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DTM, Alex Zanardi: Helden brauchen keine Beine

BMW-Ikone Alex Zanardi verblüffte auch 2019 mit Höchstleistungen im Motorsport. Dabei ist der beinamputierte Italiener so viel mehr als nur Rennfahrer.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - "Jetzt nimm dir endlich einen Stuhl, du weißt doch, wie lange ich immer rede!" Alex Zanardi ist aufgefallen, wie mir langsam die Beine einknicken, während ich vor seinem Rollstuhl hocke und seinen stets ausschweifenden Erzählungen lausche. Zanardi kennt dieses Gefühl noch. Bis zu seinem schweren Unfall am 15. September 2001 beim Champ-Car-Rennen auf dem Lausitzring hatte er selbst ein Paar Beine. Seitdem sprintet der inzwischen 53-Jährige im Rollstuhl durchs Leben.

Dabei wollte ich abschließend eigentlich nur wissen, wie er die japanischen Besucher beim 'Dream Race'-Showrennen in Fuji zwischen der Super GT und der DTM wahrnimmt. Hätte mir denken können, dass Zanardi dazu mehr als zwei Sätze einfallen... Und vor allem: Dass man alles andere als die üblichen Phrasen erwarten kann, wenn er über Menschen und Menschlichkeit spricht.

Alex' Erzählungen über seine Begegnung mit den japanischen Fans am Fuji Speedway waren etwa so lange wie die Warteschlange, die sich wenige Stunden zuvor vor der Box gebildet hatte, in der das BMW Team RBM eifrig an seinem speziell angepassten M4-DTM-Rennwagen schraubte. Dass der Mann, der seit Jahrzehnten Menschen auf der ganzen Welt inspiriert, dabei noch einmal so emotional reagieren würde, erschien durchaus verblüffend.

Japanische Fans begeistern Zanardi

Vor allem ein japanischer Fan hatte es Zanardi angetan. Verstehen konnte er ihn nicht, doch das war auch gar nicht nötig. Die Begeisterung in seinen Augen reichte dem Italiener aus, um die Bedeutsamkeit dieses Augenblickes zu verstehen. "Der Mann hat sich wahnsinnig gefreut, seinen Helden zu treffen", berichtete Zanardi ebenso begeistert. "Dabei bin ich doch ein Niemand. Ein ganz normaler Typ, der das Privileg hatte, so viele fantastische Dinge erleben zu dürfen."

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George Foreman sagte einst über seinen großen Ringrivalen Muhammad Ali: "Er ist größer als der Boxsport. Wenn man über Ali als Boxer sprechen würde, wäre das eine Herabwürdigung. Der Mann war etwas Besonderes." Ähnliches könnte man auch über Zanardi schreiben, bei dem der Motorsport schon längst nicht mehr das Hauptthema ist. Seit 2015 hat er nur sieben Rennveranstaltungen in diversen BMW-Rennwagen bestritten.

"Wir Menschen können in so vielen Bereichen wichtig sein", philosophierte Zanardi nach seinem jüngsten Auftritt in Fuji. "Wir sollten nicht die Gelegenheit verschwenden, auf irgendeine Art und Weise wichtig zu sein für andere Menschen. Hier in Japan hatte ich das Gefühl, wichtig für andere Menschen zu sein und dafür möchte ich mich bedanken."

Dabei strahlte Zanardi zu jedem Zeitpunkt eine Aura der Positivität aus, die einen fast vergessen lässt, dass er keine Beine mehr hat. Nicht wegen seines Rollstuhls ist er am Boden geblieben. Sondern, weil er das Leben mit all seinen Chancen zu schätzen weiß und diese Erkenntnis gern mit anderen teilt.

"Er zeigt den Menschen da draußen, dass es zwar Grenzen gibt, man aber immer versuchen muss, sie zu erweitern", schwärmte BMW Motorsport Direktor Jens Marquardt. "Das ist die Botschaft, die wir alle lernen müssen: Akzeptiere nicht das Limit, das du vielleicht als solches ansiehst, sondern mache immer weiter."

Alessandro Zanardi ging 2019 für BMW beim Dream Race an den Start - Foto: BMW Motorsport

Marquardt erlebte Zanardis Unfall vor Ort

Marquardt, im gleichen Alter wie Zanardi, war damals am Lausitzring vor Ort, als Zanardi beinahe sein Leben verloren hätte. Zwei Jahre später nahm BMW den Fan-Liebling auf und ermöglichte ihm bis heute zahlreiche Renneinsätze. Wer hätte damals schon ahnen können, dass Zanardi im Jahr 2019 zunächst bei den 24 Stunden von Daytona und später beim Auftritt der DTM in Fuji für den Autobauer aus München Rennen auf allerhöchstem Niveau bestreiten würde?

Dabei ist es inzwischen nicht mehr Zanardis primäre Aufgabe, ein Rennen als Erster zu beenden. "BMW hat mich nicht eingeladen, um das Rennen zu gewinnen", war er sich seiner Leistungsfähigkeit im Vergleich zu Fahrern, die allesamt seine Kinder sein könnten, bewusst. "Ich soll die Marke repräsentieren und mein Bestes geben. Aaaaber... Wir sind alle Racer und jeder will sein Bestes geben. Es wäre die größte Sünde, es nicht zu probieren und auch nicht zu erwarten, dass ich eine bessere Leistung zeigen kann."

Der BMW M4 DTM wurde für Zanardi angepasst - Foto: BMW

Als Zanardi in Fuji nach den ersten Trainingsfahrten einige Sekunden hinter seinen Kollegen zurücklag, wollte er nicht einmal gelten lassen, den Umgang mit dem neuen DTM-Turboauto nicht gewohnt zu sein. Klare Ansage: So viel langsamer ist ein Zanardi auch heute nicht! "Ich habe in meiner Karriere als Rennfahrer zu viel erlebt, um akzeptieren zu können, auf so einem niedrigen Level zu fahren", zeigte er sich trotziger als erwartet.

Und wieder einmal verblüffte Zanardi die versammelte Motorsportwelt, als er im völlig chaotischen Sonntagsrennen die Übersicht behielt und die Ziellinie auf dem 13. Platz überquerte. "Es war fantastisch, wieder einmal wegen der Performance wichtig für die Menschen gewesen zu sein", sagte Zanardi. "Bei jedem Autogramm, jedem Selfie mit einem Fan oder wenn ich ihre Hände schüttelte, war das wunderbar. Vielleicht fühlt sich das jetzt so an, weil ich älter und damit emotionaler werde."

BMW-Motorsportchef würdigt Zanardi

"Alex ist nicht Alex Superstar, sondern der Typ von nebenan", gab Marquardt Einblicke ins Teaminnere. "Er weiß zu schätzen, was wir für ihn tun. Und wir wissen zu schätzen, was er für uns leistet. Alex ist ein ganz besonderer Mensch, mit dem die Arbeit unheimlich viel Spaß bereitet. Er gibt seine Energie weiter, anstatt sie für sich selbst zu behalten."

Und davon mangelt es Zanardi keinesfalls. So nutzte er das Show-Rennwochenende am Fuji des Mount Fuji auch noch, um sich auf die Paralympics 2020 in Tokio vorzubereiten. Sollten die Spiele trotz der Corona-Krise stattfinden, wird die Handbike-Disziplin, die Zanardi seit vielen Jahren äußerst erfolgreich bestreitet, unter anderem auf dem Fuji Speedway ausgetragen.

Bei den Paralympischen Spielen in London 2012 und Rio 2016 gewann er insgesamt vier Goldmedaillen in der Paracycling-Kategorie. Ein gutes Omen für Tokio? Auch damals errang Zanardi seine Siege an den Orten früherer Formel-1-Rennstrecken, namentlich Brands Hatch respektive Jacarepagua (Autodromo Internacional Nelson Piquet).

Alex ist nicht Alex Superstar, sondern der Typ von nebenan.
Jens Marquardt

"Das ist schon eine romantische Geschichte", erzählte Zanardi. "Als die Austragungsstätte bei meinen ersten Paralympics entschieden war, sagte ich, dass ich als Rennfahrer nie ein Rennen in Brands Hatch gewonnen habe - und dass es Zeit wäre, das zu ändern! Dann in Rio wurde das Olympische Dorf an der Stelle aufgebaut, wo früher Jacarepagua war. Vor allem dort, wo der Ovalkurs war, auf dem ich damals IndyCar-Rennen gefahren bin. Und nie gewonnen habe... Dann hat es geklappt, und jetzt für Tokio haben sie diesen Ort hier ausgewählt."

Wie gut Zanardi im Saft steht - acht Jahre nach seiner ersten olympischen Goldmedaille - stellte er Mitte dieses Jahres bei seinem Heimrennen, dem UCI Para-Cycling Road World Cup in Corridonia, unter Beweis, als er das Einzelzeitfahren mit deutlichem Vorsprung gewann. "Im Schnitt hatte ich beim letzten Rennen 42,7 km/h drauf bei einer Länge von 21 Kilometern", machte Zanardi deutlich, was er auf dem von Dallara gefertigten Handbike zu leisten imstande ist.

2016 gewann Alex Zanardi bei den Paralypics in Rio zwei Goldmedaillen - Foto: BMW Motorsport

Und weiter: "Ich bin nicht mehr der Stärkste, verliere jedes Jahr an Performance. Aber ich kenne meine innere Maschine ziemlich gut. In der Vergangenheit habe ich Rennen gewonnen, weil ich die Performance über den längsten Zeitraum liefern konnte."

Und so werden die japanischen Fans auch im kommenden Jahr zu Zanardi aufschauen, wenn der Hero das Rennauto gegen sein Handbike eintauscht und nach weiteren Meilensteinen einer einzigartigen Karriere als Mensch und Sportler strebt.

Superhelden brauchen keine Capes, um Großes zu leisten. Und Alex Zanardi braucht keine Beine.

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