Unter normalen Umständen wäre Platz zwei für Raul Fernandez im Indonesien-GP wohl eine herbe Enttäuschung gewesen. Doch 'normal' war beim Trackhouse-Piloten am Sonntag rein gar nichts. Bei seinem Sturz im Sprint einen Tag zuvor hatte er sich nämlich nicht nur einen, sondern gleich zwei Finger an der rechten Hand gebrochen. Lange Zeit war unklar, ob der Premierenpolesitter überhaupt am MotoGP-Rennen teilnehmen könnte. Letztlich konnte er aber - und wie.

Anders als am Samstag gelang es Fernandez diesmal, einen Angriff von Marco Bezzecchi gleich beim Start erfolgreich abzuwehren und Startplatz eins in die Führung umzumünzen. Mit einigen schnellsten Runden im Gepäck zog er seinem ersten Verfolger zwischenzeitlich dann sogar auf neun Zehntelsekunden davon. Selbst Bezzecchi hatte zu Beginn des Rennens also Probleme, dem schwer angeschlagenen Spanier zu folgen. Vom restlichen Feld brauchen wir an dieser Stelle gar nicht erst zu sprechen. Erst zur Rennmitte kam Bezzecchi wieder näher. Ein Überholmanöver ließ aber dennoch bis Runde 19 auf sich warten.

Raul Fernadez rast mit zwei gebrochenen Fingern aufs MotoGP-Podium

"Ich weiß nicht, wie ich das geschafft habe. Ich weiß es wirklich nicht", zeigte sich Fernandez im MotoGP-Format 'After the Flag' dann fast sprachlos ob der eigens erbrachten Performance. Im Anschluss gewährte er einen Einblick in die letzten Stunden seines Lebens: "Als ich heute morgen aufgewacht bin, hat sich mein Finger schrecklich angefühlt. Das Problem war aber nicht einmal der Schmerz, sondern die Tatsache, dass das der Finger war, den ich normalerweise zum Bremsen benutze. Vor dem Warm Up saß ich auf dem Motorrad und hatte keine Ahnung, wie ich bremsen sollte."

Fernandez hatte bereits am Samstagabend verraten, dass er sich bei der brisanten Kollision mit Bezzecchi den Zeigefinger an der rechten Hand gebrochen hatte. Einen zweiten Bruch des kleinen Fingers verschwieg er zu diesem Zeitpunkt noch, denn auch die Fraktur am Zeigefinger war schlimm genug. Wie bereits erwähnte handelte es dabei nämlich um jenen Finger, mit dem Fernandez normalerweise den Bremshebel seiner Aprilia RS-GP betätigt. "Mein Team hat deshalb die Position meiner Hand [auf dem Lenker, Anm.] etwas verändert und auch die Bremse angepasst. Das hat sich gut angefühlt, weswegen ich im Warm Up auf die Strecke gegangen bin. Dort musste ich dann aber nochmal komplett bei Null beginnen, weil all meine Referenzpunkte und die Art und Weise, wie ich die Bremse benutze, völlig neu waren. Auch die Art und Weise, wie ich in die Kurven gefahren bin, war jetzt ganz anders. Das war wirklich schwer, sich darauf einzustellen."

Trackhouse begrüßte Raul Fernandez bei Zielankunft feierlich, Foto: Trackhouse MotoGP Team
Trackhouse begrüßte Raul Fernandez bei Zielankunft feierlich, Foto: Trackhouse MotoGP Team

Entgegen letzter Aussage stimmte die Performance aber recht schnell. Das Warm Up beendete Fernandez gleich als Zweiter, nur 43 Tausendstelsekunden hinter Bezzecchi. Es ging also, aber würde sich das auch über 27 Rennrunden aufrechterhalten lassen? Die Zweifel waren da, und das zurecht. "Nach 13 bis 14 Runden war ich komplett zerstört", gestand der 25-Jährige aus Madrid. "Die Schmerzen waren groß und es war nicht leicht, keine Fehler zu machen." Als Bezzecchi vorbeizog, hatte Fernandez seinem Markenkollegen deshalb auch nichts mehr entgegenzusetzen. Aber Rang zwei war Trost genug: "Dieses Podium fühlt sich fantastisch an, ich bin sehr, sehr glücklich. Uns ist etwas ganz Spezielles gelungen."

Heroische Leistung von Raul Fernandez: Aprilia-Kollegen staunen

Tatsächlich war das wohl eine der heroischsten MotoGP-Leistungen der letzten Jahre, weshalb auch Bezzecchi - mit dem Fernandez nach dem Sprint noch im Clinch lag - größten Respekt zollte. "Das war wirklich beeindruckend, welche Pace er in diesem Zustand an den Tag gelegt hat. Raul war das ganze Wochenende über der wahrscheinlich Schnellste. Deshalb hatte ich erwartet, dass er schnell sein würde. Aber in diesem Zustand war das schon sehr beeindruckend." Jorge Martin, der zweieinhalb Sekunden hinter Fernandez ins Ziel gekommen war, streute ebenfalls Rosen: "In Spanien sagen wir, dass so jemand dicke Eier hat. Er musste einen anderen Finger nehmen, [um zu bremsen, Anm.]. Das war beeindruckend, heute so viele Runden zu führen und mich zu schlagen."

Doch wie war das eigentlich möglich, mit gleich zwei gebrochenen Fingern so schnell Motorrad zu fahren? "Ich habe heute morgen eine Spritze bekommen, um die Flüssigkeit zu entfernen und dann habe ich ein paar Tabletten genommen. Danach habe ich mich besser gefühlt", berichtet Fernandez. Und weiter: "Meine Physios und Ärzte sind auf die Idee gekommen, dass ich meine Hand am Lenker lassen und nur einen Finger zum Bremsen bewegen könnte, wenn sie mich tapen würden. Scheint, als hätte das funktioniert."

Marco Bezzecchi zeigte sich beeindruckt von Podest-Partner Raul Fernandez, Foto: MotoGP Press
Marco Bezzecchi zeigte sich beeindruckt von Podest-Partner Raul Fernandez, Foto: MotoGP Press

Eine unkonventionelle Lösung also. Doch das machte das Aushalten der Schmerzen natürlich nur bedingt leichter. "Nicht an sie zu denken, das war der Schlüssel", gab Fernandez diesbezüglich an. Wie schwer ihm der Auftritt am Sonntag in Summe gefallen sei? "Das Problem ist, dass wir alle zu verrückt sind. Eigentlich ist das nicht schön und sehr schmerzhaft, aber wir wissen, dass wir Leute in unserem Umfeld haben, die uns und unsere verrückten Ideen unterstützen", lachte er. Von MotoGP-Kommentar Matt Bird abschließend als "Superheld" bezeichnet, meinte Fernandez dann nur: "Nein, ich bin kein Superheld. Ich bin nur ein normaler Mensch, der es liebt, in der MotoGP zu fahren."

Wie sehr hat euch die Leistung von Raul Fernandez am Sonntag beeindruckt? Sagt es uns in den Kommentaren!

Warum Landsmann Pedro Acosta nach dem Indonesien-GP überhaupt nicht zu drauf war, erfahrt ihr derweil in diesem Artikel: