Formel 1

Le-Mans-Sieg überstrahlt alles - Nico Hülkenberg: Der Sommer seines Lebens

In der Formel 1 rennt Nico Hülkenberg weiter einem Podium hinterher. Bei den 24h von Le Mans wurde für ihn dagegen ein Märchen wahr. Ein Rückblick.
von Stephan Heublein & Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Sieg bei den 24 Stunden von Le Mans, Vertragsverlängerung in der Formel 1, Einladung zum Race of Champions: Nico Hülkenberg scheint gerade den Sommer seines Lebens zu erleben. "Ich bin nicht so ein großer Philosoph", sagt er lachend. "Ich bin einfach happy und zufrieden mit meiner aktuellen Situation." Diese könnte natürlich noch besser sein, schließlich hat er sich allen voran in der Formel 1 noch einiges vorgenommen. Aber insgesamt scheint Hülkenberg gerade am Höhepunkt seiner bisherigen Karriere angekommen zu sein. "Es hört sich auf jeden Fall gut an", sagt der Deutsche.

Der Emmericher wirkt selbst zu später Stunde entspannt, scherzt mit Motorsport-Magazin.com unter dem Flutlicht des Fahrerlagers von Singapur. "Dieses Jahr ist mit dem Le-Mans-Sieg sehr, sehr gut - das war der größte Erfolg meiner bisherigen Laufbahn." Seine fünfte volle Formel-1-Saison hatte hingegen bislang einige Aufs und Abs zu bieten. "Die erste Saisonhälfte war eher zäh und schwierig, aber dann haben wir Schwung aufgenommen und es sieht viel besser aus", analysiert der Force-India-Pilot. "Der Himmel ist für uns ein bisschen klarer geworden. Im Moment befinde ich mich in einer ganz komfortablen, guten Situation in meiner Karriere."

Ohne Manager unterwegs: Nico Hülkenberg - Foto: Sutton

Hülkenberg selbstständig wie Vettel

Diese hat er zuletzt im wahrsten Sinne des Wortes selbst in die Hand genommen. Ein gut vernetzter Manager? Fehlanzeige. Hülkenberg führte die Verhandlungen für seine Vertragsverlängerung selbst. "Es geht sowohl mit als auch ohne Manager", sagt Hülkenberg, der die Situation nicht als große Sache ansieht. "Es war nicht der erste Vertrag, den ich selbst ausgehandelt habe. Ich bin generell ein selbständiger Mensch, kenne die Leute hier - es macht mir also nichts aus, es selbst in die Hand zu nehmen. Wenn man sich so lange und so gut kennt, geht es auch ein bisschen einfacher und ohne einen Verhandlungsmarathon."

Hülkenberg glaubt, dass ein Rennfahrer ab einem gewissen Zeitpunkt in seiner Karriere nicht mehr unbedingt einen Manager benötigt. Dieser ist mit seinem Netzwerk an Kontakten eine wichtige Hilfe beim Aufstieg durch die Rennserien bis in die Formel 1, aber sobald sich ein Fahrer eine gewisse Reputation erarbeitet hat und die Player im Fahrerlager kennt, sieht er die Anwesenheit eines Managers nicht mehr als unbedingt notwendig an. Selbst im Umgang mit den absoluten Topmanagern der Automobilbranche, wie etwa einem Sergio Marchionne, sähe Hülkenberg da keine Nachteile.

Im Gegenteil. "Ich bin mir sicher, dass er nicht selbst die Verhandlungen führt", sagt er. "Er wird einen aber kennen lernen und einen Eindruck bekommen wollen. Die Gespräche selbst wird der Teamchef führen. Aber ich glaube, es geht. Schau dir Sebastian an." Wie Hülkenberg verzichtet auch Sebastian Vettel auf einen Manager. Vier Weltmeistertitel in der Tasche stellen bei den Gesprächen aber sicher eine nette Verhandlungshilfe dar.

Force India ist momentan die beste Option für Nico Hülkenberg - Foto: Sutton

Force India als derzeit beste Option

Seinen Verbleib bei Force India sieht Hülkenberg nicht als den sicheren, risikolosen Weg an. Vielmehr glaubt er, mit seinem aktuellen und zukünftigen Rennstall die beste Variante ausgewählt zu haben. "Ich denke nicht, dass ich bei einem möglichen Renault-Werksteam die Möglichkeit gehabt hätte, reinzukommen", gesteht er. Auch die schier endlosen Spekulationen über einen Wechsel zu Ferrari verweist Hülkenberg ins Reich der Fabeln - zumindest in dieser Saison. In der Vergangenheit mag es jedoch anders ausgesehen haben.

Näher darauf eingehen möchte er allerdings nicht. "Diese Chance wurde diesmal eher von den Medien herbeigeschrieben", sagt er. "Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass es da in diesem Jahr eine Möglichkeit gegeben hätte. Von daher gab es für mich keinen Grund, länger zu warten. Ich habe mich dafür entschieden, meine beste Option zu nehmen. Perspektivisch gesehen gibt es hier Potential nach oben. Das Team kann sich noch weiter nach vorne entwickeln. Ich fühle mich wohl und die Bedingungen sind gut. Deshalb bleibe ich hier."

Giancarlo Fisichella fuhr Force Indias erste Podestplatzierung heraus - Foto: Sutton

Talent ist bei Force India ausschlaggebend

Die Gespräche mit Force India fanden natürlich auch mit dem glamourösen Teambesitzer Vijay Mallya statt. Doch innerhalb des Teams fallen Vertragsangelegenheiten in den Aufgabenbereich von Chief Operating Officer Otmar Szafnauer. Die Philosophie von Mallya ist seit Jahren unverändert: der Wirtschaftssituation zum Trotz setzt sein Team bei den Einsatzfahrern stets auf Talent und nicht ausschließlich auf deren Geldbörse. Nicht umsonst fuhren in den vergangenen Jahren Piloten wie Giancarlo Fisichella, Adrian Sutil, Paul di Resta, Sergio Perez und eben Hülkenberg für den indischen Rennstall mit Basis in Silverstone.

Alles anerkannt starke Rennfahrer, die sich durch ihre Leistungen auf der Strecke und nicht durch ein prall gefülltes Bankkonto auszeichnen. Überhaupt sieht Hülkenberg bei den Spitzenteams keinen Mangel an starken Fahrern. "Es sitzen definitiv mit die besten Fahrer auch in den besten Autos", betont er. "Ich glaube schon, dass die Fahrer in den Top-Teams kein Fallobst und keine Nasenbohrer sind. Wenn man allen Fahrern einen Mercedes oder Red Bull gibt, würde das Rennen eng ausgehen. Es sind Nuancen, die den Unterschied ausmachen."

Über eine Saison von bis zu 20 Rennwochenenden hinweg würde in solch einem Fall die Konstanz der Fahrer entscheiden. "Eine Formel-1-Saison ist heutzutage so lang, da ist es die Kunst, die Konstanz zu besitzen, um auch wirklich an jedem Wochenende die Leistung abzurufen. Hier kann man sich Vorteile verschaffen."

Force India ließ schon oft hochkarätigere Konkurrenz hinter sich - Foto: Sutton

Force India teilweise über den Möglichkeiten

Dass Hülkenberg gerne in einem Top-Auto sitzen würde, ist weder eine Überraschung noch ein Geheimnis. "Jeder möchte um Rennsiege kämpfen", sagt Hülkenberg mit der nötigen Überzeugung, die jeder Rennfahrer besitzen muss, um es ganz nach oben zu schaffen. "Ich will Weltmeister werden. Dafür brauchst du aber das richtige Auto, das ist kein Geheimnis." Mit Force India ist ein solches Unterfangen derzeit nicht möglich. "Es wäre super, wenn das ein Force India wäre. Dann würde ich mich arg für das Team und mich freuen. Im Moment ist es allerdings noch nicht der Fall."

Force India gelingen seit Jahren immer wieder Überraschungserfolge in einer höheren Gewichtsklasse. Für regelmäßige Top-5-Ergebnisse oder gar Podestplätze fehlt es dem Team jedoch an Speed und viel Geld. Nur drei Mal stand ein Force-India-Pilot in der Geschichte des Teams, das zuvor als Jordan, Midland und Spyker an den Start ging, auf einem Formel-1-Podium. Giancarlo Fisichella 2009 in Belgien, Sergio Perez im vergangenen Jahr in Bahrain und noch einmal Perez in der abgelaufenen Saison in Sochi. Ein solcher Podestplatz ist ein Erfolgserlebnis, dem Hülkenberg seit Jahren hinterherjagt - denn noch ist der Le-Mans-Sieger ohne einen Podiumsbesuch in der Königsklasse des Motorsports.

Dennoch zählt Force India nun im dritten Jahr in Folge zu den Top-6 der Konstrukteurswertung. "Wie gesagt, wir können uns noch nach vorne entwickeln, damit wir uns aus eigener Kraft in die Top-5 drücken können", glaubt Hülkenberg. "Im Moment sind Rennsiege aber nicht realistisch. Da muss man auch sehen, gegen wen wir kämpfen: das Mercedes-Werksteam, Red Bull, Ferrari - sie haben das doppelte oder dreifache Budget. Da müssen wir dann auch realistisch sein und uns eingestehen, dass wir dagegen in der Formel 1 nicht anstinken können. Wir müssen einfach das Beste aus unseren Möglichkeiten machen."

Hülkenberg holte 2009 auf Anhieb den GP2-Titel - Foto: Sutton

Hülkenberg stellte sein Können schon oft unter Beweis

Hülkenberg selbst hat das in seiner bisherigen Karriere durchaus geschafft. Abgesehen von seiner ersten und seiner bisher letzten Formel-1-Saison hat er in jedem Jahr seinen Teamkollegen geschlagen. Damals war er in der Saison 2010 Teamkollege des Rekord-GP-Starters Rubens Barrichello bei Williams. Nach WM-Punkten ging dieses Duell mit 22:47 Zählern verloren. Das große Ausrufezeichen des Jahres setzte allerdings Hülkenberg mit seiner sensationellen Pole beim Heimrennen des Brasilianers in Interlagos. Zuvor hatte er in allen Nachwuchsserien, in denen er an den Start gegangen ist, auf Anhieb den Titel gewonnen.

Nur in der Formel-3-Euro-Serie gewann er die Meisterschaft erst im zweiten Jahr, sorgte in seinem Rookiejahr mit Gesamtrang drei hinter Romain Grosjean und Sebastien Buemi aber durchaus für Aufsehen. Selbst bei seinem ersten Auftritt bei den legendären 24 Stunden von Le Mans siegte Hülkenberg in diesem Jahr im ersten Anlauf mit Porsche. Angesichts solcher Leistungen hätte er in den Augen vieler Experten eigentlich schon längst die Chance in einem Top-Cockpit verdient. "Wenn du so direkt fragst: ja!", sagt Hülkenberg mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht. Da ist sie also wieder, diese unbändige Überzeugung, dieses massive Selbstbewusstsein.

"Als Rennfahrer muss man immer von sich selbst überzeugt sein", erklärt er. "Aber ich glaube, dass ich auch die nötigen Leistungen gezeigt habe." Fakt ist jedoch, dass er eben nicht in einem Mercedes, Red Bull oder Ferrari sitzt. Das erkennt Hülkenberg ohne Umschweife an. "Aus welchen Gründen auch immer", schiebt er den Hinweis nach, dass er weiterhin daran arbeite. "Ich bin jetzt 28 und habe noch gute Jahre in mir. Fahrerisch und vom Stand meiner Laufbahn bin ich gerade in der Blüte meiner Karriere. Von daher freue ich mich auf die Zukunft."

In der Formel 1 stand Hülkenberg noch nie auf dem Podest - Foto: Sutton

Wenn sein neuer Kontrakt mit Force India endet, wird Hülkenberg die 30er Marke geknackt haben. In Zeiten des Formel-1-Jugendwahns könnte das gegen ihn sprechen. Oder ist es genau das richtige Alter, um endlich in ein Spitzenteam aufzusteigen? "Darüber lasse ich lieber euch debattieren", sagt er vorsichtig. "Warten wir ab, wie sich meine Performance bis dahin entwickelt. Das ist alles Spekulation - es steht in den Sternen." Dass er jetzt wie dann das Zeug dazu hat, davon ist er allerdings felsenfest überzeugt.

"Ich werde garantiert immer noch fit und in der Lage sein, ein Formel-1-Auto zu fahren. Ob es dann mit einem Top-Team klappen wird, kann ich jetzt noch nicht beantworten. Ich wünsche es mir natürlich, aber ich weiß es nicht. An meiner Motivation wird es jedenfalls nicht scheitern." Vielleicht blüht ihm dann ja sogar mehr als nur ein Sommermärchen. Die großen Pokale werden bekanntlich erst im Winter verliehen.

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