Formel 1

Echte Chance für Wehrlein - WM-Vorschau 2016 - Manor Racing: Der Umbruch

Vieles ist neu bei Manor: Um das Abo auf den letzten Platz loszuwerden, wurde bei Pascal Wehrleins Team kräftig reformiert.
von Matthias Schwerdtfeger

Motorsport-Magazin.com - Sieht man von Renault und Haas ab, die sich komplett neu aufstellen mussten, dann hat wohl kein F1-Team vor dieser Saison einen solchen Umbruch erlebt wie Manor. Der Rennstall war aus verständlichen Gründen das Dasein als ewiger Hinterbänkler satt und ließ nahezu keinen Stein auf dem anderen. Das gilt für die Technik ebenso wie für das Personal und sogar den Namen. Denn aus Manor Marussia wurde nun Manor Racing. Der russische Automobilzulieferer war bereits in der vergangenen Saison nicht mehr beteiligt. Man behielt den Namen jedoch zunächst bei. Die F1-Regeln sehen vor, dass bei der Übernahme eines Teams nur dann Gelder aus der letzten Saison fließen, wenn der Name gleich bleibt.

Das Team: Einmal komplett durchwechseln, bitte!

Neu im Team:

  • Pascal Wehrlein (Fahrer, zuvor Testfahrer bei Mercedes)
  • Rio Haryanto (Fahrer, ohne F1-Erfahrung)
  • Dave Ryan (Renndirektor und de facto Teamchef, bringt viel F1-Erfahrung mit)
  • Nikolas Tombazis (Aerodynamik-Chef, Ex-Designer bei Ferrari)
  • Pat Fry (Technischer Berater und ebenfalls seit langem in der Königsklasse)
  • Mercedes als Motoren-Lieferant
  • Williams als Technik-Partner

Nicht mehr im Team:

  • Graeme Lowdon (Teammanager)
  • John Booth (Teamchef)
  • Roberto Merhi (Fahrer)
  • Will Stevens (Fahrer)
  • Fabio Leimer (Ersatzfahrer)
  • Ferrari (bisheriger Motoren-Lieferant)

Manor-Besitzer Stephen Fitzpatrick überwarf sich 2015 mit Teamchef John Booth und Manager Graeme Lowdon. Sie verließen das Unternehmen. Stattdessen gab es einige prominente Neuzugänge. Dave Ryan, der viele Jahre für McLaren tätig war, ist offiziell neuer Renndirektor, de facto aber gleichzeitig Teamchef. Nikolas Tombazis war früher Chefdesigner bei Ferrari und kümmert sich nun um die Aerodynamik bei Manor. Pat Fry wurde als Technischer Berater engagiert und kann ebenfalls bereits auf eine lange Karriere in der Königsklasse zurückblicken. Das Team hat also viel Erfahrung und viel Know-how eingekauft.

Als problematisch könnte sich jedoch folgender Umstand erweisen: Alle drei Genannten waren es bei ihren bisherigen Stationen gewöhnt, mit deutlich größeren Budgets ausgestattet zu sein. Doch Ryan wiegelt ab: "Jemand wie Nikolas hat eine kleine Gruppe von Leuten um sich. Wenn sie das gleiche Ziel verfolgen und hart arbeiten, sehe ich keinen Grund, warum wir keine gute Arbeit abliefern sollten."

Das Auto: So neu wie kein anderes

Der MRT05 ist im Gegensatz zu den meisten Fahrzeugen im Feld wirklich neu. Im vergangenen Jahr wurde so gut wie gar keine Weiterentwicklung betrieben, da man ohnehin nur mit einem leicht adaptierten 2014er-Boliden antrat. Stattdessen entwarfen die Ingenieure bereits damals ein völlig neues Auto für die nun beginnende Saison. Die im Vorjahr genutzte 2014er-Power Unit von Ferrari wird ersetzt durch ein aktuelles Aggregat aus dem Hause Mercedes. Dazu lieferte Williams Teile des Chassis sowie ein neues Getriebe. Somit verfügt Manor über ein komplett runderneuertes Fahrzeug, dessen Technik endlich einigermaßen konkurrenzfähig zu sein scheint. Seine Zuverlässigkeit im Rennen muss es jedoch noch beweisen.

Bei den Testfahrten in Barcelona stellten sich nur wenige technische Probleme ein. Die Piloten konnten mehr Kilometer als in den vergangenen Jahren abspulen. Pascal Wehrleins schnellste Runde lag zudem fast sechs Sekunden unter der Zeit, die Will Stevens im Qualifying zum Spanien GP 2015 im Manor fuhr. Dies lässt also auf eine Annäherung an den Rest des Feldes hoffen.

Die Fahrer: Zwei Rookies sollen es richten

Mit Will Stevens und Roberto Merhi wurden zwei der drei Fahrer von 2015 aussortiert. Alexander Rossi ist nur noch Ersatz. Stattdessen wurde DTM-Champion Pascal Wehrlein geholt. Der Deutsche ist zwar als Stammpilot ein Rookie, hat jedoch während seiner Zeit als Ersatzmann bei Mercedes bereits viel Erfahrung in einem F1-Auto gesammelt. Während der Testfahrten in Barcelona hinterließ er entsprechend einen guten Eindruck.

Auf ihm ruhen viele Hoffnungen bei Manor: Pascal Wehrlein - Foto: Sutton

Für seinen neuen Teamkollegen Rio Haryanto, der ebenfalls keine Erfahrung in der Königsklasse hat, lief nicht ganz so positiv. Kritiker sehen sich deshalb in der Annahme bestätigt, dass seine Verpflichtung eher aus finanziellen Gründen erfolgte. Der Indonesier wurde angeblich mithilfe einer Millionen-Summe von der staatlichen Erdölgesellschaft Pertamina sowie dem Sportministerium seines Heimatlandes in der Formel 1 platziert.

Fahrer BestzeitRundenReifen
Pascal Wehrlein 1:24.913 252Ultrasoft
Rio Haryanto 1:25.899 232Ultrasoft

Die Ziele: Bloß nicht wieder Letzter werden

Saisonziel: Die Absichten von Manor für 2016 sind klar. Es gilt, wenigstens ein Team hinter sich lassen. Das wäre zunächst einmal wichtig für die Moral. Außerdem - und das ist viel bedeutsamer - hätte man (bei 11 startenden Rennställen) dann einen Platz unter den Top-10 in der Konstrukteurswertung. Bis zu diesem Rang gibt es von der FIA Preisgelder. Diese zu erhalten gelang Manor beziehungsweise Marussia von 2013 bis 2015 durchgängig. Nun stößt mit Haas jedoch große Konkurrenz hinzu. "Es muss das Ziel sein, Geld herauszubekommen. Das alleine bringt Druck mit sich", gibt Renndirektor Ryan zu, beschwichtigt aber gleich wieder: "Das ist kein unüberwindbarer Druck, sondern ein gesunder."

Redaktionskommentar: Manor will es 2016 wissen und setzt daher auf Qualität. Direktes Ziel ist es, nicht wieder Letzter aller Rennen und Wertungen zu sein. Der Traum lautet gar, Anschluss an das Mittelfeld zu finden. Darauf wurde vor dieser Saison alles ausgerichtet. Allein die Entscheidung für Rio Haryanto, der keinerlei F1-Erfahrung besitzt, wirkt in diesem Zusammenhang inkonsequent. Doch die Vorzeichen sind dennoch gut für den ewigen Hinterbänkler. Mit dem runderneuerten Auto und aktueller Mercedes-Power ist die Gelegenheit günstig wie nie, endlich (wieder) in die Punkte zu fahren oder zumindest einige Konkurrenten zu überholen. Pascal Wehrlein hat unter diesen Umständen eine faire Chance, nicht einfach nur Formel 1 zu fahren, sondern sich in der Königsklasse auch zu beweisen.

Pro:

  • Wehrlein bringt fahrerische Qualität
  • Bessere, aktuelle Technik
  • Erfahrene Crew

Contra:

  • Unsicherheitsfaktor Haryanto
  • Team neu zusammengewürfelt
  • Eventuell überzogene Erwartungen - intern wie extern

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