Wir tun uns etwas schwer damit, Marco Mapelli als einen 'Rookie' in der DTM zu bezeichnen. Der Italiener gibt im zarten Alter von 38 Jahren zwar sein Seriendebüt mit Abt Sportsline, hat im GT3-Sport aber so ziemlich alles erlebt, was man auf vier Rädern nur erleben kann.
Mapelli ist seit zehn Jahren bei Lamborghini als Werksfahrer angestellt und hat die Welt des Langstrecken-Sports gefühlt mehrfach umrundet: ADAC GT Masters und NLS in Deutschland, GT World Challenge in Europa und Asien, amerikanische IMSA, Super GT in Japan, WEC weltweit, alle nur denkbaren 24-Stunden-Rennen rund um den Globus, Bathurst in Australien, 24H Series, GT Open, um nur einen Auszug zu nennen.
Nun also DTM, wo Mapelli seit vielen, vielen Jahren wieder ein Auto ganz für sich allein hat. Und das bei Abt Sportsline, dem erfolgreichsten Team in der Startaufstellung, das aber auf eine Saison voller Pleiten, Pech und Pannen mit dem Lamborghini Huracan zurückblickt. Jetzt folgt der brandneue Temerario GT3, und mit ihm Mapelli und Luca Engstler als neue Einsatzfahrer. Wir haben den DTM-Einsteiger zum Interview gebeten.
Marco, was erwartest du bei deinem Debüt in der DTM?
Marco Mapelli: Ich erwarte ein extrem hohes Niveau - aus Fahrersicht, aus Teamsicht und auch, was die Vorbereitung betrifft. Die DTM ist wahrscheinlich das höchste Level im GT-Racing. Und ich erwarte viele Zweikämpfe: viel harte Arbeit, manchmal auch Kopfschmerzen - aber auf jeden Fall auch viel Spaß! Es wird eine Art des Motorsports sein, die sehr viel Commitment verlangt.
Die DTM ist bekannt für sehr hartes Racing und viele Zweikämpfe. Liegt dir das als Langstrecken-Spezialist?
Marco Mapelli: Ich mag Kämpfe auf der Strecke. Natürlich versuchen heute viele Serien, das Racing 'fairer' zu gestalten - aber das heißt nicht, dass man nicht hart fighten darf. Berührungen gehören im GT-Sport dazu. Und genau das macht es von außen auch so attraktiv anzuschauen.
Auf der Langstrecke teilst du dir das Auto stets mit Teamkollegen. In der DTM sind die Fahrer Einzelkämpfer. Freust du dich darauf, den Lamborghini jetzt ganz für dich alleine zu haben?
Marco Mapelli: Ich fahre seit 15 Jahren Langstrecken-Rennen und da teilst du im Prinzip alles: Setup-Entscheidungen, Strategie-Entscheidungen, die Arbeit mit den Ingenieuren. In der DTM hingegen ist alles auf mich fokussiert - und das ist wirklich cool. Am Anfang musst du dich daran gewöhnen, aber ich mache mir da keine Sorgen. Du hast eine eigene Gruppe, die dich begleitet, dich versteht - deine Sprache, dein Feedback - und du baust Vertrauen auf, Tag für Tag, wenn man gemeinsam an der Strecke arbeitet.

In der DTM ist das Qualifying extrem wichtig und hat mehr Relevanz als bei mehrstündigen Rennen. Musst du dich da erst wieder reinfuchsen?
Marco Mapelli: In der DTM musst du tatsächlich ein guter Qualifier sein - du musst auf den Punkt abliefern. Ich muss da sicher wieder ein bisschen reinfinden. Ich kenne das Prinzip - etwa von Shootouts wie auf der Nordschleife oder auch in Bathurst, aber DTM ist in dieser Hinsicht noch spezieller. Das ist etwas, an dem ich arbeiten muss.
Ein weiterer Erfolgsfaktor in der DTM sind die Performance-Boxenstopps ohne Mindeststoppzeit. Wie betrachtest du diese Herausforderung?
Marco Mapelli: Auch in der Langstrecke musst du das Auto auf den Punkt auf den Boxenplatz stellen, sonst verlierst du Zeit - besonders in Serien ohne vorgeschriebene Standzeit. Der Vorteil in der DTM ist: Du fährst allein. Du hast dadurch mehr Möglichkeiten zu üben als im Endurance-Racing. Hier kannst du dich viel stärker darauf konzentrieren, überall diese kleinen Zehntelsekunden zu finden - bei der Boxeneinfahrt, beim Anhalten, beim Herausfahren.

Du bist in deiner Karriere für so ziemlich jedes Lamborghini-Kundenteam auf der Welt gefahren. Abt Sportsline ist das mit Abstand erfolgreichste Team in der aktuellen DTM-Startaufstellung. Bedeutet das einen besonderen Druck?
Marco Mapelli: Ja, ich hatte das Glück, in vielen Lamborghini-Kundensport-Umfeldern zu fahren - in den USA, Japan, Europa oder Großbritannien. Aber Abt Sportsline ist definitiv speziell. Das merkst du schon, wenn du in die Werkstatt kommst: die Trophäen, die Struktur, wie hier gearbeitet wird. Das hat eine besondere Aura. Und ja, damit geht auch Druck einher. Aber ich würde sagen: Ich kann diesen Druck in Performance umwandeln.
Du warst von Beginn an stark in die Entwicklung des neuen Lamborghini Temerario GT3 eingebunden. Wie fühlt er sich im Vergleich zum Vorgänger, dem Huracan GT3, an?
Marco Mapelli: Der Temerario ist ein anderes Auto, ein modernes Rennauto. Auch wegen des Motors: Twin-Turbo statt Sauger. Das verlangt einen etwas anderen Fahrstil. Aber die Philosophie bleibt Lamborghini. Es ist weiterhin ein Mittelmotor-Konzept, kein Frontmotor. Deshalb gibt es Charakteristiken, die man wiedererkennt. Trotzdem ist der Temerario ein großer Schritt - in der Performance, aber vor allem beim Arbeitsfenster. Beim Huracan waren wir zuletzt in einem sehr engen Setup- und Fahrstil-Fenster: Es war schwierig, dahin zu kommen - und noch schwieriger, das auf jeder Strecke und bei jeder Bedingung zu halten. Wir arbeiten daran, dass der Temerario einfacher abzustimmen ist und zuverlässiger funktioniert - vom Gentleman bis zum Profi.
Könnte es für dich und die Äbte in der DTM von Vorteil sein, dass du schon so viel mit dem Temerario gearbeitet hast?
Marco Mapelli: Wir sind sehr offen bei Lamborghini. Jeder bekommt die Gelegenheit zu verstehen, was wir gemacht haben und warum wir bestimmte Entscheidungen getroffen haben. Klar: Zu wissen, wie das Auto auf bestimmte Änderungen reagiert, hilft. Aber wir haben in der Entwicklung vor allem Grundlagen gelegt. Wir haben nicht die Performance-Entwicklung bis ins letzte Detail gemacht - in Richtung DTM, GT World Challenge oder IMSA. Das sind unterschiedliche Entwicklungsrichtungen, und zeitlich waren wir limitiert. Die letzten zehn Prozent fehlen noch. Die hängen stark an der Fahrbarkeit und daran, wie ein Fahrer das Auto exakt auf seinen Stil schärfen will. Gerade in der DTM, wo du dein eigenes Auto hast und sehr gezielt abstimmen kannst, ist das entscheidend.
Abt Sportsline blickt auf eine schwierige erste DTM-Saison mit Lamborghini zurück. Welche Ziele hast du dir für dein Debüt gesteckt?
Marco Mapelli: Das Ziel ist klar: Zusammen mit Luca das Team wieder dahin zu bringen, wo es hingehört - um Podien und Siege zu kämpfen. Wenn du um Siege kämpfen kannst, dann auch um die Meisterschaft. Wir müssen zurück zu dem Niveau, das wir dafür brauchen - und dann schauen wir im Saisonverlauf, wo wir stehen und ob wir wirklich in der Lage sind, um den Titel fahren zu können.

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