Hinter dem DTM-Abschied des amtierenden Champions Ayhancan Güven steckt ein echtes Politikum. Es geht konkret um die Vergabe von Superlizenz-Punkten, die der Türke benötigt, um wie von Porsche vorgesehen zum Ende des Jahres 2026 in die Formel E einsteigen zu können. Superlizenz-Auflagen müssen Rennfahrer nicht nur für die Formel 1, sondern - das ist selbst vielen Szenekennern unbekannt - ebenso für die Formel E erfüllen, die ebenfalls als FIA-Weltmeisterschaft eingetragen ist.
Der Plan der Porsche-Verantwortlichen für den frischgebackenen Werksfahrer Güven: Er soll nächstes Jahr für das Manthey-Team in der LMGT3-Klasse der WEC antreten und mit einer guten Gesamtplatzierung in der Langstrecken-WM versuchen, die restlichen Superlizenz-Punkte zu ergattern. Unter diesem Gesichtspunkt ergibt Güvens Wechsel aus der DTM in die WEC tatsächlich Sinn, denn in der WEC mit FIA-WM-Prädikat gibt es potenziell deutlich mehr Punkte zu holen.
Dilemma: Güven hat zu wenig Superlizenz-Punkte
Güven erhielt für den Gewinn der diesjährigen DTM-Meisterschaft 'nur' 6 Superlizenz-Punkte. Für den Titelgewinn in der WEC bekommen die LMGT3-Champions hingegen 12 Zähler. Manthey gilt als das Nonplusultra in der 2024 erschaffenen LMGT3-Klasse und gewann in beiden Jahren die Meisterschaft. Zwar wird sowohl in der DTM als auch in der LMGT3-WEC mit handelsüblichen GT3-Autos gefahren, aber die FIA stuft die unter dem eigenen Mantel ausgetragene Serie samt WM-Prädikat wenig überraschend höher ein als eine auf Deutschland fokussierte Serie wie die DTM.
Um sich für den Erhalt der Formel-E-Lizenz - die sogenannte eLicence - zu qualifizieren, braucht ein Rennfahrer entweder 20 Superlizenz-Punkte oder alternativ 15 Punkte sowie mindestens 100 Kilometer bei einem offiziellen Test/Training im Formel-E-Auto. Beim Rookie-Test in Berlin am 14. Juli 2025 legte Güven sogar 207 Kilometer in einem Formel-E-Porsche zurück und überzeugte mit einer überraschend starken Performance. Daraus entstand der Plan, Güven als künftigen Stammfahrer in der Formel E zu etablieren.
DTM ausgerechnet jetzt abgewertet: Güven im Pech
Güven hatte auf der Jagd nach den Superlizenz-Punkten aber gleich doppeltes Pech: Ausgerechnet zur Saison 2025 hat die FIA den Punkteschlüssel für die DTM herabgestuft. Bis 2024 erhielt der Meister noch 15 Punkte, seit diesem Jahr sind es nur 6 - so wie bei allen weiteren, international ausgeschriebenen GT3-Rennserien auch. Hätte Güven also 2024 den DTM-Titel gewonnen, hätte er die nötigen Punkte für die Formel-E-Lizenz (15) in der Tasche gehabt.
Warum die FIA die DTM - bis Ende 2020 eine reine Hersteller-Serie mit Silhouetten-Prototypen - ausgerechnet zu diesem Jahr hin abgewertet hat, ist noch nicht klar. Motorsport-Magazin.com wartet auf eine Rückmeldung des Automobil-Weltverbands. Nach unseren Informationen beschäftigt sich inzwischen auch der DTM-Promoter ADAC mit der Frage, warum es seit 2025 weniger Superlizenz-Punkte gibt als zuvor.
Güvens zweiter Fall von Punkte-Pech: Anfang 2023 ging er in der LMP2-Kategorie der Asian Le Mans Series (ALMS) an den Start und gewann die Klassenmeisterschaft mit dem Team DKR Engineering. Für die eLicence-Vergabe werden die Resultate der vergangenen drei Jahre herangezogen, also in Güvens Fall alle inklusive der Saison 2023.
Für den ALMS-Titel gibt es laut der Superlizenz-Tabelle der FIA 10 Punkte für die Fahrer. Aber: Laut dem Anhang L des International Sporting Code muss eine Meisterschaft mindestens drei Rennen bzw. Rennwochenenden auf mindestens zwei unterschiedlichen Strecken umfassen, um für die Vergabe von Superlizenz-Punkten berechtigt zu sein.
In Güvens Fall bestand die Asian Le Mans Series 2023 jedoch nur aus zwei Rennwochenenden mit vier einzelnen 4-Stunden-Rennen in Dubai und Abu Dhabi. Da laut Anhang L zwischen der Austragung von zwei Wettbewerben ("Competitions") mindestens 72 Stunden liegen müssen, wurden die vier Einzelrennen als zwei Rennwochenenden gewertet. Deshalb erhielt Güven trotz des Titelgewinns keinen einzigen Superlizenz-Punkt. 2023 fiel übrigens noch unter die erweiterte Corona-Erleichterung - seit Mitte 2023 muss eine Meisterschaft mindestens fünf Veranstaltungen umfassen, um für die Vergabe von Superlizenz-Punkten in Frage zu kommen.
FIA-Superlizenz-Tabelle 2025 (Auszug mit ausgewählten Rennserien)
| Rennserie | P1 | P2 | P3 | P4 | P5 | P6 | P7 | P8 | P9 | P10 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| FIA Formel 2 | 40 | 40 | 40 | 30 | 20 | 10 | 8 | 6 | 4 | 3 |
| IndyCar | 40 | 30 | 25 | 20 | 15 | 10 | 8 | 6 | 3 | 1 |
| Formel E | 30 | 25 | 20 | 10 | 8 | 6 | 4 | 3 | 2 | 1 |
| WEC (Hypercar) | 30 | 24 | 20 | 16 | 12 | 10 | 8 | 6 | 4 | 2 |
| Japanische Super GT500 | 20 | 16 | 12 | 10 | 7 | 5 | 3 | 2 | 1 | 0 |
| NASCAR | 15 | 12 | 10 | 7 | 5 | 3 | 2 | 1 | 0 | 0 |
| WEC (LMGT3) | 12 | 10 | 7 | 5 | 3 | 2 | 1 | 0 | 0 | 0 |
| DTM | 6 | 4 | 2 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 |
| GT3-Rennserien | 6 | 4 | 2 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 |
| Kart-WM (Senior) | 4 | 3 | 2 | 1 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 |
Formel E: Ausnahme-Regelung greift in Güvens Fall nicht
Und es wird nicht besser für Güvens delikate Situation: Abseits der reinen Punkte behält sich die FIA vor, Fahrern eine eLicence für die Formel E zu verleihen, die in der Vergangenheit "konstant außergewöhnliche Fähigkeiten in Single-Seater-Autos oder in Meisterschaften, in denen mindestens 20 Punkte vergeben werden" unter Beweis gestellt haben. Dazu zählen abseits von Formelserien nur die Hypercar-Klassen der WEC und IMSA sowie die japanische Super GT500 mit ihren Silhouetten-Prototypen.
Auf diese Weise erhielt nach unserer Kenntnis der Formel-E-Weltmeister von 2023, Jake Dennis, anno 2020 eine 'Ausnahmegenehmigung' für den Formel-E-Einstieg, weil er zuvor in der GP3 (heutige FIA Formel 3) und Formel-3-Europameisterschaft fuhr. Güven hingegen verfügt über keinerlei Erfahrung in Formel-Nachwuchsserien, sondern stieg aus dem Kartsport zur Saison 2017 direkt in die Porsche Carrera Cups Frankreich und Benelux ein, bevor er in den GT3-Sport wechselte.
Es handelt sich bei Güven also um ein regulatorisches Dilemma, bei dem mehrere Faktoren zusammenkamen. Dass der heute 27-Jährige neben dem DTM-Titel 2025 bereits im Jahr 2024 einen Gesamtsieg bei den 12 Stunden von Bathurst, den zweiten Platz beim 24h-Rennen Nürburgring und den zweiten Meisterschaftsplatz in der Intercontinental GT Challenge (mit vier Einzelrennen) vorweisen konnte, hilft ihm für den Erhalt der eLicence herzlich wenig.
Wie es Güven in die Formel E schaffen kann
Auf Güven wartet eine richtungsweisende Saison 2026 in der WEC mit Blick auf die weitere Karriere: Mit zwei noch nicht bekannten Teamkollegen von Manthey-Porsche muss er versuchen, in der Gesamtwertung den ersten Platz (12 Superlizenz-Punkte) oder mindestens Rang zwei (10 Superlizenz-Punkte) zu erreichen, um dann zusammen mit seinen Punkten für den DTM-Titel (6 Punkte) die Lizenz-Vorgaben für den Formel-E-Einstieg (15 Punkte) zu erfüllen.
Porsche erweitert sein Werksaufgebot ab der Formel-E-Saison 2026/27, die voraussichtlich Ende 2026 beginnt, von zwei auf vier Autos. Dann beginnt mit der Einführung des über 800 PS starken Gen4-Boliden eine neue technologische Ära in der Elektro-Weltmeisterschaft. Einer der vier Werks-Porsche ist für Güven vorgesehen - wenn er denn die nötigen Punkte in der Zwischenstation namens WEC ergattert.
Warum fährt Güven nicht weiter in der DTM?
Eine theoretische Alternative wäre für Porsche gewesen, den 27-jährigen Güven 2026 in einer Formel-Nachwuchsserie unterzubringen - im Single-Seater-Sport werden generell mehr Superlizenz-Punkte vergeben als im GT- und Tourenwagenbereich. Die Aussichten des Formel-Novizen auf ein gutes Resultat wären allerdings unberechenbar gewesen und hätten Porsche obendrein viel Geld für ein konkurrenzfähiges Cockpit bei einem externen Team gekostet.
Warum Güven parallel zum neuen WEC-Engagement nicht weiterhin in der DTM an den Start geht - zwischen beiden Serien gibt es 2026 keine Terminüberschneidungen - ist uns noch nicht bekannt. Seine verstärkte Vorbereitung auf die Formel E könnte laut Spekulationen ebenso eine Rolle spielen wie vertragliche Situationen unterschiedlicher Porsche-DTM-Fahrer.
Welcher Fahrer in der DTM auf den scheidenden Champion Ayhancan Güven im Manthey-Porsche folgen könnte, lest ihr jetzt in diesem Artikel:



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