann er, in den beiden gemeinsamen Ferrari-Jahren mit Vettel konnte er diesen im Qualifying jeweils besiegen. Vergangene Saison nahm er dem viermaligen Weltmeister am Samstag satte sieben Zehntel ab und kam bei widrigen Bedingungen im Rennen weit vor Vettel ins Ziel. Dass der Finne seinen Teamkollegen hin und wieder noch in die Schranken weisen kann, bewies er diese Saison bereits in Sochi und in Monaco. "Wir pushen weiter, es wird auch wieder besser", versicherte Räikkönen nach dem Rennen in Spielberg. Vielleicht schon in Silverstone...

Brennpunkt #6: Hauen und Stechen im Mittelfeld

Zwischen Force India, Williams &. Co geht es eng zu - Foto: Sutton

Die Kräfteverhältnisse im Mittelfeld scheinen auch kurz vor Saisonhalbzeit noch nicht vollends geklärt. Während Force India sich bisher als konstantestes Team präsentierte und sich wenn überhaupt nur selbst im Weg stand, geht es dahinter munter auf und ab. Williams erlebte in Österreich mit dem Aus im Q1 für beide Piloten die bisher schwächste Qualifikation des Jahres, konnte aber im Rennen mit einer doppelten Punkteankunft maximale Schadensbegrenzung betreiben. Eine Wiederholung des Qualifying-Debakels ist dennoch nicht erwünscht. "Das ist etwas, woran wir arbeiten und das wir verstehen müssen, damit wir nicht noch einmal aus einer solchen Position starten" so Routiniert Felipe Massa.

Die positivste Nachricht dürfte für Williams aber ohnehin gewesen sein, dass die Piloten im Rennen mit dem Updates am FW40 auf Augenhöhe mit Force India unterwegs waren. Die wiederum bringen für Silverstone ein umfangreiches Paket für den VJM10. "Es wird eines unserer größten, wenn nicht sogar das größte Update bisher in dieser Saison", so Technikchef Andrew Green. "Es wird dann schrittweise weitergehen, dann gibt es in Singapur nochmal ein großes Update." Sollten die Weiterentwicklungen die gewünschten Erfolge bringen, dürfte Force India der vierte Platz bei den Konstrukteuren schon bald kaum noch zu nehmen sein.

Es wird eines unserer größten, wenn nicht sogar das größte Update bisher in dieser Saison.
Andrew Green von Force India

Dahinter ist das Feld in den vergangenen Rennen jedoch wieder enger zusammengerückt. Haas konnte mit Grosjeans sechstem Platz auf dem Red Bull Ring Boden gutmachen und hat mit 29 Zählern jetzt schon so viele WM-Punkte auf dem Konto, wie in der gesamten Debüt-Saison 2016. Damit liegen die US-Amerikaner derzeit an siebter Stelle. Ohne Kevin Magnussens Pech hätten es in Österreich sogar noch mehr Punkte werden können. "Ich hätte locker dort vorne bei Romain sein können und wir hätten ein perfektes Teamresultat haben können", so der Däne.

Mit 33 Punkten knapp davor liegt Toro Rosso, deren Piloten zuletzt auf unterschiedliche Weisen auf sich aufmerksam machten: Carlos Sainz verärgerte seine Chefs mit öffentlichen Wechsel-Ambitionen, Daniil Kvyat mit einer Startkollision. Die Bilanz der letzten drei Rennen: Vier magere Punkte. Genauso düster sieht es derzeit bei Renault aus. Während Jolyon Palmer in Spielberg bereits zum dritten Mal als Elfter die Zielflagge sah, konnte Nico Hülkenberg in den letzten vier Rennen nur vier Punkte einfahren. Mit 18 Zählern ist das Team als Achter momentan meilenweit vom anvisierten Platz in den Top-5 entfernt.


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