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Audi nicht der Totengräber der DTM: Sportchef Gass im Interview

Audi-Motorsportchef Dieter Gass im Interview mit Motorsport-Magazin.com: Gedanken zum DTM-Ausstieg, zur BMW-Kritik und der Zukunft im Werks-Motorsport.
von Robert Seiwert
Zurück zu den Wurzeln: Letzte Rettung für die DTM?: (36:25 Min.)

Freitagmorgen, kurz nach neun Uhr: Interviewtermin mit Dieter Gass. Eine ähnliche Uhrzeit wie früher die angesetzten Medienrunden mit dem Audi-Motorsportchef im Rahmen der DTM-Rennwochenenden. Doch die kriselnde Tourenwagenserie hat aktuell Zwangspause, die Corona-Krise verbietet Motorsport. Also muss, wie derzeit üblich, das Telefon herhalten. Gass ist schon seit sechs Uhr am Morgen aktiv, trotz rennfreier Zeit ist die To-Do-Liste lang. Bei Motorsport-Magazin.com spricht der 57-Jährige erstmals öffentlich seit dem Audi-Vorstandsbeschluss vor knapp zwei Wochen, nach 2020 aus der DTM auszusteigen.

Herr Gass, Ihr Terminkalender ist trotz aktueller Renn-Zwangspause offenbar prall gefüllt. Welche Aufgaben gibt es derzeit für den Audi-Motorsportchef?
Dieter Gass: Viele, viele Themen, die normalerweise nicht auf der Agenda stehen. Sie haben sicherlich mitbekommen, dass einige Dinge in der Organisation geändert wurden und wir nicht mehr Teil der technischen Entwicklung der Audi AG, sondern der Audi Sport GmbH sind. Zudem betreiben wir viel Corona- und Ressourcen-Management, um die Arbeit der Mitarbeiter zu organisieren und einzuteilen. Einige befinden sich aktuell in Kurzarbeit. Es sind also viele Themen im Umfeld, von denen ich mich frage, wie ich sie alle bewältigen sollte, wenn es zusätzlich noch Rennen gäbe. Und selbstverständlich mussten wir auch den DTM-Ausstieg verarbeiten.

Wie haben Sie auf den Audi-Vorstandsbeschluss reagiert, die DTM nach 2020 zu verlassen?
Dieter Gass: Das Audi-Engagement in der DTM war seit längerer Zeit ein Thema in der Öffentlichkeit. Das ging natürlich nicht spurlos an uns vorbei. Der Aston-Martin-Ausstieg war bereits ein Schock. Auch das Thema wurde mehr in der Öffentlichkeit diskutiert als dass mit uns kommuniziert worden wäre. Uns wurde immer versichert, dass alles weiterläuft. Und dann kam die Corona-Krise dazu. Danach, muss ich sagen, war ich persönlich nicht mehr so überrascht von der Entscheidung. Im Hinterkopf hat man fast schon damit gerechnet.

Sie sind seit 2013 Leiter DTM bei Audi, seit 2017 Audi-Motorsportchef. Wie sehr trifft Sie der DTM-Ausstieg persönlich?
Dieter Gass: Ich habe die DTM immer als sehr hochklassigen Motorsport wahrgenommen und besonders in den letzten Jahren festgestellt, dass der sportliche Wert durch die Reglementänderungen noch einmal gestiegen ist. Deshalb habe ich persönlich die DTM immer sehr gemocht. Es ist aber nicht nur eine eigene Entscheidung, man muss auch die Unternehmensbrille aufsetzen. Und aus der Sicht war es unumgänglich.

Es wurde lange Zeit erwartet, dass die Entscheidung über eine Verlängerung des DTM-Engagements erst im Herbst dieses Jahres fallen würde. Wie bewerten Sie den nun getroffenen Zeitpunkt?
Dieter Gass: Generell gibt es keinen guten Zeitpunkt für solch eine Entscheidung, das ist klar. Wir hatten seit Jahresbeginn bis in den April einen größeren Wechsel im Vorstand der Audi AG. Deshalb fand ich persönlich es gut, dass man vorher keine negative Entscheidung getroffen und den neuen Vorstand vor vollendete Tatsachen gestellt hat. Es kann ja immer mal sein, dass neue Leute anders denken.

Timo Scheider: So einen Abschied hat die DTM nicht verdient: (19:04 Min.)

Bestand überhaupt jemals die Möglichkeit, dass es bei Audi mit der DTM anstelle der Formel E weitergehen könnte?
Dieter Gass: Es wurden alle Szenarien betrachtet.

Auch vor dem Hintergrund, dass mit Porsche inzwischen ein weiterer Hersteller aus dem Volkswagen-Konzern in der Formel E antritt?
Dieter Gass: Ja, genau vor diesem Hintergrund. Das war ein Teil der Diskussionen und das ist ein Thema, das uns nach wie vor beschäftigt.

Inwiefern?
Dieter Gass: Insofern, dass diese Situation besteht. Wenn man einen Konzern mit sehr vielen Marken hat und Motorsport machen möchte, dann ist es schwierig umzusetzen, dass diese Marken nirgendwo aufeinandertreffen. Und erst recht, wenn man elektrischen Motorsport betreiben möchte. Da gibt es aktuell nur die Formel E.

Halten Sie es für den richtigen Weg, dass Audi künftig voll auf Elektro-Werkssport setzen wird?
Dieter Gass: Das wurde so nicht zu 100 Prozent kommuniziert. Wir arbeiten an einer neuen Strategie und im Gegensatz zu Volkswagen ist bei Audi bisher keine Kommunikation erfolgt, die sagen würde, dass wir keinen Motorsport mehr mit Verbrennungsmotoren betreiben.

Der neue Audi-Vorstandschef Markus Duesmann sprach von der Prüfung weiterer progressiver Motorsport-Formate in Zukunft. Was kann man sich darunter vorstellen?
Dieter Gass: Das lässt natürlich einiges an Interpretationsspielraum offen. Es wäre zum jetzigen Zeitpunkt aber zu früh, detailliert über einzelne Rennserien zu sprechen. Es geht jetzt erst einmal darum, genau zu schauen, wie die Motorsport-Strategie in Zukunft aussieht.

Der ITR-Vorsitzende Gerhard Berger sagte in seiner ersten Reaktion, dass er von Audi umso mehr eine ordnungsgemäße, verantwortungsvolle und partnerschaftliche Abwicklung des geplanten Ausstiegs erwartet. Warum betont er das so vehement?
Dieter Gass: Das müssen Sie Gerhard Berger fragen. Selbstverständlich werden wir uns mit der ITR und BMW zusammensetzen, das weitere Vorgehen besprechen und unseren Beitrag leisten. Wir sind ja auch Mitglied im ITR e.V. und werden uns an einen Tisch setzen.

Audi-Motorsportchef Dieter Gass und DTM-Boss Gerhard Berger im Gespräch - Foto: Audi Communications Motorsport

Können Sie - Stand jetzt - garantieren, dass Audi 2020 in der DTM startet, sofern Rennen zustande kommen?
Dieter Gass: Das ist unser Plan, ja. Wenn es 2020 die Rennserie DTM gibt, wollen wir auf alle Fälle dieses Projekt zu einem erfolgreichen Abschluss bringen. Wenn möglich mit der Titelverteidigung, das ist unser Ziel.

Stand bei Audi zur Debatte, mit sofortiger Wirkung den Stecker in der DTM zu ziehen?
Dieter Gass: Ob das jemals irgendwo debattiert wurde, kann ich Ihnen nicht sagen. Im Endeffekt ist die Entscheidung so ausgefallen, dass wir die Saison 2020 fahren und danach unser Engagement nicht verlängern.

Können Sie sich vorstellen, dass die DTM nach 2020 auch ohne Audi überleben kann?
Dieter Gass: Ich würde mir gern wünschen, dass es weitergeht. Ich finde nach wie vor, dass in der DTM erstklassiger Motorsport geboten wird. Aber es wird mit Sicherheit sehr, sehr schwierig.

Ist Audi der Totengräber der DTM?
Dieter Gass: Das sehe ich natürlich ganz anders. Da muss man sich mal das Gesamtbild anschauen. Nach dem Mercedes-Ausstieg gab es nur noch zwei Hersteller. Und es war eigentlich klar, dass die DTM mit nur zwei Herstellern nicht mehr funktionieren würde. Dann kam Aston Martin als Lückenfüller. Man kann darüber diskutieren, inwiefern das erfolgreich war und ob sie durch ihren Ausstieg der Totengräber waren. Ich würde es so sehen, dass Audi die Marke war, die die DTM in den letzten Jahren am meisten gepusht hat. Wir waren die Ersten, die ein Kundenteam an den Start gebracht haben. Und die einzige Marke, die für 2020 ein neuntes Auto bringt, um wieder das Starterfeld aufzufüllen. Uns vorzuhalten, dass wir der Totengräber der DTM seien, finde ich ziemlich unfair. Wenn Audi nicht gewesen wäre, wäre die DTM schon viel früher beendet worden.

Wäre rückblickend vielleicht alles ganz anders verlaufen, wenn nicht Mercedes im Jahr 2015 die bereits für 2017 geplante Einführung des Turbo-Motors verhindert hätte?
Dieter Gass: Das ist hypothetisch. Wenn wir aber davon ausgehen, dass der Vierzylinder früher gekommen und Mercedes trotzdem noch die zwei Jahre geblieben wäre, dann hätte uns das deutlich mehr Zeit gegeben, mit den Japanern auf ein besseres Niveau zu kommen als das, wo wir letztendlich gelandet sind. Ich denke schon, dass das grundsätzlich die Chancen verbessert hätte.

BMW-Vorstandsmitglied Klaus Fröhlich ging in einem Interview mit der Süddeutschen hart mit Audi ins Gericht und konnte den DTM-Ausstieg nicht verstehen, "weil die DTM bis 2025 ja vollelektrisch werden will". Wie reagieren Sie darauf?
Dieter Gass: Ich möchte gar nicht so viel dazu sagen. Ein kleiner Kommentar: Die Flughöhe von Herrn Duesmann (Vorstandsvorsitzender der AUDI AG; d. Red.) ist Herr Zipse (Vorstandsvorsitzender der BMW AG, d. Red.), nicht der Herr Fröhlich. Da hat es einige Initiativen gegeben, das Gespräch zu suchen, die nicht positiv beantwortet wurden. Da muss man vielleicht mal ein bisschen in den eigenen Spiegel schauen, anstatt über Audi herzuziehen.

Wie konkret waren denn tatsächlich die letzten Pläne, dass die DTM ab 2025 vollelektrisch wird?
Dieter Gass: Sagen wir mal so: Die Diskussionen darüber stecken noch einigermaßen in den Kinderschuhen. Wenn man das realistisch betrachtet, war dieses Datum sehr optimistisch.

Audis DTM-Turbomotor kommt nach rund zweieinhalbjähriger Entwicklungszeit nur in zwei DTM-Saisons zum Einsatz. Das klingt nach einem sehr großen Verlustgeschäft.
Dieter Gass: Ich habe es leider schon das eine oder andere Mal erleben müssen, dass ein Motorsportprogramm beendet wird. Das letzte war Audis Le-Mans-Engagement, als das nächstjährige Auto kurz davor war, auf die Räder gestellt zu werden. Da sind viele Gelder ausgegeben worden, die effektiv verpufft sind. Bei Toyota in der Formel 1, wo ich vorher war, war es letztendlich nicht anders. Wenn so eine Entscheidung fällt, dann wird im Normalfall nicht darauf zurückgeblickt, was schon ausgegeben wurde. Das Geld kann man in solch einer Situation nicht mehr rausholen. Stattdessen wird darauf geachtet, zu vermeiden, in Zukunft Geld auszugeben. Sicherlich ist das ärgerlich.

In den Medien ist die Rede von 80 bis knapp 100 Millionen Euro Budget für Audis DTM-Turboprojekt inklusive der zweieinhalbjährigen Entwicklungsarbeit. Stimmt diese Summe?
Dieter Gass: Diese Summe ist zu hoch. Das ist eines der Probleme von Budgetdiskussionen in der Öffentlichkeit: Jeder hat eine andere Berechnung, wie er sein Budget aufstellt, etwa, ob man nur das Projektbezogene anschaut oder ob man zwischen Fremd- und Eigenleistung unterteilt. Eine Berechnung dieser Zahlen, ohne zu wissen, wie sie genau berechnet worden sind, ist Unfug. Ich verstehe, dass diese Zahlen interessant sind für die Öffentlichkeit. Man kann aber viel Schaden damit anrichten, wenn die Basis nicht stimmt.

Herzstück des Class-1-Reglements: Der Vierzylinder-Turbomotor - Foto: Audi Communications Motorsport

Ist es möglich, dass Audi ab 2021 Kundenmotoren oder Kundenautos für die DTM ausliefern wird?
Dieter Gass: Ich habe gesehen, dass diese Frage in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Uns wurde sie bislang nicht gestellt. Deshalb haben wir uns noch nicht großartig damit befasst. Ich weiß auch nicht, ob nach den Erfahrungen mit WRT (aktuelles Audi-DTM-Kundenteam: d. Red.) eine Anzahl von Leuten sich das wirklich leisten möchte. Bislang gab es keine Anfrage an uns. Geplant ist es aktuell nicht.

Kann es für die drei Audi Sport Teams Abt, Phoenix und Rosberg in der DTM künftig bei Audi in anderer Weise weitergehen?
Dieter Gass: Auch das ist eine Diskussion, die wir jetzt führen müssen. Die meisten Teams fahren nicht nur in der DTM, vielleicht ergeben sich in den weiteren Projekten Anwendungsmöglichkeiten für Audi. Alles Weitere wird man dann sehen.


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