Taxifahrer hatte Luca die Montezemolo die Formel-1-Piloten genannt, als ihm klar war, wie wenig 100 Kilogramm Benzin für eine gesamte Renndistanz in der Formel 1 eigentlich sind. Der ehemalige Ferrari-Präsident war - und vermutlich auch ist - nicht der einzige, der dem aktuellen Technischen Reglement nicht viel abgewinnen konnte oder kann. Doch schon im vergangenen Jahr war die Formel 1 besser als ihr Ruf. In Brasilien konnten die Turbo-Hybriden sogar einen V10-Rundenrekord brechen.

Auch die Chassis-Ingenieure schlafen nicht -
Auch die Chassis-Ingenieure schlafen nicht -Foto: Sutton

Über den Winter haben die Teams noch einmal ordentlich aufgerüstet. Der größte Sprung kommt von den Motoren - klar, die neuen Antriebseinheiten waren 2014 noch komplett neu. Je neuer eine Technologie ist, desto steiler ist die Lernkurve. Aber auch die Chassis-Ingenieure schlafen nicht, außerdem hat Pirelli die Pneus weiterentwickelt.

Alles Zutaten, die die Formel 1 schneller machen. Dem stehen elf Kilogramm mehr Gewicht entgegen, die allerdings mehr als kompensiert werden. Bei manchen Teams mit schwereren Fahrern sind es nicht einmal elf Kilogramm mehr, weil sie 2014 nicht an der Untergrenze von 791 Kilogramm waren. In Summe sollen die neuen Autos jedenfalls deutlich schneller sein. Pirelli erwartet sogar weitere Rundenrekorde. Motorsport-Magazin.com analysiert, wie schnell die Autos in diesem Jahr wirklich sind.

Auf eine Runde 2 bis 3 Sekunden schneller

Am einfachsten sind natürlich Qualifying-Zeiten zu vergleichen. Allerdings war im vergangenen Jahr das Zeittraining in Melbourne verregnet. Einen Vollgas-Vergleich kann man somit nicht ohne Abstriche ziehen. Die Zeiten aus dem dritten Freien Training geben immerhin einen Anhaltswert. 2014 fuhr Nico Rosberg mit 1:29.375 Minuten die schnellste Zeit im FP3. In diesem Jahr setzte Teamkollege Lewis Hamilton mit 1:27.867 die Pace. Allerdings war diese Zeit sogar langsamer als die Bestzeit im zweiten Freien Training.

Fallen weitere V10-Rundenrekorde? -
Fallen weitere V10-Rundenrekorde? -Foto: Sutton

Die Strecke hatte sich also etwas verschlechtert. im Qualifying konnte Hamilton dann zulegen: 1:26.327 brannte er in den Asphalt. Das wäre ziemlich genau drei Sekunden schneller als die Wochenendbestzeit von 2014. Vergleicht man die Trainingszeiten, liegen rund zwei Sekunden zwischen den Jahren. Irgendwo dazwischen dürfte dann der reelle Sprung liegen. Bei zwei bis drei Sekunden.

Eine große Überraschung ist das nicht. Von diesem Wert war man bereits nach den Testfahrten in Barcelona ausgegangen. Trotzdem: Um zu verdeutlichen, wie stark die Verbesserung ist, dient ein Vergleich mit 2013. Damals stellte Sebastian Vettel mit 1:25.908 Minuten im FP2 die Wochenendbestzeit auf. Auch wenn es im Qualifying bei normalen Bedingungen noch schneller gegangen wäre, die Generation 2015 ist verdammt nahe an dieser Zeit dran. Wohlgemerkt auf einer Strecke, auf der Abtrieb zählt. Im vergangenen Jahr war das die große Schwäche der Autos.

Überraschung im Renntrimm

Interessanter ist aber der Renntrimm. Darauf zielt bekanntlich die meiste Kritik ab. Böse Zungen sprechen von Spritsparschlachten. Melbourne ist für diese Disziplin eine der schwierigsten Strecken im Kalender. In diesem Jahr noch mehr. "Ich verstehe selbst nicht, warum es so hart ist, wir mussten im letzten Jahr kaum sparen. Dieses Jahr scheint es etwas schlimmer zu sein", gab Nico Rosberg selbst zu. Umso mehr überrascht am Ende das Ergebnis.

Die Motorengeneration 2015 ist noch effizienter -
Die Motorengeneration 2015 ist noch effizienter -Foto: Mercedes-Benz

Die neuen Motoren haben mehr Leistung. Mehr Leistung ergibt mehr Verbrauch - diese Schlussfolgerung ist falsch. Denn mit der Benzindurchflussgrenze von 100 Kilogramm pro Stunde sind den Ingenieuren beim Leistungszugewinn die Hände gebunden. Mehr Leistung gibt es nur, wenn aus den zur Verfügung stehenden 100 Kilogramm Benzin mehr Energie umgewandelt werden kann. Sprich: Der Wirkungsgrad muss höher werden. Mehr Effizienz, mehr Leistung. Durch die gesteigerte Effizienz sinkt der Verbrauch im Vergleich zum Vorjahr - bei gleicher Leistung. Um die Maximalleistung in diesem Jahr zu erreichen, benötigt man aber die gleiche, maximale Benzinmenge.

Ein Faktor, der den Benzinverbrauch allerdings etwas nach oben treibt, ist der Luftwiderstand. Mercedes hat mehr Abtrieb gefunden. Der Abtrieb muss aber mit Luftwiderstand erkauft werden. Das kostet nicht nur Topspeed, sondern auch Benzin. Und: Der Ballast von elf Kilogramm mehr erhöhte den Verbrauch auch geringfügig.

Safety-Car hilft Benzinsparen

Auf den ersten Blick wirkt die Rennpace 2015 auch nicht besonders spektakulär. 1:31:54 Stunden war Rennsieger Lewis Hamilton am Sonntag unterwegs. Zu 2014 eine Steigerung. Da waren es 1:32:58 Stunden. Im Vergleich zu 2013 aber noch immer weit weg. Kimi Räikkönen benötigte vor zwei Jahren nur 1:30:03 Stunden für die gesamte Renndistanz.

Aber Vorsicht: 2013 gab es - fast untypisch für Melbourne - keine einzige Safety-Car-Phase. 2014 und 2015 rückte Bernd Mayländer jeweils einmal aus. 2014 für vier Runden, in diesem Jahr für drei Runden. 126 Sekunden verlor Hamilton in diesem Jahr hinter dem Safety-Car, Rosberg im Vorjahr sogar 180 Sekunden. Korrigiert man die Rennzeiten, dauerte das Rennen 2014 01:29:59 Stunden und in diesem Jahr 01:29:37. Weil es im Vorjahr allerdings zwei Einführungsrunden gab, ging das Rennen über lediglich 57 Runden.

201320142015
Wochenend-Bestzeit 1:25.908 (FP2)1:29.375 (FP3)1:26.327 (Q3)
Renndauer01:30:0301:32:5901:31:54
Runden hinter SC043
Bereinigte Renndauer01:30:0301:31:3001:29:37
Durchschntl. Rennrunde bereinigt1:32.711:34.661:32.71

Rechnet man diese Faktoren zusammen, war das Rennen in diesem Jahr fast zwei Minuten schneller als 2014. Die durchschnittliche Rundenzeit betrug in dieser Saison 1:32.71 Minuten, vor einem Jahr lag sie noch bei 1:34.66 Minuten. Beide Male inklusive Boxenstopps. 2014 stoppte Rennsieger Rosberg zwar einmal mehr, allerdings fiel ein Boxenstopp in die Safety-Car-Phase.

Nicht nur, dass die Formel 1 über ein Jahr rund zwei Sekunden im Renntrimm gefunden hat. Der Australien GP 2015 ist bereinigt somit auch schneller als der letzte der V8-Ära. Zugegeben half die kurze Safety-Car-Phase dabei, etwas Sprit zu sparen und die Reifen waren 2013 alles andere als optimal auf die Renndistanz gesehen, trotzdem ist die Rennpace in diesem Jahr ein beachtlicher Schritt. Fast eine halbe Sekunde waren die 2015er Boliden im Schnitt schneller als die V8-Autos aus 2013 - und das mit einem Drittel weniger Benzin.