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DTM

Nach Ausfall-Orgie: DTM sollte kein Autoscooter werden

Mehr Stockcar als DTM? Auf dem Nürburgring hielten die Fahrer brutal rein: neun Autos ausgefallen! Die Meinungen über die Fahrweise gehen auseinander.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Mehr Chaos als Rennen am Sonntag bei der DTM auf dem Nürburgring! Im turbulenten zweiten Lauf in der Eifel sahen neun von 23 gestarteten GT3-Autos die Zielflagge nicht. Zum Vergleich: In den sieben vorangegangenen Rennen der Saison 2021 gab es in Monza, auf dem Lausitzring, in Zolder sowie am Samstag auf dem Nürburgring insgesamt nur 19 Ausfälle zu vermelden.

"Ich war echt überrascht, wie brutal die reinhalten", sagte HRT-Teamchef Hubert Haupt, der nach 20 Jahren als Fahrer in die DTM zurückgekehrt war und einen ersten von möglicherweise mehreren Gaststarts absolvierte, bei Sport1. "Wer als Profi Sprintrennen fährt, will schließlich ankommen. Dass hier neun Autos ausfallen, war schon ein Tick zu viel."

Haupt war einer von vier Mercedes-Piloten, die das Rennen nicht beenden konnten. Während der 52-Jährige allerdings einem technischen Defekt zum Opfer fiel und vorzeitig ausschied, krachte es bei den anderen AMG-GT3-Fahrern sogar untereinander. Haupt, der als Teambesitzer seines eigenen Rennstalls weiß, wovon er spricht: "Die Teamchefs werden den Fahrern schon die Ohren langziehen. Das kostet ja schließlich auch Geld."

Abt-Teamchef: DTM sollte kein Autoscooter werden

Wenig begeistert gewesen sein dürfte unter anderem Abt-Teamchef Thomas Biermaier, der mitansehen musste, wie Kelvin van der Linde und Mike Rockenfeller nach einer Kollision mit Liam Lawson aus dem Rennen genommen wurden. Ein schwerer Rückschlag, nachdem die Äbte am Samstag mit Sieger van der Linde (dritter Start/Ziel-Sieg) und Rockenfeller einen doppelten Podesterfolg bejubeln durften.

"So schön der Samstag war, so bitter war für uns der Sonntag", sagte Biermaier. "Wir wollen harte Zweikämpfe sehen. Aber die DTM sollte kein Autoscooter werden." Gerade zwischen dem Meisterschaftsführenden van der Linde und Ferrari-Youngster Lawson ging es am Sonntag heiß her. Schon im Qualifying kamen sich die beiden Piloten beim Kampf um die bessere Streckenposition ins Gehege.

Im Rennen krachte es dann kurz nach dem Restart der zweiten Safety-Car-Phase zur 17. Runde, ausgelöst durch den Ausfall von Haupts HRT-Mercedes in Runde 9. Zu diesem Zeitpunkt hatten einige Fahrer bereits ihren Pflicht-Boxenstopp absolviert, während Ein Teil der eigentlichen Spitzengruppe durch die Zusammenführung plötzlich mitten im Pulk fuhr. Auf dem Weg nach vorne kam es schließlich zum Crash der beiden Äbte mit Lawson auf dem Weg in die Schikane.

Rockenfeller: Lawson fehlt die Erfahrung

"Ich weiß nicht, was er überhaupt will", ärgerte sich van der Linde noch während des Rennens über den 19-jährigen Neuseeländer, der am Wochenende punktelos blieb. "Sein Rennen ist eh im Arsch. Dann kommt er über die Wiese gefahren. Da waren zwei, drei Autos nebeneinander. Ich habe keine Ahnung, was er da machen will!"

Rockenfeller führte das Manöver auf die mangelnde Erfahrung des GT3-Novizen zurück, der vor dem vierten Rennwochenende den zweiten Platz in der Tabelle belegte. Lawson gab nach zwei erlittenen Reifenschäden, der Durchfahrtsstrafe und insgesamt fünf Besuchen in der Boxengasse schließlich entnervt und mit einem Schaden an der Aufhängung auf.

DTM Nürburgring 2021: Zusammenfassung des Chaos-Rennens: (04:03 Min.)

Ellis: Ferrari scheint keine Spiegel zu besitzen

Schon in der ersten Runde sorgte der talentierte Red-Bull-Nachwuchspilot für Ärger, nachdem er Mercedes-Pilot Philip Ellis ins Gras gedrückt hatte. "Leider scheint der Ferrari keine Spiegel zu besitzen, und nach dem Ausflug in die Wiese war das Rennen im Grunde schon gelaufen", ärgerte sich Lausitzring-Sieger Ellis nach dem Podesterfolg am Vortag. Sein Winward-Teamchef Christian Hohenadel pflichtete bei: "Wir alle lieben hartes Racing, aber das war sicherlich etwas zu viel."

Ellis, der sich mit dem Podestplatz am Samstag als Gesamtsechster eine gute Ausgangslage in der Meisterschaft geschaffen hat, fiel dann in der vierten Runde nach dem Restart in Folge der ersten Safety-Car-Phase aus - ausgerechnet nach einer unglücklichen Berührung mit Mercedes-Gaststarter Luca Stolz (ebenfalls ausgefallen), der sein Podium vom Vortag nachträglich verloren hatte, weil er beim Boxenstopp einen Mechaniker des Mercedes-Teams GruppeM am Fuß erwischt hatte. Ellis: "Eine Kettenreaktion, die vor uns entstanden war und für die niemand wirklich etwas konnte. Und das war's dann eben..."

GetSpeed kündigt Berufung an - Buhk bedient

Mit Lucas Auer war auch der zweite Winward-Pilot in eine brenzlige Situation involviert, als es zu Beginn der zweiten Runde eng wurde mit den weiteren Mercedes-Piloten Maxi Buhk und Arjun Maini. Der für Mücke Motorsport startende Buhk fiel nach einem Kontakt mit Auer und der Mauer entlang der Start/Ziel-Geraden aus. Die Rennleitung machte den Inder Maini für den unübersichtlichen Vorfall verantwortlich und brummte ihm nachträglich eine 30-Sekunden-Zeitstrafe auf, die ihn den siebten Platz kosten würde. Sein Team GetSpeed hat laut ITR eine Berufung gegen das Urteil angekündigt.

Buhk war restlos bedient, nachdem er schon am Samstag, ebenfalls in der zweiten Runde und ebenfalls nach einer Kollision mit dem Österreicher Auer, ausgefallen war. "Zur allgemeinen gegenwärtigen Fahrweise in der DTM möchte ich mich nicht äußern, dazu sollte sich jeder Beobachter seine eigene Meinung bilden", ließ sich der permanente Vertreter des ursprünglich eingeplanten Gary Paffett in seiner Pressemitteilung zitieren.

Porsche beim Debüt doppelt abgeschossen

Ähnlich könnte die Gefühlslage bei Michael Ammermüller gewesen sein beim ersten Einsatz eines Porsche in der Geschichte der DTM. Der SSR-Pilot bekam bei seinem Gaststart in beiden Rennen so einiges ab. Nach dem frühzeitigen Samstags-Ausfall in Runde acht, war einen Tag später nach 17 Runden und einer Berührung mit Timo Glocks ROWE-BMW vorzeitig Feierabend. Der Schlamassel hatte aber schon in Runde vier begonnen, als Ammermüller nach einem starken Qualifying auf Platz drei liegend von HRT-Pilot Max Götz leicht am Heck getroffen und auf der Strecke gedreht worden war.

Glock selbst kam auf dem Weg zu Platz acht und seinen ersten Punkten in der laufenden Saison nicht gänzlich unbeschadet durchs Rennen. "In den ersten Runden wurde ich von einigen Autos getroffen", sagte der BMW-Werksfahrer. "Das fühlte sich mehr wie Stockcar als wie DTM an. Aber ich bin happy, jetzt meine ersten Punkte geholt zu haben."

Foto: DTM

Wittmann: Das größte DTM-Chaos

Auch die Podestfahrer Alex Albon, Daniel Juncadella und Marco Wittmann mussten während des Rennens um ihre Punkte bangen. Während sich GruppeM-Mercedes-Pilot Juncadella über die Fahrweise von Flörsch-Ersatz Markus Winkelhock ärgerte ("Ich bin schockiert"), bezeichnete der zweifache Champion Wittmann den zweiten Restart als das größte Chaos, das er je in der DTM erlebt habe: "Das war verrückt! Rückblickend hat es aber Spaß gemacht, weil ich sechs Autos innerhalb von drei, vier Kurven überholt habe."

Wittmann führte das harte Rennen auch auf die Streckenbedingungen der 3,629 Kilometer langen Kurzanbindung des Nürburgrings zurück. "Das Layout lädt zu unterschiedlichen Fahrlinien ein", erklärte der Walkenhorst-Pilot, der mit dem Auslaufmodell BMW M6 GT3 den dritten Platz in der Meisterschaft belegt. "Dadurch wurde es ein bisschen wild und schmutzig. Aber hier und da Kontakt haben, das gehört nun mal zur DTM und dem Tourenwagensport."

Im Rausche des ersten DTM-Sieges sagte der ausrangierte Formel-1-Pilot Albon: "In der DTM läuft es ein bisschen anders. Es geht aggressiv zur Sache. Ich mag das. Wir sollten das Fahren nicht überkontrollieren. Vor allem in dem Bereich zwischen den Positionen sieben bis 14 kann es knifflig werden. Ich würde aber nichts ändern. Es macht Spaß, du musst halt nur mehr in die Spiegel gucken."


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