Der MotoGP-Samstag begann traumhaft für Raul Fernandez. Im Qualifying zum Indonesien-Grand-Prix sicherte er sich im 90. Anlauf endlich seine erste Pole Position in der Königsklasse. Der Sprintsieg schien nach überlegenen Vorstellungen im Training daraufhin nur eine Formalität, aber das Schicksal hatte andere Pläne für den Trackhouse-Piloten. Sein Rennen endete schon in Kurve eins - wie auch jenes von Markenkollege Marco Bezzecchi.
Marco Bezzecchi und Raul Fernandez kollidieren beim Sprintstart in Mandalika
Die beiden Aprilia-Piloten kamen beim Start des Sprints um 9:00 Uhr MEZ jeweils nicht gut weg und gerieten dadurch schnell unter Druck von Fabio Di Giannantonio, der vom dritten Platz losgefahren war. In der Anfahrt zu Kurve eins mischte sich dann auch noch Marc Marquez ins Geschehen ein. So fuhr das Quartett Seite an Seite auf den ersten Bremspunkt zu: Di Giannantonio ganz innen, dann Marquez, dann Bezzecchi und ganz außen schließlich Fernandez. 'Diggia' drückte sich durch, ging gemeinsam mit Marquez etwas weit. Bezzecchi reagierte darauf und richtete seine Aprilia leicht auf, wodurch es zur Berührung mit Fernandez kam und beide RS-GP-Piloten zu Boden gingen. Seht hier selbst:
Sofort stellte sich natürlich die Schuldfrage. "Es tut mir leid für Bezzecchi und Raul, sie hatten da echt Pech. Aber das ist Racing, das kann passieren", stempelte Ducatis Teammanager Davide Tardozzi den Zwischenfall im offiziellen Livestream der MotoGP schnell als Rennunfall ab. Die Stewards um Simon Crafar sahen das wohl ebenso, denn eine Untersuchung wurde nicht eingeleitet. Im Trackhouse-Lager war die Meinung naturgemäß aber eine andere.
"Nach den ersten Bildern würde ich sagen, dass Jorge [vermutlich ist hier Di Giannantonio gemeint, denn Martin hatte sich aus dem Zwischenfall herausgehalten, Anm.] und Marc ziemlich aggressiv waren in Kurve eins und so viele Positionen wie möglich gutmachen wollten. Das war dann das Resultat", schäumte nämlich Boss Davide Brivio, dessen Trackhouse-Team gerade vielleicht um den erst dritten Sprintsieg der eigenen MotoGP-Geschichte gebracht worden war. Ob das Manöver der beiden zu aggressiv gewesen sei? "Für die erste Kurve ja, denke ich. Aber ich bin nicht überrascht."
Das war Absicht! Raul Fernandez erhebt schwere Vorwürfe gegen Bezzecchi
Sehr wohl überrascht war am Samstag sein Schützling Fernandez, denn dieser hatte speziell den Angriff Bezzecchis nicht erwartet. Vor allem aber war der 25-Jährige aus Madrid extrem enttäuscht vom Verhalten seines Markenkollegen und erhob nach Sprintende heftige Vorwürfe. "Ich verstehe, dass wir Fehler machen können. Wir wollen keine Fehler machen und dennoch passiert es manchmal, das weiß ich und damit habe ich kein Problem. Das ist Teil des Sports und eines Tages kann das auch mir wieder passieren", begann er, nur um dann klarzustellen: "Was mich aber extrem ärgert ist, wenn du nur daran denkst, einen anderen Fahrer von der Strecke zu drücken."

Fernandez sah also nicht nur die Schuld für den Zwischenfall in Kurve eins bei Bezzecchi. Er unterstellte dem Aprilia-Werkspiloten im Folgenden gar Absicht: "Die Kollision ist eine Folge des Starts. Ich habe da versucht, mein Bike in der Mitte der Strecke zu platzieren, um den anderen Fahrern keine Tür zu öffnen. Marco hatte aber einen guten Start. Er war zwar nicht vollständig vorne, aber direkt neben mir und hat dann begonnen, mich von der Strecke zu drücken. Das frustriert mich, denn das, was er da versucht hat, war nicht sauber. Ich habe kein Verständnis dafür, so etwas zu tun. Er hat mir keinen Platz gegeben, dann haben uns zwei Ducatis überholt und wir sind gestürzt."
Marco Bezzecchi verteidigt sich: Das war ein Rennunfall!
Bezzecchi selbst wollte am Samstag übrigens nichts von einem unfairen Manöver wissen. "Das war ein Rennunfall. Beim Start sind immer all eng beisammen. Da kann es manchmal passieren, dass du deine Linie etwas anpassen musst. Das wollte ich tun und dann gab es unglücklicherweise den Kontakt. Das ist aber nichts, worüber ich mich beklagen will. Das kann passieren. Ich bin einfach traurig, weil wir bis dahin sehr gute Arbeit geleistet hatten. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen, das war Racing", analysierte er den Zwischenfall und meinte speziell nach Fernandez befragt dann noch: "Wenn Raul wütend ist, tut mir das leid. Aber ehrlich gesagt war er es, der mich berührt hat. Es gibt also nichts, worüber man wütend sein sollte. Das ist einfach Racing. Wir konnten uns beide nicht in Luft auflösen."
Zuspruch erhielt Bezzecchi von Sprintsieger Marquez. Dieser meinte: "Kurve eins? Das ist einfach zu erklären. Da waren vier Motorräder nebeneinander. Bezzecchi hat auf Raul geachtet und versucht, etwas später zu bremsen als er. Ich habe auf Bezzecchi geachtet und versucht, etwas später als er zu bremsen und Diggia hat auf mich geachtet, um etwas später als ich zu bremsen. Die Konsequenz ist, dass vier Fahrer abseits der Linie landen und Martin in einer Kurve von Platz fünf auf eins nach vorne schießen kann. Das war hart und etwas am Limit, aber das ist Racing. So läuft das in der ersten Kurve."
Raul Fernandez auch noch verletzt: MotoGP-Start am Sonntag fraglich
Fernandez blieb jedoch bei seiner Meinung. "Wir haben die Zahlen gesehen. Wir wussten, dass wir beide den Sieg untereinander ausmachen würden und er hat sich dann nur auf mich fokussiert", ärgerte er sich weiter und stichelte: "Ich fahre nicht um die Weltmeisterschaft, er schon. Für mich war das nicht sehr clever von ihm." Tatsächlich dürften Bezzecchis Titelträume mit nun 59 Punkten Rückstand in der Weltmeisterschaft auf Marc Marquez spätestens jetzt ausgeträumt sein. Aber auch für Fernandez endete der Samstag schmerzhaft. Wie er verriet, brach er sich beim Sturz in Kurve eins den rechten Zeigefinger und muss nun um die Teilnahme am Indonesien-GP zittern. "Ich habe das Grüne Licht bekommen, um es im Warm Up zu versuchen, aber ich weiß nicht, ob ich das Rennen starten kann", haderte er und seufzte: "Mit einem Manöver haben wir das gesamte Wochenende ruiniert."
Einziger Trost: Die Aprilia-Führungsriege um Racing-CEO Massimo Rivola und Technikdirektor Fabiano Sterlacchini soll Fernandez' Ärger geteilt haben. "Ich hatte das Gefühl, dass sie mich und meine Meinung unterstützt haben", kommentierte der Spanier. Durchaus verständlich, denn für Aprilia wurde der Samstag so zum kompletten Reinfall. Umso bitterer: Die Aprilia-Bosse sollen vor Rennstart sogar noch vor genau einem solchen Zwischenfall gewarnt haben. "Ja", antwortete Fernandez auf die Frage, ob es eine Anweisung gegeben hätte, nicht zu aggressiv gegeneinander vorzugehen. "Sie haben uns gesagt, dass wir uns wie Gentlemen verhalten sollen. Ich habe es versucht, aber es sieht aus, als wäre er mir gegenüber kein Gentleman gewesen."
Könnt ihr Fernandez' Wut nachvollziehen oder teilt ihr eher die Meinung von Bezzecchi und Marquez? Sagt es uns in den Kommentaren! Warum zusätzlich auch noch Jorge Martin einen sicheren Sprintsieg aus der Hand geben musste, erfahrt ihr derweil hier:



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