Als Teamchef eines Formel-1-Topteams hat sich Christian Horner mittlerweile daran gewöhnt, sich am Sonntagnachmittag nach dem Rennen in einer Journalisten-Traube wiederzufinden. Das Problem dabei: Es macht ihm sicher viel mehr Spaß, über Siege oder gar Doppelerfolge zu reden, als über Kollisionen oder gar Teamorder. Am Sonntag hätte er in Silverstone über einen überlegenen Sieg von Mark Webber sprechen können, doch alle Fragen drehten sich nur um ein Thema: Bevorzugt Red Bull Sebastian Vettel gegenüber Webber?

"Mark ist kein Nummer-2-Fahrer", spulte Horner immer und immer wieder die gleiche Antwort ab. Auslöser der Diskussionen war ein defekter Frontflügel am Auto von Vettel. Das Team hatte vor dem Qualifying nur noch ein Exemplar dieses Flügels auf Lager, das an Webbers Auto. Horner entschied 25 Minuten vor dem Qualifying gemeinsam mit Adrian Newey, dass Vettel das Teil bekommen sollte, da er in der WM-Wertung vorne lag.

Gleiche Regeln für alle

"Ich bedauere nichts", betont Horner. "Wir sind ein Team. Wir pushen so hart wie können, um die schnellsten Autos zu haben. Manchmal müssen Entscheidungen getroffen werden." Egal wer den Flügel bekommen hätte, eine Seite wäre unglücklich gewesen. "Diese Situation gibt es überall in der Boxengasse, nur wurde sie hier über die Maßen aufgeblasen", kritisiert Horner.

Auch in Valencia habe Red Bull nur zwei neue Unterböden dabei gehabt, nur wurde davon keiner beschädigt und die Frage stellte sich gar nicht. "Ich glaube immer noch, dass wir mit dem WM-Stand das richtige Kriterium genutzt haben", so Horner, der diese Grundlage auch zukünftig anwenden möchte. "Die gleichen Regeln gelten auch beim nächsten Rennen, obwohl wir natürlich nicht hoffen, dass es noch einmal zu dieser Situation kommen wird." Nach seinem Sieg liegt Webber in der Tabelle vor Vettel.

Dass Vettel das Teil nicht hätte bekommen sollen, weil es an seinem Auto kaputt ging, erachtet Horner nicht als logische Sichtweise. "Die Nasen gehören nicht zu bestimmten Chassis", betont er. "Wir bringen eine bestimmte Zahl an Nasen am Rennwochenende mit und sie ging an Sebastians Auto kaputt. Es wäre etwas anderes gewesen, wenn er sie kaputt gefahren hätte. Aber sie hätte an jedem Auto brechen können, also musste ich eine Entscheidung treffen."

Webber bleibt auch 2011

Red Bull möchte auch 2011 mit Mark Webber Siege feiern, Foto: Sutton
Red Bull möchte auch 2011 mit Mark Webber Siege feiern, Foto: Sutton

Auf die Zukunft von Webber im Team habe das Wochenende keinen Einfluss, obwohl Webber sich im Boxenfunk und auf der Siegerpressekonferenz öffentlich als Nummer-2-Fahrer bezeichnete. "Ich nehme ihm das nicht übel, sehe darin nichts Böswilliges. Mark hat keinen Vertrag als Nummer-2-Fahrer unterschrieben", so Horner. "Und das ist eine dumme Frage, denn wir haben den Vertrag vor über einem Monat unterzeichnet. Es ist absolut sicher, dass Mark nächstes Jahr im Team sein wird."

Zudem sieht Horner für Webber gar keine Alternativen. "Wir haben ihm ein Auto gegeben, mit dem er vorne mitfahren, gewinnen und um die WM fahren kann. Ich bezweifle sehr, dass er weggehen wird." Webber fahre schon seit vier Jahren für das Team und habe in der Anfangszeit noch um 10. und 11. Plätze gekämpft. "Er weiß, wie hart das Team gearbeitet hat, um uns in die Position zu bringen, Rennen zu gewinnen."

In Silverstone sei er ein brillantes Rennen gefahren, habe den besseren Start als Vettel gehabt und das Rennen souverän gewonnen. "Es lag nur wenig zwischen unseren beiden Fahrern und es war sehr schade, dass das Duell nach nur einen halben Runde vorbei war. Es wäre ein tolles Rennen zwischen ihnen geworden." Irgendwann werde allerdings der Zeitpunkt kommen, dass ein Fahrer keine Titelchance mehr habe. "Dann wäre es dumm, nicht hinter einem Fahrer zu stehen." Nur wer wird das dann sein?